Wer überleben will, muss schweigen

Vor 30 Jahren schlug das kommunistische Regime die Tiananmen-Proteste nieder. Das Thema ist tabu, doch wer dabei gewesen ist, kann das Massaker nicht vergessen.

Anstatt die jungen Demonstranten gehen zu lassen, schickte die Regierung Panzer auf die Strasse des Ewigen Friedens. Foto: Arthur Tsang (Reuters)

Anstatt die jungen Demonstranten gehen zu lassen, schickte die Regierung Panzer auf die Strasse des Ewigen Friedens. Foto: Arthur Tsang (Reuters)

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Am Morgen, an dem Fang Zheng seine Beine verlor, hatte der Sportstudent sich eigentlich schon ergeben. Um sechs Uhr ­gehörte er zu den letzten Stu­denten, die den Tiananmen-Platz in Peking nach Wochen des friedlichen Protests verliessen. In der Nacht auf den 4. Juni 1989 hatte die Volksbefreiungsarmee das Feuer auf die Demonstranten eröffnet. Fang und seine Mitstreiter gaben auf, als die ersten Nachrichten von Toten aus den umliegenden Strassen eintrafen.

Anstatt die jungen Menschen gehen zu lassen, schickte die Regierung Panzer. Sie rollten ihnen auf der Strasse des Ewigen ­Friedens entgegen und feuerten Gasgranaten auf die fliehenden Menschen. Der 22-Jährige zog eine Kommilitonin in Sicherheit, geriet dadurch aber selbst in die Bahn der Panzer. Einer ­überrollte ihn und zerquetschte seine ­Beine. Fang kam erst im Spital wieder zu sich. Beide Beine waren ihm amputiert worden.

Alle Spuren beseitigt

Auch 30 Jahre später wirkt Fang beim Erzählen, als würde ein Teil von ihm noch immer dort auf der Strasse liegen. Verzweifelt darüber, dass die Soldaten angegriffen haben, ohne jeden Grund. Der 52-Jährige spricht an diesem Vormittag im Mai auf einer Taiwaner Konferenz zum 30. Jahrestag des Massakers.

Nach dem Sommer 1989 war die Regierung erfolgreich darin, alle Spuren der Bewegung zu beseitigen und Demokratie als ein westliches Konzept abzutun. Bis heute verteidigt sie das Massaker mit der guten wirtschaftlichen Entwicklung, die folgte.

Dabei waren die Proteste keine Aktion einer zersplitterten Gruppe Konterrevolutionäre. Kein Aufstand, wie Peking die De­monstrationen nannte. Es war eine landesweite Bewegung von Studenten, Bürgern und Arbeitern. Selbst Parteiorganisationen schlossen sich zwischenzeitlich an, um für mehr politische Teilhabe, bessere Lebensbedingungen und die Stärkung der Menschenrechte zu kämpfen.

Hongkong ist der letzte Ort in China, an dem man sich an den 4. Juni 1989 erinnern kann.

Mitte der 1980er-Jahre zeigte die wirtschaftliche Öffnung unter Deng Xiaoping erste Erfolge. Doch davon profitierte nur eine kleine Clique im Umfeld der Partei. Korruption grassierte, die Inflation lag zeitweise bei fast 30 Prozent. 1986 gingen die ersten Studenten auf die Strasse. Als drei Jahre später der reformwillige und von der Partei ­geschasste Generalsekretär Hu Yaobang starb, zogen Zehntausende Studenten im April durch Peking.

Während Michail Gorbatschow im Mai zum ersten Mal seit dem Bruch zwischen den Ländern Peking besuchte, demonstrierte ­bereits eine Million Studenten. Viele traten in den Hungerstreik. Eine Schlichtung durch den ­Generalsekretär Zhao Ziyang («Wollt ihr mit knapp zwanzig euer Leben derart opfern?») scheiterte. Einen Tag später verhängte Premier Li Peng den Ausnahmezustand. Die Studenten gaben nicht nach, waren sich aber in ihren Forderungen auch nicht einig. Dann rückte die Armee in die Innenstadt ein.

Noch immer ein Tabu

Der Militäreinsatz ist bis ­heute ein Tabu in China. Nach dem Massaker liess die Regierung die Beteiligten gnadenlos verfolgen. Einige wurden erschossen, viele mussten für Jahre ins Gefängnis. Wer überleben wollte, musste schweigen. Ein Grossteil der jungen Leute weiss heute nichts mehr über 1989.

Veranstaltungen wie die Konferenz in Taiwan sollen das ändern. Organisiert wurde sie von Hongkonger Menschenrechtsorganisationen. In der südchinesischen Sonderverwaltungszone selbst kann der Gipfel nicht mehr stattfinden. Das Prinzip Ein Land, zwei Systeme, das heisst ein rechtsstaatliches Hongkong mit garantierten Freiheiten, ist von China ausgehöhlt worden.

Das weiss kaum jemand besser als Tsoi Yiu Cheong. Zwei Tage vor dem 30. Jahrestag ist der 51-Jährige für ein Gespräch in den Stadtteil Mong Kok im Zentrum Hongkongs gekommen. Dort hat die Hongkonger Allianz zur Unterstützung Patriotischer Demokratischer Bewegungen ein 4.-Juni-Museum eröffnet. Es liegt versteckt in einem unscheinbaren Bürogebäude.

Das vergängliche Museum

Das Museum besteht aus nur einem durch Trennwände geteilten Raum. In einer Ecke läuft ein Video mit Augenzeugenberichten von Journalisten, die 1989 in Peking arbeiteten. Daneben hängen Spruchbänder der Demonstranten («Das Volk unterstützt euch») sowie Gegenstände von getöteten Studenten. Darunter eine zerbrochene Brille oder ein Tagebuch.

In der Ausstellung schiessen Besucher Fotos, als wäre das Museum etwas Vergängliches. Ganz falsch ist das nicht. Zwei Jahre war die Gedenkstätte geschlossen. Die alte Gebäudeverwaltung hatte die Organisation rausgeworfen. Die Besucher hätten angeblich andere Nutzer gestört, so der Vorwurf. Für Tsoi ein vorgeschobener Grund. Er vermutet, dass der Druck aus Peking zu gross geworden war. Kurz vor der Eröffnung der neuen Ausstellung brachen Unbekannte ein und beschädigten die Stromleitungen. Wohl um Besucher abzuschrecken, müssen sie sich nun mit Klarnamen und Ausweisnummer im Erdgeschoss registrieren.

Aufgeben wollen Tsoi und ­seine Mitstreiter trotzdem nicht. Noch sei Hongkong ein Ort, an dem Menschen ihre Meinung frei äussern könnten. «Das Museum ist auch ein politisches Statement», sagt Tsoi. Hongkong ist der letzte Ort in China, an dem Erinnerungsarbeit geleistet werden kann – auch wenn die Freiheit schwinde.

Auch bei der Konferenz in Taiwan will man sich nicht von den Einschüchterungsversuchen aus Festlandchina beeinflussen lassen. Nachdem Fang Zheng ­gesprochen hat, übernimmt Li Xiaoming das Mikrofon. Der ehemalige Offizier gehörte zu einer der Einheiten, die am 4.Juni auf den Platz marschierten, als die Leichen bereits aus den Strassen geräumt waren. Der ehemalige Soldat weint, als er später beteuert, nie auf jemanden geschossen und niemanden getötet zu haben. «Es tut mir trotzdem so leid.»

Für Menschen wie den heute in den USA lebenden Bürgerrechtler Fang hat sich in den vergangenen 30 Jahren nur wenig verändert. Auch wenn das Massaker im Gedächtnis des heutigen China keine Rolle mehr spielt, hat kaum jemand, der damals auf dem Platz dabei war, die Ereignisse verarbeiten können. Fang hofft, dass mit der Zeit mehr Menschen wie Li bereit sind, über ihre ­Rolle 1989 zu sprechen: «Ich will die Wahrheit wissen.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.06.2019, 19:52 Uhr

Podiumsdiskussion

China - Faszination, Bedrohung, Chance

China ist eines der dynamischsten Länder der Welt. Es ist eine uralte Kulturnation. Und es macht dem Westen seine globale Vormachtstellung streitig.

Was bedeutet Chinas Aufstieg für die Schweiz, Europa und die USA? Weshalb funktioniert eine kapitalistische Marktwirtschaft in einem kommunistischen Einparteienstaat? Und wie schwierig ist es für jemanden aus Europa, Chinesisch zu lernen?

Über diese und andere Fragen diskutieren:

Barbara Lüthi, langjährige Ostasien-Korrespondentin
des Schweizer Fernsehens und heutige Moderatorin der Sendung «Club».

Clarisse von Wunschheim, Anwältin und Expertin für internationale Handelsstreitigkeiten, mit Schwerpunkt China.

Uli Sigg, ehemaliger Schweizer Botschafter für die Volksrepublik China, Nordkorea und die Mongolei, Kunstsammler, Mäzen und Unternehmer.

Moderation: Sandro Benini, Redaktor Meinungen&Debatte, Tages-Anzeiger

16. Juni, Kaufleuten, Pelikanplatz, Zürich.
Türöffnung: 19.00 Uhr, Beginn: 20.00 Uhr.
Eintritt: 25 CHF. Mit Carte blanche 15 CHF

Ticketreservierung: www.kaufleuten.ch

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