Mit Trump wird Weltpolitik zur Reality-Show

Ob beim Treffen mit Kim Jong-un oder am G-20-Gipfel: Der US-Präsident ist ein Fetischist des einfachen Deals.

«Die Beziehung zwischen uns bedeutet für viele Menschen sehr viel», sagte Donald Trump vor dem Treffen mit Kim Jong-un im Grenzort Panmunjom. Video: Reuters

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Auf die Frage, was von diesem turbulenten Wochenende der Weltpolitik bleibt, gibt es im Prinzip zwei Antworten. Die eine ist heiter, die andere düster. Wenn sich erstmals ein US-Präsident und ein koreanischer Diktator an der innerkoreanischen Demarkationslinie die Hände schütteln, so kann das als bemerkenswertes Zeichen der Hoffnung gewertet werden. Und wenn es gelingt, ein Scheitern des G-20-Gipfels zu verhüten, so ist auch das ein Grund, erleichtert zu sein. Das ist die heitere Variante.

Die düstere geht so: Es war ein Wochenende der leeren Gesten und der leeren Worte. Trump hat in Panmunjom nur schöne Bilder für seinen Wahlkampf produziert, und beim Gipfel in Osaka ist es nicht gelungen, sich mit den mächtigsten Autokraten dieser Welt auf mehr zu verständigen als auf das, was längst gelten sollte. Keine der beiden Antworten ist ganz richtig und keine ist ganz falsch. Willkommen in der Welt von 2019.

Dieser Welt hat Donald Trump nach zweieinhalb Jahren an der Macht seinen Stempel aufgedrückt. Während in den USA die Abwehrmechanismen der Demokratie durchaus noch funktionieren, lässt sich das in sehr viel geringerem Masse für das sagen, was Europäer so gerne eine regelbasierte Weltordnung nennen.

Die zwölf Seiten der mühevoll ausgehandelten Gipfelerklärung von Osaka enthalten kein glaubwürdiges Bekenntnis zu einer besseren, gemeinsamen Zukunft. Sie sind einfach nur das Dokument einer Gegenwart, in der es mit grösster Anstrengung noch gelingt, wenigstens zum Teil zu bewahren, worauf man sich längst verständigt hatte, etwa beim Klimaschutz oder Freihandel.

Genau wie beim Atomabkommen mit Iran

Dieser Abwehrkampf ist nicht vollkommen erfolglos, und er ist auch nicht sinnlos. Vor dem G-20-Gipfel war befürchtet worden, dass die Front zum Schutz des Pariser Klimaabkommens weiter bröckeln könnte. Beim vorangegangenen Gipfel in Buenos Aires hatten sich 19 Teilnehmer der Abkehr der USA von den gemeinsamen Verpflichtungen entgegengestellt, und es war keineswegs sicher gewesen, dass dies in Osaka noch einmal gelingen würde.

Weitere Länder hätten ausscheren können, um Trump zu gefallen oder Zusagen zu verwässern. Zumindest das ist nicht geschehen. Das ist ganz sicher kein Grund zum Überschwang, darf aber jene trösten, die nach diesem Wochenende nicht nur schwarzsehen wollen.

Der kleine Erfolg ändert allerdings nichts an der Wirklichkeit, der sich die Abgesandten der liberal gesinnten westlichen Demokratien auf diesem Weltkongress der Macht zu stellen hatten. Dieser Gipfel gehörte Trump und den Autokraten. Auf Treffen wie diesen bekommen die Europäer zu spüren, wie sehr sich die Gewichte bereits verschoben haben.

Die Europäer hat der US-Präsident mit ein paar Freundlichkeiten abgespeist, die äusserst begrenzte Ressource seiner Aufmerksamkeit aber galt dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping, Russlands Präsident Wladimir Putin und dem saudischen Kronprinzen Muhammad bin Salman. Sie und ihresgleichen dominierten in Osaka die Bühne. Unterdrückung, Kriege und Journalistenmorde sind bei G-20 jedenfalls nichts, wofür man sich entschuldigen müsste.

Dieses Bild hellt sich durch Trumps Spaziergang nach Nordkorea nicht über die Massen auf, es rundet sich eher ab. Die plötzliche Twitter-Einladung an Kim, die darauf folgende Spannung und gelungene Auflösung an der Grenze folgten den Regeln des Reality-TV, nicht der Weltpolitik.

Bilder: Trump und Kim treffen sich an Grenzlinie

Gegen die Inszenierung an sich ist gar nichts zu sagen. Zum Abschluss erfolgreicher diplomatischer Bemühungen oder als durchdachter Schritt hin zu einem Durchbruch im Ringen um die nordkoreanischen Atomwaffen wäre sie herzerwärmend. Bis zum Beweis des Gegenteils aber bleibt sie nicht viel mehr als Teil des Wahlkampfes des Amtsinhabers im Weissen Haus. Ebenso übrigens wie die von Trump planlos betriebene Zerstörung des Atomabkommens mit dem Iran. Er ist und bleibt ein Fetischist des einfachen Deals, was die Welt nicht sicherer machen wird.

Erstellt: 01.07.2019, 06:38 Uhr

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