Der Diktator bewegt sich, weil er fest im Sattel sitzt

Kim Jong-un wagt einen Richtungswechsel und verhandelt ernsthaft mit Südkorea. Das ist eine Machtdemonstration.

Gemäss südkoreanischen Delegationsteilnehmern ist Kim Jong-Un bereit sein Atomwaffenprogramm einzufrieren. Video: Reuters

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Der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un scheint über seinen eigenen Schatten gesprungen zu sein. Der 34-Jährige, der in mehr als sechs Jahren als Machthaber nur ganz wenige Ausländer empfing – aus Kuba etwa, oder den Basketballspieler Dennis Rodman – und nie selber ins Ausland reiste, ist vielleicht der isolierteste Staatschef der Welt. Er verhandelte am Montag und Dienstag lange und ernsthaft mit Südkoreas Geheimdienstchef und dem Chef von Seouls Nationalem Sicherheitsbüro. Später unterhielt er sich locker und selbstbewusst, wenn man den Fotos glauben darf, mit ihnen beim Abendessen. Künftig wird niemand mehr sagen können, Kim sei ein Verrückter.

Kim ist über einen zweiten seiner Schatten gesprungen, wenn man Chung Eui-yong glauben darf, dem Chef des südkoreansichen Sicherheitsbüros und Leiter der Delegation, die zwei Tage in Pyongyang mit ihm verhandelte. In den letzten zwei Jahren liessen Unterhändler Pyongyangs die sogenannten «Track-2»-Gespräche, inoffizielle Verhandlungen zwischen Vertretern Nordkoreas und früheren US-Diplomaten oder Akademikern, regelmässig platzen, wenn die Amerikaner Nordkoreas Atomrüstung zur Sprache brachten.

Das Regime brauche seine Atombomben und Raketen zur Abschreckung, hiess es immer. Muammar Gaddafi oder Saddam Hussein wären noch am Leben und an der Macht, wenn sie an ihren Atomprogrammen festgehalten hätten. Nun hat Kim, zumindest sagt das Chung, eingewilligt, diese seine Lebensversicherung zumindest einzufrieren und auf die Tagesordnung der erhofften Gespräche mit den USA setzen zu lassen.

Warum Kim über seine zwei Schatten gesprungen ist, darüber kann man nur spekulieren. Die Hardliner werden für sich in Anspruch nehmen, die Sanktionen hätten ihn in die Knie gezwungen. Nordkorea selber behauptet, die Entwicklung seines Waffenprogramms sei vorerst abgeschlossen, es verfüge nun über die nötige Abschreckungskapazität zum Selbstschutz seines Regimes und müsse sie nicht weiterentwickeln. Wenn Kim sich darauf einlässt, seine Atomprogramm einzufrieren, heisst das noch lange nicht, er sei bereit, es aufzugeben.

Sicherlich jedoch deuten Kims Sprünge über seine Schatten an, wie fest er in seinem Sattel sitzt. Sonst könnte er einen derart plötzlichen Richtungswechsel nicht wagen.

Dauerhafter Frieden ist nur mit Kim möglich

So paradox das klingt, ein Diktator braucht mehr Rückhalt in seinem Volk als eine demokratische Regierung. Und ein totalitärer Diktator wie Kim noch mehr. Er kann sich Irrtümer nicht leisten, diese jedenfalls nie zugeben. Nach dem Personenkult Nordkoreas ist er unfehlbar. Wenn Kim sich nun mit den Feinden, die er von seiner Propaganda noch vor kurzem übel beschimpfen liess, an einen Tisch setzt und mit ihnen isst, und seine Staatsmedien ausführlich darüber berichten, dann demonstriert er, wie sehr er seine Macht konsolidiert hat. Und dass ein dauerhafter Friede auf der koreanischen Halbinsel nur mit ihm möglich ist. Wenn überhaupt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2018, 19:46 Uhr

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