«Iranische Marine!» – und das Boot dreht kurzerhand ab

Der Konflikt zwischen Saudiarabien, den USA und dem Iran spitzt sich zu. Unterwegs in der Strasse von Hormuz, dem Nadelöhr des Ölhandels.

Im Brennpunkt der Weltpolitik: Motorboote der Iranischen Revolutionsgarden kapern am 21. Juli 2019 einen britischen Tanker in der Strasse von Hormuz. Foto: Saeed Abdolizadeh (Alamy)

Im Brennpunkt der Weltpolitik: Motorboote der Iranischen Revolutionsgarden kapern am 21. Juli 2019 einen britischen Tanker in der Strasse von Hormuz. Foto: Saeed Abdolizadeh (Alamy)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Blaugrün und spiegelglatt liegt er da, der Golf, keine Welle kräuselt sein Wasser. Im Rücken, an der Uferpromenade, lassen die Palmen ihre Fächer hängen. Die Luft steht. 32 Grad hat das Meer, 32 Grad sind es am Strand. Das ist Hormuz. Dieser winzigen Insel verdankt die politisch wichtigste Wasserstrasse der Welt ihren Namen.

Im Schnitt werden pro Tag 21 Millionen Barrel Öl durch die Strasse von Hormuz transportiert, etwa ein Fünftel des globalen Verbrauchs und ein Drittel des mit Tankern verschifften Öls. Drei Viertel davon waren für Asien bestimmt, das meiste für China, gefolgt von Indien, Japan und Südkorea.

Massgebliche Exporteure sind Saudiarabien und die Emirate, beide entschiedene Gegner des Iran. Würde der Iran die Strasse blockieren, wären schwerste wirtschaftliche Verwerfungen die Folgen – unter denen auch Europa und die USA leiden würden.

Unterwegs vor der Küste

An diesem Morgen ist kein Helikopter am Himmel, kein Flugzeug, keine Drohne. Träge dümpeln Schiffe vor der Insel Qeshm, sie warten auf die Einfahrt in den grössten Hafen des Iran, Shahid Rajaee, im Westen von Bandar Abbas. Die Stadt beherbergt das Hauptquartier der iranischen Marine und den grössten Flottenstützpunkt der Islamischen Republik.

Hossein macht sein Boot klar. Der Aussenborder springt nicht an, die Batterie ist leer. Das Boot wurde länger nicht gewartet, die Touristen kommen erst im Oktober, wenn das Thermometer mittags nicht mehr auf über 45 Grad steigt. Hossein holt ein Tau, wirft den Motor von Hand an.

Der 52 Jahre alte Iraner trägt ein graues T-Shirt über seiner Cargohose. Das Boot gehört Hossein nicht, aber er ist von seinen 52 Jahren immerhin 38 auf dem Meer unterwegs gewesen. Er dreht das Gas hoch, nimmt Kurs in den Golf hinaus. Links rückt Hormuz näher, rechts Qeshm, Irans grösste Insel.

Hochhäuser ragen über den Hafen der gleichnamigen Stadt auf, sie ist beliebter Urlaubsort und zugleich Zentrum einer Freihandelszone mit vielen Shoppingmalls. Fern am Horizont zeichnen sich Schiffe ab, die braungraue Abgasglocke ihrer Motoren lässt erahnen, wo die zwei schmalen Fahrrinnen der Strasse von Hormuz verlaufen.

Grafik vergrössern

«Von hier sind es 59 Kilometer bis Oman», brüllt Hossein gegen den Motor an. Zwischen den Inseln steuert er sein Boot an einem Öltanker vorbei, der vor Anker liegt. Das riesige Ruder der Sabiti ist unter dem Heck zu sehen, sie ist nicht beladen, ragt hoch aus dem Wasser.

Ältere Bilder im Internet zeigen das 274 Meter lange Schiff mit der weissen Aufschrift «N. I. T. C.» auf dem schwarz-roten Rumpf, National Iranian Tanker Company, der mächtige Schornstein war in den iranischen Nationalfarben Grün-Weiss-Rot gestrichen – beides wurde schwarz überpinselt. Seit dem 5. November 2018 ist das Schiff wieder mit US-Sanktionen belegt, so wie die gesamte iranische Tankerflotte. Der Iran selbst ist um Diskretion bemüht beim Versuch, das Embargo zu unterlaufen: Schiffe bekommen neue Namen, wechseln die Flaggen, ihre Transponder, die per Satellit die Position übermitteln, werden abgeschaltet.

Donald Trump war im Mai 2018 aus dem internationalen Atomabkommen mit dem Iran ausgestiegen. Ein Jahr später setzte er die Öl- und Finanzsank­tionen gegen die Islamische Republik wieder in Kraft, mit dem erklärten Ziel, die iranischen Ölexporte auf null zu drosseln. Im April hatte die US-Regierung überdies die Revolutionsgarden als Terrororganisation gebrandmarkt, die Garde ist die Elite der iranischen Streitkräfte – und die tonangebende Kraft an der Golfküste und in der Strasse von Hormuz.

Iran droht mit Blockade

Seither verschärfen sich die Spannungen. Wenn der Iran sein Öl nicht verkaufen dürfe, werde man das auch keinem anderen Land am Golf gestatten, hatte Präsident Hassan Rohani gewarnt. Und der Befehlshaber der Marine der Revolutionsgarden, Admiral Alireza Tangsiri, drohte, der Iran werde die Strasse von Hormuz blockieren.

Hossein dreht das Gas herunter. Er darf nur bis Larak fahren, der nächsten Insel. Dort haben die Revolutionsgarden einen Stützpunkt, näher kommt man mit einem Ausflugsboot für Touristen an die Fahrrinnen nicht heran. Dann ruft Hossein: «Da vorne – iranische Marine!», und dreht noch vor Larak kurzerhand ab. Eine Rauchfahne ist am Horizont zu sehen, darunter zeichnen sich die scharfzackigen Umrisse eines Kriegsschiffes ab. Hossein steuert wieder auf die Klippen von Hormuz zu.

«27 Kilometer gehören dem Iran und 27 Kilometer Oman», sagt er und deutet in Richtung der beiden Ufer der Meerenge. «Aber vor der Küste von Oman gibt es viele Felsen. Sie müssen nah an die iranischen Hoheitsgewässer heranfahren.» Und der Grenzverlauf ist an etlichen Orten umstritten, ebenso wie der Anspruch auf eine Reihe von Inseln im Golf.

Ein US-Kriegsschiff soll im Juli eine iranische Drohne abgeschossen haben: Luftaufnahmen der iranischen Revolutionsgarden. Foto: Keystone

Die Insel Hormuz dagegen ist vor allem bei Touristen beliebt. Viele Iraner kommen in den Wintermonaten, um die bunten Felsformationen zu bewundern: graues Sediment, an manchen Stellen mit schwarzem Vulkangestein überlagert, weiss glänzende Salzformationen, die aussehen wie Überreste eines Gletschers. Und es gibt sehr einsame Buchten mit Sandstränden auf Hormuz. «Das ist gewissermassen der europäische Teil des Iran», sagt Hossein grinsend. Die strengen Bekleidungsvorschriften der Islamischen Republik werden hier von Frauen nicht immer eingehalten.

Wichtigste Meerenge der Welt

Hossein steuert auf die letzten Überbleibsel einstiger Grösse zu. «Das portugiesische Fort», ruft er und deutet auf die Ruinen der Türme und Aussenmauern, die an der nördlichsten Spitze der Insel liegen. Kinder springen von einem Pier davor ins Wasser. Afonso de Albuquerque eroberte 1507 mit seinem Geschwader Hormuz. Das Ziel der zum Weltreich aufstrebenden Seemacht Portugal war es, durch Stützpunkte an den Küsten die Schifffahrt im Roten Meer und Persischen Golf zu kontrollieren. Schah Abbas entriss 1622 den Portugiesen die Besitzung, aus den Steinen des Forts liess er auf dem Festland die Stadt bauen, die seinen Namen trägt: Bandar Abbas, der Hafen des Abbas.

Beim Anflug mit dem Flugzeug ist am besten zu sehen, wie die Schiffe hier hintereinandergereiht in den Rinnen fahren, wie Lastwagen auf der Autobahn. Zu alter Bedeutung fand die Strasse von Hormuz mit der Ölförderung in den Anrainerstaaten des Persischen Golfs zurück, lange schon bevor Revolutionäre in Teheran den Schah stürzten, in der US-Botschaft Geiseln nahmen und Ayatollah Khomeini die Islamische Republik ausrief. Im einstigen Botschaftsgebäude, offiziell von iranischer Seite als «US-Spionagenest» bezeichnet, lassen sich noch heute Belege finden. Es ist seit ein paar Jahren ein Museum.

Würde der Iran die Strasse blockieren, wären schwerste wirtschaftliche Verwerfungen die Folge.

«Die Strasse von Hormuz: Kontrollpunkt für den Tanker-Transit aus dem Persischen Golf», ist der Bericht No. 1039 vom 10. August 1978 überschrieben, erstellt von der Geheimdienstabteilung des US-Aussenministeriums, dem Bureau of Intelligence and Research, vertraulich und Ausländern nicht zugänglich zu machen.

Die Meerenge verlange «die Aufmerksamkeit der Welt», der Iran und Oman seien sich der «strategischen Bedeutung ihrer geografischen Lage» bewusst, heisst es. Die Politik der beiden Länder «hinsichtlich sowohl der Schifffahrt im Allgemeinen und des Tankerverkehrs im Besonderen ist von globaler Bedeutung» – dies sei die strategisch wohl wichtigste Meerenge der Welt. So würde das auch heute noch in jeder Geheimdienstanalyse stehen.

Hossein in seinem kleinen Boot auf dem Golf beeindruckt all das wenig. Ja, der Iran sei das einzige Land, das sich nicht einschüchtern lasse von den USA, sagt er. Aber er bleibe bei all dem gelassen. Er nimmt wieder Kurs auf Bandar Abbas, steuert das Boot vorbei an den Schiffen, die zwischen Qeshm und dem Festland auf Reede liegen. Irgendwo hier müsste die Stena Impero sein, sagt er, der gekaperte britische Tanker. Über Politik will Hossein nicht reden. Dass die Touristen dieses Jahr ausbleiben, aus Angst, in einen Krieg zu geraten, nein, das fürchte er nicht.

Erstellt: 17.09.2019, 20:10 Uhr

Saudi-Arabien schliesst sich US-Mission im Persischen Golf an

Saudi-Arabien schliesst sich der internationalen Koalition für maritime Sicherheit in der Golfregion an. Dies teilte die staatliche Nachrichtenagentur SPA am Mittwoch unter Berufung auf das Verteidigungsministerium des Landes mit. Die von den USA geführte Militärmission hat das Ziel, kommerzielle Schiffe auf den internationalen Handelsrouten im Persischen Golf, dem Golf von Oman, der Strasse von Hormus und der Meerenge Bab al-Mandab zu begleiten und vor möglichen Übergriffen zu schützen.

Für die Marinemission hatten die USA Verbündete gesucht, nachdem der Iran zwei ausländische Öltanker bei der Durchfahrt in der Golfregion festgesetzt hatte. Die Bundesregierung hatte eine Anfrage der USA zur Teilnahme an der Mission Anfang August abgelehnt. (sda)

Artikel zum Thema

Iraner bedrängen britischen Tanker im Nadelöhr der Welt

Die Strasse von Hormuz ist seit Jahrhunderten eine der wichtigsten Wasserstrassen. Nun haben iranische Militärschiffe versucht, einen Öltanker zu stoppen. Bis die Royal Navy eingriff. Mehr...

Warum Trump keinen Krieg gegen den Iran will

Die Angriffe auf Ölanlagen in Saudiarabien verstärken die Sorge vor einer militärischen Eskalation im Nahen Osten. Ist sie aber auch begründet? Mehr...

Diese Beziehung gleicht einer apokalyptischen Freakshow

Analyse Umstürze, Drohungen, geheime Missionen: Warum das iranisch-amerikanische Verhältnis seit Jahrzehnten tief zerrüttet ist. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...