Vorwürfe in der Endlosschlaufe

Luftangriffe, abgeschossene Kampfjets und markige Sprüche von Spitzenpolitikern in Delhi und Islamabad. Der Konflikt um Kashmir ist zurück, und zwar so heftig wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Indische Militärs bei einer in Kashmir abgestürzten Maschine der indischen Luftwaffe. Foto: Yawar Nazir (Getty Images)

Indische Militärs bei einer in Kashmir abgestürzten Maschine der indischen Luftwaffe. Foto: Yawar Nazir (Getty Images)

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Eigentlich dürfte das Thema in Wahlkämpfen keine Rolle spielen. Dafür ist es zu aufgeladen, dazu steht zu viel auf dem Spiel: zwei Atommächte, die sich bereits mit konventionellen Waffen bekämpfen, immer mit der lauernden Gefahr im Hintergrund, dass sie ihr nukleares Arsenal aktivieren könnten. Aber Kashmir und der sich daran entzündende Konflikt zwischen Indien und Pakistan sind nun fester Teil in Wahlkampfreden und Wuttiraden.

«Jede Träne, die geflossen ist, wird gerächt», gibt Indiens Premierminister Narendra Modi als Parole aus – in wenigen Wochen will er sich an der Wahlurne eine zweite Amtszeit sichern. Nach einigen Rückschlägen bei Regionalwahlen bietet der Kashmir-Konflikt dem Regierungschef die Möglichkeit, die Nation hinter sich zu versammeln.

Auch die pakistanische Seite zeigt keine Anzeichen von rhetorischer Zurückhaltung: «Niemand in der Region oder sonst wo sollte auch nur daran denken, meinem Land schaden zu können», droht Pakistans Präsident Arif Alvi unverhohlen.

Ein neuer Eskalationsgrad

Die Lage ist ernst, so ernst wie seit Jahrzehnten nicht mehr, als beide Länder Waffen sprechen liessen – damals waren sie aber noch keine Atommächte. Indien und Pakistan beanspruchen die volle Kontrolle über Kashmir, und sie weichen keinen Millimeter von dieser Extremposition ab. Zwar hat Indiens Regierungschef Modi bereits 2016 in Kashmir Luftschläge gegen pakistanische Extremisten fliegen lassen. Doch dieses Mal sind binnen kurzer Zeit einige Eskalationsstufen übersprungen worden.

Video: Die Angst vor einer Eskalation steigt

Das Militär wird mobilisiert: Indische Truppen bewegen sich in der umstrittenen Region. Video: Reuters

Der Reihe nach: Die jüngsten Verwerfungen begannen am 14. Februar. Bei einer Attacke im indischen Teil Kashmirs starben 44 Angehörige einer indischen paramilitärischen Einheit. Die Tat beanspruchte die Extremistengruppe Jaish-e-Mohammad (JeM) für sich. Indiens Luftwaffe flog daraufhin am Dienstag nach eigener Darstellung einen Angriff auf ein Trainingscamp der Islamisten, dabei seien mehr als 300 Menschen gestorben. Pakistan behauptete wiederum, die feindlichen Flieger hätten ihr Ziel schlicht verfehlt. Bemerkenswert an dem Vorgang ist, dass der Vergeltungsschlag in einer pakistanischen Provinz ausgeführt wurde, und nicht im umstrittenen Kashmir – das ist ein neuer Eskalationsgrad und macht diesen Konflikt umso gefährlicher.

Am Mittwoch nun meldete die pakistanische Seite, man habe zwei indische Militärmaschinen abgeschossen, zwei Piloten seien in Gefangenschaft. Als Demonstration der eigenen Stärke habe die pakistanische Luftwaffe zudem im von Indien verwalteten Teil Kashmirs sechs Geschosse auf «offenes Gelände» abgefeuert. Die Botschaft: Wir sind dazu bereit, diesen Konflikt weiter zu verschärfen.

«Jede Träne, die geflossen ist, wird gerächt.»Narendra Modi, Indiens Premierminister

Für Beobachter von aussen ist es in diesem Konflikt unmöglich, unabhängige Fakten zu bekommen. Die Medien in beiden Ländern, in Indien und Pakistan, spiegeln zumeist nur die offizielle Darstellung wieder: Indien sagt, Pakistan erwidert. Oder Pakistan sagt, Indien erwidert.

Zu diesem Ergebnis kam bereits eine umfassende Studie der Universität Bournemouth, in der die mediale Begleitung des Konflikts zwischen beiden Ländern untersucht worden war. In den von den Regierungen oder ihren Sicherheitskräften verbreiteten Stellungnahmen geht es auch aktuell nicht um Ausgleich, sondern darum, die andere Seite möglichst schlecht aussehen zu lassen – und sich selbst als Opfer darzustellen. Indien wirft dem pakistanischen Sicherheitsapparat schon seit Jahren vor, Extremisten zu unterstützen und sie von pakistanischem Territorium aus operieren zu lassen. Pakistan streitet das immer wieder ab, bis zum nächsten Vorwurf aus Delhi, den es wieder abstreitet. Andererseits zielt Islamabad stets darauf ab, das massive Militäraufgebot der indischen Armee in Kashmir als Besatzungstruppe darzustellen, die den eigentlichen Willen der Bevölkerung unterdrückt. Der bewaffnete Kampf in Kashmir sei, so Pakistans Lesart, in Wahrheit ein Freiheitskampf gegen indische Aggressoren.

Nationalist gegen Generäle

Diese Vorwürfe in Endlosschleife sind nicht neu, aber sie wirken in diesen Tagen deutlich gravierender als in der Vergangenheit. Das hat einerseits damit zu tun, dass der Hindunationalist Modi schon länger einen härteten Kurs gegen Pakistan eingeschlagen hat als seine Vorgängerregierung. Nun verschärft er ihn noch im Wahlkampf.

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In Pakistan wiederum ist mit Imran Khan seit Sommer zwar ein neuer Premierminister an der Macht, der zumindest rhetorisch darum bemüht war, auf Indien zuzugehen. Aber in dem Land werden die aussen- und sicherheitspolitischen Linien noch immer vom allmächtigen Militär vorgegeben. Und Pakistans Armee rechtfertigt ihre Vormachtstellung im «Land der Reinen» vor allem durch eines: den Dauerkonflikt mit dem Erzfeind Indien um die Himalaja-Region.

Internationale Vermittlungsversuche sind in den vergangenen Jahren allesamt gescheitert. Ähnlich wie im Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis sind die Streitparteien zu sehr ineinander verkeilt. In der derzeit aufgeladenen Situation wäre es bereits ein diplomatischer Erfolg, wenn sich der UNO-Sicherheitsrat mit dem Thema beschäftigten könnte.

Erstellt: 27.02.2019, 23:20 Uhr

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