Warum der Kashmir-Konflikt so gefährlich ist

Die Region ist seit 1947 ein Pulverfass. Immer wieder kommt es dort zu Kämpfen zwischen den Atommächten Indien und Pakistan. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Spannungen seit Jahrzehnten: Krawalle in Kashmir zwischen Demonstranten und Behörden. (Video: AP)

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Der Konflikt im zwischen Indien und Pakistan geteilten Kashmir weitet sich aus. Seit die indische Regierung dem von ihr kontrollierten Bundesstaat Jammu und Kaschmir am 5. August den Sonderstatus entzogen hat, kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen indischen Sicherheitskräften und der mehrheitlich muslimischen Bevölkerung.

Am Donnerstag und Freitag soll Indien nach Angaben des pakistanischen Militärs sechs Menschen im von Pakistan kontrollierten Teil Kashmirs getötet haben. Pakistan versteht sich als Schutzmacht der Muslime in der Region und beansprucht – wie Indien auch – ganz Kashmir für sich. Wie das Militär mitteilt, sollen indische Soldaten über die Waffenstillstandslinie hinweg zwei Zivilisten und vier Soldaten erschossen haben. Nachrichten dringen nur schwer nach aussen, die Region liegt seit knapp zwei Wochen unter einer von Indien verhängten Ausgangs- und Nachrichtensperre.

Immer wieder prallen die zwei verfeindeten Staaten in Kashmir aufeinander, der Streit ist einer der ältesten Konflikte der modernen Staatenwelt. Warum ist Kashmir Schauplatz der indisch-pakistanischen Erzfeindschaft? Die wichtigsten Fragen zum Kaschmir-Konflikt im Überblick.

Welche Parteien stehen sich im Konflikt um die Kashmir-Region im Himalaja gegenüber?

Die zentralen Rollen in dem Territorialstreit spielen die Atommächte Indien und Pakistan. Nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft wurde Britisch-Indien in zwei Nachfolgestaaten geteilt, Indien mit einer Mehrheit von Hindus und Sikhs und Pakistan mit überwiegend muslismischer Bevölkerung. Die Teilung fand nicht friedlich statt. Zwischen den Gläubigen beider Religionen kam es zu blutiger Gewalt. Millionen Menschen auf beiden Seiten der neuen Grenze flüchteten oder wurden vertrieben, es gab bis zu einer Million Todesopfer.

Im Königreich Kashmir zögerte der herrschende Maharadscha den Beitritt zu einem der neugeschaffenen Staaten in der Hoffnung heraus, einen eigenen unabhängigen Staat gründen zu können. Doch bald beanspruchten sowohl Indien als auch Pakistan die Region für sich. Der Maharadscha entschloss sich schliesslich zum Anschluss an Indien, was Pakistan nicht akzeptierte. 1948 entbrannte der erste Kashmir-Krieg. Es folgte eine von den Vereinten Nationen vermittelte Waffenruhe, die zur faktischen Teilung des Gebiets zwischen Indien und Pakistan führte. 1965 versuchte Pakistan vergeblich, Kashmir ganz zu erobern. Seit 1972 trennt eine Waffenstillstandslinie, die sogenannte «Line of Control», die Konfliktregion.

Wer kontrolliert welches Teilgebiet?

Kashmir grenzt an Indien, Pakistan, Afghanistan und China. Seit der Aufspaltung Britisch-Indiens befindet sich der südliche Teil des Gebiets als Bundesstaat Jammu und Kashmir unter indischer Kontrolle. Im von Pakistan verwalteten Nordwesten befinden sich die autonome Teilregion Azad Kashmir und das Sonderterritorium Gilgit-Baltistan. Die Hochlandregion Aksai Chin nordöstlich von Kashmir ist von China besetzt.

Weshalb bricht der Konflikt aktuell wieder aus?

Beobachter gehen davon aus, dass die erneute Eskalation der Kashmir-Frage dem indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi dazu dient, seine Vorstellung eines hindu-nationalistischen Indiens zu verwirklichen. Der Grossteil der Bevölkerung in Kashmir gehört noch immer dem Islam an. Modis Regierung befürchtet ein aus ihrer Sicht gefährliches Interesse der dortigen Muslime am Erzfeind, der Islamischen Republik Pakistan.

In einer landesweit ausgestrahlten Rundfunkansprache sagte Modi am vergangenen Donnerstag, Pakistan nutze den Sonderstatus, um die Bevölkerung von Kashmir gegen Indien aufzubringen. Deshalb will Delhi den Bundesstaat Jammu und Kaschmir umorganisieren und der indischen Zentralregierung unterstellen.

Ein erster Schritt war es, dem Bundesstaat den bislang in der Verfassung festgeschriebenen Sonderstatus zu entziehen. Der per Dekret gestrichene Artikel 370 garantierte dem indischen Teil Kashmirs bislang unter anderem eine eigene Verfassung, eine eigene Flagge und weitreichende Autonomierechte. «Ich habe vollstes Vertrauen, dass es uns allen unter dem neuen System gelingen wird, Kashmir von Terrorismus und Separatismus zu befreien», erklärte Modi.

Offenbar soll es Indern nun auch möglich werden, Land in Kashmir zu kaufen. Einheimische Kritiker befürchten, dass dies ein Mittel sei, um auch die Mehrheitsverhältnisse in der dortigen Bevölkerung zu verändern. Eine ehemalige Regierungschefin von Jammu und Kaschmir sagte dem britischen Sender BBC, die indische Regierung wolle die Muslime zur Minderheit machen. Weil Indien mit Widerstand rechnet, wurden Anfang August Zehntausende zusätzliche Soldaten nach Kashmir geschickt.

Pakistan reagierte empört auf das Vorgehen Indiens. Die Regierung in Islamabad wies den indischen Botschafter aus. Zugleich erklärte sie, den bilateralen Handel aussetzen, Abkommen zwischen überprüfen und den «illegalen, einseitigen» Schritt Indiens vor den UNO-Sicherheitsrat bringen zu wollen.

Welche Rolle spielt die Religion der Bevölkerung?

Pakistan versteht sich als muslimischen Staat und sieht es als seine Aufgabe, für die Interessen der mehrheitlich muslimischen Bevölkerung Kashmirs einzutreten. Als säkularer Staat hat für Indien die Religionszugehörigkeit der Einwohner offiziell keine Bedeutung, jedoch betreibt die Regierungspartei Bharatiya Janata eine hindu-nationalistische Politik. Für beide Staaten ist die Kashmir-Frage also auch eine Frage der eigenen nationalen und religiösen Identität. Nach Meinung des Südasien-Experten Michael Mann von der Humboldt-Universität Berlin käme es einem «politischen Selbstmord» gleich, würde einer der Rivalen seinen Verzicht auf die Region erklären.

Weshalb ist die Region immer wieder Ziel von Terroranschlägen?

Es gibt im indischen Teil Kashmirs muslimische Separatisten, die für den Anschluss an Pakistan eintreten – teils mit Gewalt. Immer wieder kommt es zu Kämpfen und Anschlägen. Im September 2016 etwa attackierten Terroristen einen indischen Militärstützpunkt im Bundesstaat Jammu und Kaschmir. Bei dem Angriff starben 19 Soldaten. Die Attentäter sollen pakistanische Waffen benutzt haben und aus pakistanischem Gebiet in den Bundesstaat eingereist sein. Indien wirft Islamabad deshalb vor, es unterstütze gegen Indien gerichtete Terroranschläge. So erklärte Indiens Innenminister Rajnath Singh: «Pakistan ist ein terroristischer Staat und sollte als solcher identifiziert und isoliert werden.»

Tatsächlich ist Pakistan ein Rückzugsort für Rebellen und Terroristen aus Kashmir. Im Februar 2019 etwa wurden bei einem Anschlag der pakistanischen Terrorgruppe Jaish-e-Mohammed auf einen Bus bei Pulwana 40 indische Sicherheitskräfte getötet. Als Reaktion griff die indische Luftwaffe in Pakistan ein Trainingscamp der Terroristen an. Kurz darauf schoss Pakistan einen indischen Jet ab.

Der Dialog zwischen Indien und Pakistan ist schon seit 2016 weitgehend zum Erliegen gekommen, die Beziehung beider Staaten hat sich seitdem deutlich verschlechtert.

Wie gefährlich ist der Konflikt?

Mit Indien und Pakistan stehen sich zwei Staaten gegenüber, die im Besitz von Atomwaffen sind. Beide Länder hatten sich ihr Nukleararsenal in erster Linie gerade aufgrund des Kashmir-Konflikts verschafft. 1999 kam es zum «Kargil-Krieg» – ausgerechnet nach erfolgeichen Atomwaffentests beider Länder. Eingesetzt wurden die Massenvernichtungswaffen zum Glück nicht. Den Konflikt beendete erst eine diplomatische Intervention der USA.

Bislang dienen die Atomwaffen beiden Staaten also vor allem dazu, eine Drohkulisse aufzubauen. Doch es gibt die Sorge, dass es dabei nicht bleibt. So warnte kürzlich Pakistans Ministerpräsident Imran Khan im Parlament vor militärischen Zusammenstössen zwischen den beiden Nuklearmächten: «Sie greifen uns vielleicht wieder an, und wir schlagen zurück. ... Wer wird diesen Krieg gewinnen? Niemand wird ihn gewinnen und er wird schwerwiegende Konsequenzen für die ganze Welt haben.»

Gefährlich ist die Situation in Kashmir natürlich auch für Touristen. Wegen terroristischer Gewalt, Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften sowie möglichen Kämpfen zwischen indischen und pakistanischen Truppen rät das Aussendepartement EDA in Bern bereits seit längerer Zeit von Reisen in den indischen Teilstaat Jammu und Kashmir ab.

Wie geht es den Einwohnern?

Derzeit leben die Bewohner unter einer von Indien verhängten Ausgangssperre. Mit einer Abriegelung will Delhi offenbar Gegenbewegungen aus der Bevölkerung verhindern, denn viele der Muslime lehnen die indische Regierung tatsächlich ab. Die Bevölkerung von Jammu und Kashmir hat derzeit weder Internet- noch Telefonzugang. Lebensmittel werden knapp, Läden, Schulen und Banken bleiben geschlossen, Medikamente fehlen, die Geldautomaten sind leer. Trotz der Blockaden und der Präsenz der Sicherheitskräfte ist es bislang jeden Tag zu anti-indischen Protesten und Ausschreitungen gekommen. Junge Männer aus Kashmir bewarfen Polizisten und Soldaten mit Steinen, die antworteten mit Schüssen und Tränengas.

Am Donnerstag und Freitag meldete das pakistanische Militär, dass indische Soldaten sechs Menschen im von Pakistan kontrollierten Teil Kaschmirs erschossen haben sollen. Demnach sollen die Sicherheitskräfte aus indischem Gebiet über die Demarkationslinie gefeuert haben.

Welche Rolle spielt die internationale Gemeinschaft?

Seit Januar 1949 sind die Vereinten Nationen mit einer Militärbeobachtergruppe (UNMOGIP) in der Grenzregion von Jammu und Kashmir. Die Mission soll die Einhaltung des Waffenstillstandes überwachen. Nach Angaben der UNO waren im März 2019 jedoch gerade einmal 45 Soldaten aus zehn Nationen für die Mission in Kashmir stationiert. Angesichts des geringen Personalumfangs gilt die Mission als kaum effektiv.

Eine vom UNO-Sicherheitsrat 1948 geforderte Volksabstimmung über die Kashmir-Frage hat es bis heute nicht gegeben. Indien, so Experte Mann, setze auf eine bilaterale Lösung des Problems mit Pakistan, «unter Ausschluss von Vertretern kashmirischer Gruppen und ohne internationale Vermittler». Pakistans Aussenminister Shah Mahmood Qureshi forderte angesichts der erneuten Eskalation die internationale Gemeinschaft auf, die «Gräueltaten und Menschenrechtsverletzungen Indiens in Kaschmir» zur Kenntnis zu nehmen.

Erst im Juli hatte sich US-Präsident Donald Trump als Vermittler in Kashmir angeboten. «Es ist so ein schöner Name. Es soll ein so schöner Teil der Welt sein. Aber im Moment gibt es dort überall nur Bomben.» Indien wies die Offerte jedoch deutlich zurück und beharrte auf seiner Position, den Konflikt nur bilateral lösen zu wollen.

Erstellt: 16.08.2019, 20:10 Uhr

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