Unrecht als Weltkulturerbe

Die kommunistische Führung Chinas will den Tiananmen-Platz und das Mao-Mausoleum auf die Unesco-Liste setzen lassen. Eine Spurensuche zwischen dem toten Diktator und seinem Nachfolger.

Selfie mit dem Grossen Vorsitzenden der KP: Chinesen vor dem Mao-Mausoleum auf dem Tiananmen-Platz in Peking. Foto: Roman Pilipey (EPA/Keystone)

Selfie mit dem Grossen Vorsitzenden der KP: Chinesen vor dem Mao-Mausoleum auf dem Tiananmen-Platz in Peking. Foto: Roman Pilipey (EPA/Keystone)

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Nun stand er doch hier auf dem Platz, in der Dunkelheit dieses Sommertags, der sich schon um vier Uhr morgens klebrig und schwül anliess. Sah mit Tausenden anderen die Sonne aufgehen, stumm, und die Flagge den Fahnenmast hochklettern, vorangetrieben von den blechernen Klängen der Nationalhymne. Die Menschen reckten die Hälse nach der Fahne, vor uns eine Mutter und ihre Tochter, fast wie in dem Gedicht: «Neugierig, andächtig / Eine junge Mutter / hält die winzigen Hände ihres Kindes hoch / für ein Salut». Worte eines Dichters sind das, der auf diesem Platz vor fast dreissig Jahren gemeinsam mit der Jugend Pekings eine neue Welt herbeigerufen hatte. Und der dann in der Nacht zum 4. Juni 1989 zusehen musste, wie die Dunkelheit ihn wieder verschlang: den Platz, den Himmlischen Frieden. Die Verse des Liu Xiaobo über Mutter und Kind nehmen deshalb diese Wendung: «Für ein Salut / an die Lüge, die den Himmel bedeckt».

Sie wollen ihn jetzt zum Weltkulturerbe machen. Den Platz des Himmlischen Friedens. Und Mao und sein Mausoleum. Als Teil der alten kaiserlichen Achse, entlang der Peking einst von Norden nach Süden hin angelegt worden war. Der Plan, die Zentralachse zum Weltkulturerbe zu machen, ist schon älter: Der Kaiserpalast liegt auf der Achse, die alten Stadttore. Aber dass die Regierung nun auch den Tiananmen-Platz und den toten Mao als Teil der Achse bei der Unesco einreichen will, das ist neu.


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Man nähert sich ihm langsam, dem toten Mao Zedong. Von dem Fahnenmast sind es auf dem Tiananmen-Platz ein paar Schritte bis zu dem Mausoleum, in dem Mao aufgebahrt liegt. Schlange stehen, fast zwei Stunden, wie sich das gehört für eine Audienz. Der Freund erzählt. Vom Vater, der zum Rechtsabweichler abgestempelt und aufs Land verschickt worden war, wo ihn Hunger und Prügel erwarteten. Von seinem eigenen Namen, der nicht sein richtiger ist: Die Mutter fand damals, der Sohn solle besser nicht den Namen des Vaters tragen – zu gefährlich. «Immerhin», sagt er dann: «Wir haben ihn überlebt, Mao.»

Millionen andere nicht. Mao eroberte einst das Reich. Danach legte er das Land in Ruinen und schickte Abermillionen in den Tod: Er liess sie verhungern im «Grossen Sprung nach vorne» (1958 bis 1961), hetzte sie einander an die Kehle in der Kulturrevolution (1966 bis 1976) – und brach den Überlebenden, einem ganzen Volk, das Rückgrat.

Der Einzelne fühlt sich nackt

Der Platz und die Macht, die beiden gehörten immer zusammen. Himmlischer Frieden, zuerst trug das Südtor des Kaiserpalastes den Namen. Der Platz kam erst später, und vor Mao hatte er noch menschliche Proportionen. Der neue Herrscher Mao rief dann vom Tor des Himmlischen Friedens am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China aus. Und befahl, den Platz zu erweitern. Er gab dem Platz eine Weite, in der der Einzelne untergeht. Er wünschte sich ein Exerzierfeld im Herzen des Reiches, 44 Hektaren gross. An beiden Flanken betonierte Staatsmacht. Nackt fühlt sich der Einzelne, hier braucht er die Masse, um sich geborgen zu fühlen. Während der Kulturrevolution liess Mao die Roten Garden dort an sich vorbeiziehen. Als er starb, setzten die Erben das Mausoleum genau in die Mitte des Platzes.

Als der Plan der Regierung im Juli bekannt wurde, reagierten nicht wenige mit ungläubigem Staunen. Weltkulturerbe? Der einbalsamierte Diktator? Und dieser Platz, über den die Partei 1989 die Panzer gegen das eigene Volk rollen liess? Mao, der geniale Stratege, der Rebell, der Leitstern Chinas. Mao, der Frauenheld, der Tyrann, der Menschenverächter, der leidenschaftliche Anstifter von Chaos und Zerstörung. Die Unesco-Beamten, die den Antrag prüfen, werden mit ihrem Urteil auch über den Architekten der Auslöschung des alten Pekings befinden. «Mit Mao», sagt der australische Sinologe und Filmemacher Geremie Barmé, «würde der Vandalismus zum Weltkulturerbe erhoben.»

Bis heute liegt dieses Land unter dem Schatten Maos. Bis heute hat sich dieses Volk nicht erholt von den Schrecken, die er ihm zufügte. Bis heute lebt es unter dem Schatten der Ereignisse, die 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens geschahen, und der Entscheidungen, die danach getroffen wurden. Das ewige Misstrauen eines jeden gegen jeden, das moralische Vakuum, die Gier nach Geld und Profit – wenn China heute so aussieht, wie es aussieht, dann wesentlich wegen Mao und wegen 1989.

Der Kontrollfreak Xi ist in vielem das Gegenteil vom ewigen Rebellen Mao. Aber er zitiert ihn ständig.

Mao wollte nie ausgestellt werden im Tod. Er hatte seine Einäscherung angeordnet, dem Volke zum Vorbild. Aber als er dann am 9. September 1976 starb, entschieden die Parteigrössen, allen voran sein Nachfolger Hua Guofeng und Marschall Ye Jianying: Mao soll einbalsamiert und dem Volke zur Anbetung vorgesetzt werden.

Dai Qing ist eine Adoptivtochter von Marschall Ye Jianying. Die roten Prinzen nannte man die Kinder der alten Revolutionäre später, als klar wurde, dass da aus proletarischem Kampfgebrüll eine neue Aristokratie geschlüpft war. Dai Qing ist unter all den Söhnen und Töchtern der Elite ein schwarzes Schaf. Sie ist eine, die ausbrach, die in ihren Artikeln und Büchern die Wahrheit hinter vielen Lügen suchte. Eine, die stets zwischen allen Stühlen sass und irgendwann auch im Gefängnis. Der glühenden Begeisterung von Chinas Jugend für Mao, den Messias, verfiel auch sie, kurz, am Anfang der Kulturrevolution. «Ich habe noch mein Tagebuch, in dem ich fürchterlich bangte um Mao, weil er doch sterblich war.» Dai Qing lacht schallend, als sie das erzählt.


Bilder: Xi Jinping zementiert seine Macht


Sie machte nicht mit bei der rauschhaften Hetzjagd und dem Morden, das die Rotgardisten bald mit Billigung Maos lostraten. Das Entsetzen über die Kulturrevolution und den von Mao orchestrierten Zivilisationsbruch wurde ihr zur Motivation für ihre historisch-investigativen Werke, in denen sie den Verbrechen Maos und der Partei nachspürte. Der seit 2012 herrschende Parteichef Xi Jinping ist ebenfalls ein Abkömmling der roten Aristokratie. Die Führer von heute, Dai Qing kannte viele noch als Kind. Wo steht China jetzt?

«Niemals hätte ich mir träumen lassen, dass die Ereignisse vom 4. Juni 1989 unser Land so weit zurückwerfen können», sagt Dai Qing. «Heute sind wir eine feudalistische Diktatur, die Marx im Mund führt und Lenin praktiziert. Eine Diktatur, die immer perfekter wird im Zeitalter der digitalen Kontrollinstrumente. Wir sind auf dem Weg zurück zum totalitären Staat.»

Wieder ein «Steuermann»

Xi Jinping, der Parteichef, ist der erste seit Mao, den sie wieder «Steuermann» nennen. Er hat dem toten Mao im Mausoleum die Ehre erwiesen kurz nach seiner Machtübernahme. Der Kontrollfreak Xi ist in vielem das Gegenteil vom ewigen Rebellen Mao. Aber er zitiert ihn ständig. Der Rechtsstaat, das sei nur «das Heft eines Messers in den Händen der Partei» ist ein solches Zitat. Xi spannt auch den von Mao so gehassten Konfuzius wieder ein im Dienste der Autokratie, und er schafft das Kunststück, noch jede seiner Volten mit Mao selbst zu rechtfertigen: «Aber die Welt ist im Wandel, und aus Meeren werden Maulbeerfelder.»

Xi spielt mit der Symbolik der alten Achse Pekings so meisterhaft, wie es einst Mao tat. Nur Tage nach seiner Machtübernahme 2012 führte er seine Politbürokollegen ins Nationalmuseum am Tiananmen-Platz. Dort prophezeite er dem chinesischen Volk die «Wiedergeburt» als grosse Macht. Xi nennt das den «Chinesischen Traum». Xi gibt den Prophet aller Propheten. Einer, der sich als Führer einer auserwählten Nation in einer glorreichen Tradition weiss, die 5000 Jahre zurückreicht. Als Führer einer Partei, die von der Geschichte erkoren ist, die «100 Jahre Demütigung» der chinesischen Zivilisation durch die Mächte des Westens wieder vergessen zu machen. «Xi Jinpings Ziel», sagt Sinologe Barmé, «ist es, mit Mao gleichzuziehen – und am Ende wichtiger zu werden als Mao.» So macht Xi keinen Hehl daraus, dass er derjenige sein möchte, der die Wiedervereinigung mit Taiwan vollbringt. Pekings Zentralachse soll im Jahr 2035 Weltkulturerbe werden. Für dieses Jahr hat Xi Jinping dem Land die «globale Führerschaft bei der Innovation» versprochen. Dazu eine «Weltklasse-Armee».

Für die Beobachter Chinas und der KP hat Barmé nur einen Rat: «Nehmt sie ernst! Nehmt ihre internen Dokumente beim Wort!» Xi Jinping, sagt er, mische Mao, Marx, Konfuzius mit extremem Nationalismus und kreiere daraus eine «metaphorische Landschaft», die dem Volk das Gefühl einer Mission injiziere. «Das ist Material von unglaublicher Macht», sagt Barmé.

Der Siegeszug der kollektiven Amnesie

An den Stufen vor dem Mausoleum. Die Wächter achten darauf, dass keiner innehält. Gedämpfte Schritte, sonst kein Laut. Dunkelheit, in der Mitte der Sarg, darin ein wächsernes Gesicht in seltsam oranges Licht getaucht. Mao Zedong. Ein paar Sekunden, ein paar Blicke. Unten, am Ausgang der Freund, erleichtert. «Nein, das war jetzt nicht schlimm», sagt er. «Wie er da lag, sein Gesicht ...» Er macht eine Pause. «Er ist tot.» Fast erstaunt. «Mao ist tot.»

Stimmt. Aber: Noch während er starb, hat Mao eine posthume Karriere angetreten. Und nähme die Unesco den Tiananmen-Platz und den toten Mao tatsächlich ins Weltkulturerbe auf, es wäre ein besonderer Erfolg für die KP: Es wäre der Siegeszug der kollektiven Amnesie, die sie ihrem Volk anbefohlen hat. Über dem gläsernen Sarg Maos verkündet eine Inschrift: «Der Grosse Vorsitzende ist unsterblich.» Und noch immer macht er Politik.

Erstellt: 24.08.2018, 19:16 Uhr

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