Wappnen für den Ernstfall in Nordkorea

Peking beschwört Ruhe und Stabilität an Chinas Grenzen, doch im Land wachsen Unruhe und Nervosität.

China plant im Landkreis Changbai offenbar einige Lager für mögliche nordkoreanische Flüchtlinge. Foto: Getty Images

China plant im Landkreis Changbai offenbar einige Lager für mögliche nordkoreanische Flüchtlinge. Foto: Getty Images

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Der autonome Kreis Changbai im Nordosten Chinas ist den meisten Chinesen vor allem als Ausflugsziel ein Begriff: klare Seen, ruhige Berglandschaften. Die Changbai-Bergkette liegt hier, auf Koreanisch ist das der Paektu-Berg, für die Koreaner der mythische Ursprungsort ihres Volkes. Der in der Provinz Jilin gelegene Kreis ist Heimat vieler ethnischer Koreaner und grenzt an Nordkorea.

Tatsächlich liegt Changbai so nahe am unterirdischen Atomwaffentestgebiet Nordkoreas, dass beim letzten Atomtest der Nordkoreaner im September in Changbai die Erde zitterte. Nun wurde bekannt, dass China offenbar in dem Landkreis einige Lager für mögliche nordkoreanische Flüchtlinge plant. Es ist einer der ersten Hinweise darauf, dass China insgeheim Vorbereitungen trifft für eine mögliche Eskalation der Nordkoreakrise.

Die Informationen stammen aus einem Dokument von China Mobile, das ist eine der beiden grossen Telekommunikationsfirmen in China. Das Papier zirkulierte zuerst Ende letzter Woche in Chinas sozialen Netzwerken. «Wegen der angespannten Lage an der Grenze zu Nordkorea planen die Parteikommission und die Regierung des Kreises die Einrichtung von fünf Flüchtlingslagern», heisst es in dem Dokument.

Der Sprecher des Aussenministeriums in Peking, Lu Kang, sagte am Montag auf Nachfrage von Journalisten, er wisse nichts von solchen Plänen, verneinte sie aber auch nicht. «Ich habe die Pläne nicht gesehen», sagte er. Gegenüber der «Financial Times» (FT), die als Erste über die geplanten Lager berichtete, hatte ein Sprecher von China Mobile die Pläne bestätigt. «Aber machen Sie sich keine Sorgen, keiner hat hier Panik», zitiert die FT den Sprecher. «Das ist keine grosse Sache.» In dem Papier berichtet die China-Mobile-Filiale von Changbai, wie sie das Mobilfunknetz an fünf von der Regierung ausgewählten Orten getestet habe.

Mehr als die atomare Bewaffnung des Kim-Regimes fürchtet Peking die Folgen eines Umsturzes.

Die Spannungen um Nordkoreas Atomwaffenprogramm haben zuletzt weiter zugenommen. Trotz internationaler Sanktionen und Drucks sowohl vonseiten der USA als auch von China hat Nordkorea in den vergangenen Monaten sowohl Atomsprengköpfe als auch Interkontinentalraketen getestet. Begleitet wurden die nordkoreanischen Provokationen von einer zunehmenden rhetorischen Eskalation. Nordkorea behauptet mittlerweile, seine Atomwaffen könnten amerikanischen Boden erreichen. Aus den USA kommen im Gegenzug immer wieder Drohungen eines militärischen Erstschlages.

China ruft beide Seiten zum Dialog auf. Das Land trägt die UNO-Sanktionen gegen Nordkorea mit, gibt aber bislang den Forderungen der USA nicht nach, die für Nordkorea lebenswichtigen Öllieferungen in das Land zu kappen. Zwischen Pyong­yang und Peking herrschen längst grosses Misstrauen und gegenseitige Abneigung, dennoch möchte China keinen Sturz des Regimes dort sehen. Mehr noch als die atomare Bewaffnung des Kim-Regimes fürchtet Peking die Folgen eines Umsturzes: US-Truppen an seiner Grenze, möglicherweise Chaos, Bürgerkrieg und Millionen Flüchtlinge.

Stiefel waschen, Ohren putzen

Offiziell beschwört Peking Ruhe und Stabilität an seinen Grenzen, doch scheint hinter den Kulissen die Unruhe und Nervosität über die zunehmend angespannte Lage zu wachsen. Die Pläne für eine mögliche Flüchtlingskrise sind ein Ausdruck davon.

In der vergangenen Woche schon erregte eine Sonderseite der Zeitung «Jilin» Aufsehen, weil das Luftverteidigungsamt der Provinz darin die Bürger über mögliche Schutzmassnahmen im Falle eines Atomschlages informierte. Unter anderem wurde den Bürgern geraten, Türen und Fenster zu schliessen und unter Tische und Betten zu kriechen. Seine Kleider solle man ausschütteln, seine Stiefel waschen und die Ohren gut ausputzen.

Chinas Aussenminister sagt, er sei «nicht optimistisch».

Nachdem die Seite unter Chinas Internetnutzern für einige Aufregung gesorgt hatte, versuchten Staatsmedien die Bürger zu beruhigen. Die Wahrscheinlichkeit eines direkten Angriffs auf China, schrieb die nationalistische Pekinger «Global Times», sei praktisch null. Gleichzeitig schrieb das Blatt allerdings, es könne im Falle von Konflikten zwischen Nordkorea und den USA sehr wohl zur radioaktiven Verseuchung der Koreanischen Halbinsel kommen, und es sei mittlerweile «notwendig», Chinas Bürger «auf eine schlimme Situation vorzubereiten». Der Kommentar wurde kurz nach seiner Veröffentlichung von der Zensur aus dem Netz gelöscht.

Chinas Aussenminister Wang Yi hatte am Wochenende gesagt, er sei «nicht optimistisch», und forderte Nordkorea und die Vereinigten Staaten auf, den «Teufelskreis» der Eskalation zu durchbrechen. Am Donnerstag wird Südkoreas Präsident Moon Jae-in in Peking zu Gesprächen mit Chinas Partei- und Staatschef Xi Jinping erwartet.

Erstellt: 12.12.2017, 20:37 Uhr

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