Ärzte ohne Grenzen verlassen Kundus

Während eines US-Luftangriffs in Kundus wurde eine Klinik von Ärzte ohne Grenzen getroffen – 22 Menschen starben. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen zieht sich zurück.

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Inmitten der prekären humanitären Lage im afghanischen Kundus hat die US-Armee ungewollt für weiteres Leid gesorgt: In der Nacht auf Samstag wurden bei einem Luftangriff auf ein Spital von Ärzte ohne Grenzen (MSF) 22 Menschen getötet. Es handle sich um neun Mitarbeiter der Hilfsorganisation und sieben Patienten, darunter auch drei Kinder, teilte MSF-Sprecherin Christiane Winje in Berlin mit. Weitere 37 Menschen - 19 Spitalmitarbeiter und 18 Patienten sowie Angehörige - wurden gemäss diesen Angaben zum Teil lebensgefährlich verletzt.

Zum Zeitpunkt des Luftangriffs hätten sich 185 Menschen im Gebäude aufgehalten. Demnach handelte es sich um 105 Patienten und Angehörige sowie mehr als achtzig internationale und einheimische Mitarbeiter.

Widersprüchliche Angaben über Spital

Die Nato erklärte, möglicherweise sei das Spital bei einem Luftangriff der Allianz getroffen worden. In einer Erklärung war von einem möglichen «Kollateralschaden» die Rede. Es seien Ermittlungen eingeleitet worden. In einer Stellungnahme der US-Botschaft in Afghanistan hiess es, man trauere um die Menschen, die von dem «tragischen Zwischenfall» in dem Spital betroffen seien, sowie um deren Familien.

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen erhebt schwere Vorwürfe gegen die US-Armee. «Wir haben das US-Militär nach den ersten Luftanschlägen in der Umgebung unseres Hospitals über unsere Position informiert, um sie zu warnen», sagte Jason Cone, Sprecher von Médecins Sans Frontières (MSF) im Interview mit «spiegel.de». Man habe die Informationen weitergegeben, bevor die Klinik getroffen worden sei. Die hätten die Armee auch schon zuvor über die genauen GPS-Daten informiert. «Das US-Militär wusste, wo unser Krankenhaus liegt», betont Cone.

Nach Aussage der Hilfsorganisation war das Spital mitten in der Nacht getroffen worden. Die Nato nannte für ihren Angriff nahezu denselben Zeitpunkt. Das afghanische Verteidigungsministerium erklärte, «eine Gruppe von Terroristen mit leichten und schweren Waffen» sei im Spital gewesen. Das Spital wird ausschliesslich aus Spenden finanziert und behandelt jeden – unabhängig von Herkunft oder Religion. Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid sagte: «Keiner unserer Kämpfer war zum Zeitpunkt des Angriffs ein Patient des Spitals.»

Trauer und Wut

Die UNO kritisierte den Bombenangriff aufs Schärfste. «Spitäler, in denen sich Patienten und medizinisches Personal befinden, dürfen niemals zum Angriffsziel werden», sagte der UNO-Sondergesandte für Afghanistan, Nicholas Haysom. MSF zeigte sich «zutiefst schockiert». «Wir fordern alle Konfliktparteien auf, die Sicherheit von Gesundheitseinrichtungen und Personal zu respektieren», hiess es in einer Mitteilung. Die Bombardierung habe mehr als dreissig Minuten angedauert – auch noch nach einer Mitteilung an die afghanische und die US-Armee über einen ersten Einschlag.

Zudem sei die genaue Lage des Spitals mit GPS-Koordinaten an alle Konfliktparteien kommuniziert worden, auch an Kabul und Washington, hiess es. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz sprach von einer «entsetzlichen Tragödie». Die EU-Kommission bedauerte das offensichtlich versehentliche Bombardement. «Ich bin zutiefst schockiert, vom Tod von mindestens neun Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen zu erfahren», teilte der für humanitäre Hilfe zuständige EU-Kommissar Christos Stylianides in Brüssel mit.

Andauernde Kämpfe

Er sprach den Familien und Kollegen der Opfer sein Beileid aus und würdigte die «unter sehr schwierigen Bedingungen» stattfindende Arbeit der Organisation in dem Land. Medizinische Einrichtungen und humanitäre Helfer müssten geschützt werden.

Kundus war am Montag von den radikalislamischen Taliban erobert worden. Die Armee startete eine Gegenoffensive und meldete am Freitag die Rückeroberung der Stadt. Mindestens sechzig Menschen sollen bislang getötet und etwa vierhundert weitere verletzt worden sein. Ende 2014 hatte die Nato ihren Kampfeinsatz beendet. Für die Folgemission «Resolute Support» sind noch etwa 13'000 NATO-Soldaten mit Ausbildungs- und Beratungsauftrag im Land.

Ärzte ohne Grenzen zieht sich aus Kundus zurück

Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen zieht sich nach dem Bombardement auf ihre Klinik in Kundus aus der umkämpften nordafghanischen Stadt zurück. Dies teilte Sprecherin Kate Stegeman heute mit. Einige Mitarbeiter seien aber noch in anderen Gesundheitseinrichtungen in der Stadt tätig, fügte sie hinzu.

Die Gruppe macht «internationale Koalitionskräfte» für den tödlichen Zwischenfall verantwortlich. Afghanische Regierungsvertreter erklärten jedoch, Soldaten in Helikoptern hätten das Feuer von Taliban-Kämpfern erwidert, die sich in der Klinik versteckt hätten. (ofi/AP)

Erstellt: 03.10.2015, 08:43 Uhr

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