Usbekistan legt Rahmen für Hochzeitsfeiern fest

Für eine Hochzeit geben Bürger in Usbekistan ein Vermögen aus. Die opulenten Feiern stürzen viele in den Ruin. Jetzt greift der Staat ein.

Bombastische Kulisse: Ein usbekisches Brautpaaar auf dem Registan-Platz in Samarkand. Foto: Grant Rooney, Alamy Stock Photos

Bombastische Kulisse: Ein usbekisches Brautpaaar auf dem Registan-Platz in Samarkand. Foto: Grant Rooney, Alamy Stock Photos

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Munisa Risajewa ist eine der bekanntesten Sängerinnen Usbekistans, und wer sie zur Hochzeit einladen will, weiss jetzt auch, was sie verlangt: 800 Franken für vier Lieder. Risajewa zu buchen ist für Usbeken eine grosse Herausforderung, denn der Durchschnittsverdienst liegt bei etwa 300 Franken pro Monat. Andererseits muss die Künstlerin von ihrer Gage noch etwa 40 Mitarbeiter bezahlen – Songschreiber, Videoassistenten, Manager, Musiker, Fahrer.

Man kann es natürlich auch einfach lassen, sich nach einer Sängerin der Kategorie Risajewa zu sehnen. Doch bei usbekischen Hochzeiten gilt das Prinzip: «Jeder will es besser und grösser machen als der Nachbar», sagt Viktor Michailow, Chefredakteur des Online-Journals Wedding.uz in Taschkent, «es ist ein echter Wettbewerb». Und bei so viel Prestige kommt dann eben auch eine Frau wie Munisa Risajewa ins Spiel oder Osoda Nursaidowa, die auf einer Hochzeit in der Regel sogar fünf Songs singt. Allerdings für tausend Franken.

Jetzt dürfte der Trend zum Teuren und Pompösen gebremst werden. Der Staat will, dass Hochzeiten im Rahmen bleiben. Vor allem finanzierbar.

«Schamlose Ausgaben»

Die beiden usbekischen Stars haben sich auf Instagram besorgt darüber geäussert, dass ein neues Gesetz sich auf ihre Gesangsbranche auswirken könnte. Und deshalb erklären sie auch, wie viel Personal von ihren Gagen miternährt werden muss. Das usbekische Parlament hat vor wenigen Wochen nämlich beschlossen, dass von Januar an auf jeder Hochzeit nur noch zwei Sänger oder Bands auftreten dürfen; die Höchstzahl der Gäste wird auf 250 begrenzt, und ein Autokorso darf künftig allenfalls aus drei Leichtfahrzeugen bestehen.

Mit zarten Popsongs unterlegte Youtube-Videos zeigen schwarze und weisse Kolonnen mit landestypisch etwa 15 bis 20 Autos. Sie werden bald nur noch von alten verschwenderischen Zeiten erzählen.

Hochzeiten sind Glückstage, doch die politische Führung im zentralasiatischen Land hält sie auch für einen Anlass, an dem Familien finanziell ins Unglück getrieben werden. Schon vor einem Jahr hatte Präsident Schawkat Mirzijajew die «schamlosen Ausgaben» für Partys kritisiert und empfohlen, anstelle von 20 Kilogramm Fleisch fürs Festmenü das Geld lieber für den Hausanstrich oder einen neuen Fernseher auszugeben.

Hochzeitsfeste müssen neu gemeldet und Lizenzen können auch wieder entzogen werden. 

Viele Familien leihen sich Geld beim Nachbarn, verschulden sich bei Banken und tragen dann eine grosse Last aus Zins und Kummer. Der Taschkenter Hochzeitsexperte Michailow sagt am Telefon, dass ein solcher Festtag zwischen 8000 und 20'000 Franken kostet. «Schon von der Geburt an wird dafür Geld zurückgelegt.» Aber weil das allein oft nicht reiche, gingen viele junge Usbeken zwischen 18 und 20 Jahren zum Arbeiten nach Russland, «hauptsächlich dafür, um Geld für die Hochzeit zu verdienen».

Schon der Morgen des Hochzeitstages, erzählt Michailow, beginnt um sieben Uhr mit einem Utrennij Plow, zu dem bis zu tausend Gästen das traditionelle usbekische Gericht aus Reis und viel Fleisch serviert wird. Am Abend tanzen die Künstler an. Bei straff durchchoreografierten Festen traten bisher oft fünf, sechs verschiedene Sängerinnen und Bands nacheinander an; die Tuichonas, üppig geschmückte Bankettsäle mit hussenbezogenen Stühlen, seien oft nur für Hochzeitsgesellschaften und mehrere Hundert Gäste gebaut worden, sagt Michailow. Künftig dürfte der autoritäre Staat dort kontrollieren. Hochzeitsfeste müssen gemeldet und Lizenzen können auch wieder entzogen werden. Neue Zeiten brechen an.

Gewehrschüsse verboten

Opulente Hochzeiten gibt es überall, in Indien dehnen sie sich bis zu fünf Tage aus, doch nur selten setzt der Staat dem privaten Prunk enge Grenzen. Im Libanon verbietet ein Gesetz inzwischen Gewehrschüsse mit scharfer Munition in die Luft, doch dass ein Staat aus sozialen Gründen das private Spektakel bändigen will, kommt fast nur in Asien vor.

In Afghanistan wurde vor drei Jahren die Zahl der Hochzeitsgäste auf 500 begrenzt, in Usbekistans Nachbarland Tadschikistan dürfen nur noch 150 Gäste ins Restaurant eingeladen werden. In einem Teil der chinesischen Provinz Henan dürfen Männer für Hochzeiten keine Kredite mehr aufnehmen, und der Wert der Geschenke wurde auf 8500 Franken begrenzt. Davon ist in Usbekistan keine Rede. Die Feier kann also trotz des neuen Gesetzes eine teure Veranstaltung bleiben. Um 23 Uhr aber muss sie beendet sein.

Erstellt: 29.10.2019, 23:50 Uhr

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