Verlegt Russland Atomwaffen an die polnische Grenze?

Satellitenbilder legen nahe, dass ein Atomwaffenbunker bei Kaliningrad einsatzbereit gemacht wurde.

Die Satellitenbilder zeigen einen möglichen unterirdischen Waffenbunker. Bild: Federation of American Scientists.

Die Satellitenbilder zeigen einen möglichen unterirdischen Waffenbunker. Bild: Federation of American Scientists.

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Russland hat in Kaliningrad, der strategisch wichtigen Westecke des Reichs, viel gebaut. Und zwar nicht nur das Fussballstadion, in dem die Schweiz am 22. Juni gegen Serbien spielen wird. Moskau habe die letzten zwei Jahre in der Exklave einen unterirdischen Waffenbunker aufgerüstet, der nur rund 50 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt sei, sagt der amerikanische Atomwaffenexperte Hans M. Kristensen von der Federation of American Scientists.

Ob die Anlage bereits mit Atomwaffen bestückt ist oder es demnächst wird, ist laut dem Experten nicht klar. «Die Satellitenbilder geben keine schlüssige Antwort auf diese Frage.» Eine Möglichkeit wäre laut Kristensen, dass Russland die Infrastruktur geschaffen hat, um im Falle einer Krise schnell nicht strategische Atomwaffen in die Region verlegen zu können, also kleine Waffen mit beschränkter Reichweite.

Eine Google-Streetview-Aufnahme von 2017 zeigt ein Stoppschild des Militärs in der Nähe des vermuteten Atomwaffenbunkers im Norden von Kaliningrad.

Diese taktischen Atomwaffen, die sonst in Zentralrussland gelagert werden, könnten – so nahe an Polen stationiert – leicht Städte wie Warschau erreichen. Der aufgerüstete Bunker ist laut Kristensen die einzige Anlage für Atomwaffen in der Region. Ähnliche Arbeiten würden aber auch in anderen Atomanlagen ausgeführt, etwa auf der Halbinsel Kamtschatka ganz im Osten Russlands.

USA und Russland rüsten auf

Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri gibt es auf der Welt noch immer fast 15'000 Atomwaffen. Zwar ist ihre Zahl letztes Jahr um rund 500 gesunken, was dem noch immer geltenden und von den USA und Russland befolgten Abrüstungsvertrag «New START» von 2010 geschuldet ist. Doch gleichzeitig würden die vorhandenen Waffen modernisiert, heisst es im neuen Jahresbericht des Sipri. Die Atomgrossmächte Russland und USA, die zusammen über 90 Prozent der nuklearen Waffen besitzen, hätten beide umfassende atomare Aufrüstungsprogramme gestartet.

Moskau und Washington geben sich gegenseitig die Schuld am neuen Rüstungswettlauf. Die USA werfen Russland vor, die bisherige Atomstrategie der Abschreckung aufgegeben zu haben und einen begrenzten Einsatz von Atomwaffen etwa bei einem Angriff mit konventionellen Waffen nicht auszuschliessen. Dabei setze Moskau darauf, dass Washington seine Atomwaffen auf keinen Fall einsetzen würde. Aus der Abschreckung sei damit eine regionale Kriegsstrategie geworden, klagen die USA und haben im Februar ihre atomaren Aufrüstungspläne präsentiert.

Mini-Nukes mit verheerender Wirkung

400 Milliarden Dollar will Washington allein bis 2026 in die nukleare Rüstung stecken. Das Ziel sind kleine Atomwaffen, welche die bisherige Abschreckung durch die grossen Arsenale vor allem gegen Russland ergänzen sollen. Auch atombestückte Marschflugkörper sind geplant.

Die sogenannten Mini-Nukes sind dabei keineswegs so harmlos, wie es tönt: Diese Atomwaffen sollen etwa die Sprengkraft der Bomben haben, die im Zweiten Weltkrieg auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen worden sind. Mit verheerenden Folgen. Russland wirft den USA vor, mit dieser Strategie die Schwelle für einen Einsatz von Atomwaffen gefährlich zu senken.

1739 Milliarden Franken für Waffen

Die heutigen Atomwaffen, von denen die USA 6450 und Russland 6850 besitzen, stammen zum Teil noch aus den Beständen des Kalten Krieges und sind bis zu 50 Jahre alt. Kritiker befürchten, dass der amerikanische Entscheid den Rüstungswettlauf im atomaren Bereich weiter anheizen könnte. Denn auch die anderen Atommächte modernisieren ihre Arsenale wieder. So etwa Grossbritannien und Frankreich, die zwischen 200 und 300 Atomwaffen besitzen. Länder wie China, Pakistan oder Indien bauen ihre Arsenale auch zahlenmässig weiter aus.

Und laut Sipri wurde 2017 nicht nur nuklear massiv aufgerüstet: Die Rüstungsausgaben waren letztes Jahr weltweit so hoch wie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr: 1739 Milliarden Franken wurden dafür ausgegeben. Ein Drittel davon allein von den USA.

Erstellt: 19.06.2018, 21:35 Uhr

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