Voll verrechnet

Basketball-Trainer Daryl Morey unterstützt die Demonstranten in Hongkong. China streicht dafür alle NBA-Übertragungen.

Er hat mit einem Tweet eine ziemlich tiefschürfende Debatte losgetreten: Basketball-Trainer Daryl Morey. Foto: PD

Er hat mit einem Tweet eine ziemlich tiefschürfende Debatte losgetreten: Basketball-Trainer Daryl Morey. Foto: PD

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Ein paar Worte waren es nur, die Daryl Morey letzten Freitag über Twitter teilte. Weder sehr provokant noch sehr aggressiv schienen sie. Und doch gefährdet der Trainer des US-Basketball-Clubs Houston Rockets damit seinen Job und Millionen von Dollar.

Mit «Fight for freedom, stand with Hong Kong» unterstützte der 47-Jährige die Demonstrierenden, die in Hongkong gegen den Einfluss der autoritären chinesischen Regierung kämpfen. Für den Bürger eines Landes, das als globaler Demokratie-Exporteur auftritt, klingt ein solcher Aufruf fast banal. Aber Morey, der als begnadeter Statistiker gilt, hatte die Reaktion seines Gegners falsch berechnet.

Als Morey kürzlich einen Trump-kritischen Tweet weiterverbreitete, geschah nicht viel. Die chinesische Seite reagierte da ungleich heftiger. Das Konsulat verurteilte den Hongkong-Aufruf als Einmischung, die chinesische Basketball-Liga beendete vorerst die Zusammenarbeit mit Moreys Team, Sponsoren sprangen ab. Um die Chinesen zu besänftigen, nannte die amerikanische Basketball-Liga (NBA) Moreys Tweet «bedauernswert», der Rocket-Star James Harden bat China um Verzeihung. Auch Morey selber musste sich entschuldigen («Ich wollte niemanden verletzen»), sein Tweet verschwand.

Jetzt darf er seinen Job vermutlich doch behalten

Basketball ist populär in China, die NBA verdient Millionen mit dem Export ihrer Spiele. Die Houston Rockets zählen zu den beliebtesten NBA-Teams in China. Schon 2002, als eine der ersten Spitzenmannschaften, stellten sie einen chinesischen Spieler aufs Feld. Man steht sich also nahe.

Dazu kommt, dass die Kommunistische Partei derzeit fast jede Kritik von aussen mit Boykotten kontert. Das merken gerade die Macher der Comicserie «South Park». Deren letzte Folge spielte in einem chinesischen Gefangenenlager. Nach der Ausstrahlung liess die Regierung sämtliche «South Park»-Folgen (es sind fast 300) aus dem chinesischen Internet löschen.

So leicht kann man Daryl Morey nicht aus der Welt schaffen. Politiker eilten ihm zu Hilfe. Der Demokrat Beto O’Rourke und der republikanische Senator Ted Cruz schimpften das Verhalten der NBA feige. Um Geld zu machen, beuge sie sich der Zensur. Der Fall verschärfte sich rasch zur Grundsatzfrage. Ab wann bedroht der Eifer amerikanischer Kapitalisten, der chinesischen Regierung zu gefallen, die Freiheit in den USA? Die NBA jedenfalls schwenkte um. Ihr Chef verteidigte am Montag Moreys Recht, sich politisch zu äussern. Die Quittung folgte prompt. Das chinesische Staatsfernsehen kündete an, alle Übertragungen von NBA-Spielen zu stoppen.

Daryl Morey gilt als Ausnahmetrainer. 2007 übernahm der studierte Informatiker die Houston Rockets, ohne selber je richtig Basketball gespielt zu haben. Bei der Spielerauswahl stützte sich Morey stark auf statistische Ansätze. Damit machte er die Rockets zu einer der erfolgreichsten Mannschaften der letzten zehn Jahre. 2018 kürte ihn die NBA zum Trainer des Jahres. Nun hat der Zahlenmensch eine Eskalation losgetreten, deren Ende kaum erreicht ist. Immerhin muss er nicht mehr um den eigenen Job fürchten. Erst hiess es, die Rockets prüften seine Entlassung. Nun schreiben US-Medien, Morey dürfe bleiben. Sein kleiner Sieg gegen China.

Erstellt: 08.10.2019, 19:01 Uhr

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