Zum Hauptinhalt springen

Verrückte Megaprojekte

Pompöse Brücken, Riesenpalast, der erste transkontinentale Tunnel: Wie Staatschef Erdogan der Türkei seinen Stempel aufdrückt.

Alles muss schnell gehen. Politische Gegner landen fast täglich im Gefängnis, westliche Politiker werden beschimpft, Journalisten mundtot gemacht. Wenn sie nicht schweigen, dann sorgen die unabhängigen Staatsanwälte und Richter dafür. Die türkische Justiz ist so unabhängig, dass sie nach jeder Brandrede Recep Tayyip Erdogans die Jagd nach sogenannten Vaterlandsverrätern neu aufnimmt. Der türkische Präsident kämpft an vielen Fronten. Im März 2019 finden Kommunalwahlen statt. Sie sind ein wichtiger Stimmungstest für die regierende AKP. Beim Verfassungsreferendum im April wurde Erdogan vor allem in Grossstädten wie Istanbul, Izmir und Ankara abgestraft. Im November 2019 stehen zudem Parlaments- und Präsidentschaftswahlen an. Erst wenn Erdogan diese Wahlen gewinnt, wird er Superpräsident mit sultanesken Vollmachten. 2023 wird die Türkei 100 Jahre alt. Vieles soll dann nicht mehr an die Republik erinnern, die von Atatürk auf den Trümmern des Osmanischen Reiches gegründet worden war.

Mit Megaprojekten, die er als «verrückt» beschreibt, will Erdogan der Türkei auch architektonisch seinen Stempel aufdrücken. «Wir errichten jetzt einen neuen Staat. Ob ihnen das gefällt oder nicht, Tayyip Erdogan ist der Gründer und Anführer dieses neuen Staates», hiess es aus der Umgebung des Präsidenten. In einem Jahr sollen die ersten Maschinen auf dem neuen Istanbuler Flughafen landen. Andere Grossprojekte hat der Baumeister vom Bosporus schon realisiert. Dazu gehört die nach Sultan Yavuz Selim I. benannte dritte Bosporus-Brücke; sie eifert der Brooklyn Bridge nach. Die 1,4 Kilometer lange Brücke verbindet den europäischen und den asiatischen Teil Istanbuls. Vor knapp einem Jahr wurde der erste Strassentunnel zwischen Asien und Europa eröffnet. Seit 2013 verkehrt auch eine U-Bahn unter der Meerenge.

Eine Residenz mit 1000 Zimmern

Ein weiteres Beispiel für den Gigantismus in der Infrastrukturpolitik ist die Osman-Gazi-Brücke über den Golf von Izmit. Die drei Kilometer lange High-tech-Hängebrücke – sie ist die viertlängste der Welt – verkürzt die Reise von Istanbul nach Izmir von acht auf vier Stunden. Sie ist nach dem Gründer und ersten Herrscher des Osmanischen Reichs benannt und Teil der 420 Kilometer langen Autobahnverbindung zwischen der Metropole am Bosporus und der Hafenstadt an der türkischen Ägäis.

Bis 2023 soll laut Erdogan eine Brücke über die Meerenge der Dardanellen gebaut werden. Geplant ist auch ein Kanal, der in Istanbul das Marmarameer mit dem Schwarzen Meer verbindet. Bereits vor drei Jahren hat Erdogan seine neue Residenz mit über 1000 Zimmern bezogen. Mehrere Gerichte hatten den Bau im Naturschutzgebiet untersagt, aber der Präsident zeigte sich unbeeindruckt: «Sollen sie (die Richter, die Red.) ihn doch abreissen, wenn sie die Macht dazu haben. Ich werde das Gebäude eröffnen, dort einziehen und meines Amtes walten.»

Ein Lieblingsbauprojekt des Autokraten ist die Camlica-Moschee in Istanbul. Bis zu 50'000 Gläubige sollen hier Platz finden. Die Minarette mit einer Höhe von 107,1 Metern übermitteln eine politische Botschaft: Im Jahr 1071 besiegten die Seldschuken in der Schlacht von Manzikert die christlichen Byzantiner. Damit begann die türkische Eroberung Anatoliens. Auf die Kuppel der Moschee wurde bereits die weltgrösste Halbmondsichel montiert. Mit seinen Mammutprojekten verspricht sich Erdogan nicht nur eine Modernisierung der Türkei, sondern auch eine weitere Islamisierung.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch