Chinas Präsident verstärkt die Furcht vor dem Virus

830 Fälle, 26 Tote, Einschränkungen in acht Städten: Mit dem Coronavirus verbreitet sich in China auch das Misstrauen gegenüber der Regierung.

Reisende in einem Pekinger Bahnhof schützen sich mit Schutzmasken vor der neuen Krankheit. Foto: Kevin Frayer (Getty Images)

Reisende in einem Pekinger Bahnhof schützen sich mit Schutzmasken vor der neuen Krankheit. Foto: Kevin Frayer (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Elf Millionen Menschen stehen in der zentralchinesischen Stadt Wuhan seit Donnerstagmorgen de facto unter Quarantäne. Die Zahl der mit dem Coronaerreger infizierten Menschen ist in den vergangenen Tagen rapide gestiegen. Mindestens 830 Infizierte, 26 Tote und viele Schwererkrankte – so ist der Stand am Freitagmorgen.

Peking hatte keine andere Möglichkeit mehr gesehen, als die Millionenmetropole abzu­riegeln. Ähnliche Restriktionen gelten nun auch für benachbarte Städte wie Ezhou, Chibi, Lichuan, Xianning und Huangshi – sie alle liegen in der Provinz Hubei. Die Bahnhöfe in den Städten waren am Donnerstag mit Soldaten umstellt. Die Beschränkungen gelten damit für über 20 Millionen Menschen – weltweit ein bisher einmaliger Vorgang.

Wuhan ist ein zentraler Verkehrsknotenpunkt in China. Etwa 15 Millionen Menschen sollten während des Frühlingsfests über die Metropole in ihre Heimatstädte reisen. Am Donnerstag war das höchste Reiseaufkommen erwartet worden.

Die Weltgesundheitsorganisation sprach von einer weltweit beispiellosen Massnahme. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus lobte die Abschottung von Wuhan als eine «sehr, sehr starke Massnahme». Dies zeige die Bereitschaft der chinesischen Behörden, die Risiken zu minimieren.

Aus Sars-Fehler gelernt

Das Krisenmanagement Pekings sei in diesen Tagen ein Beispiel für den grossen Fortschritt Chinas, schreibt die Staats­presse über das harte Vorgehen der Regierung. Die Führung habe aus den Fehlern von 2003 gelernt. Damals hatten die Behörden den Ausbruch des Sars-Virus drei Monate lang vertuscht. Fast 800 Menschen waren gestorben, Tausende erkrankt.

Heute sei das in dieser Form nicht mehr möglich, kommentiert die Presse. Inzwischen spricht aber einiges dafür, dass die Lokalregierung entgegen den Behauptungen nicht unverzüglich alle Informationen weitergegeben hat. Am Montag sprach das Zentrum für Seuchenbekämpfung in Wuhan noch davon, dass das Virus nicht besonders ansteckend sei. Mittlerweile scheint klar zu sein, dass die Behörden zu diesem Zeitpunkt bereits elf Tage wussten, dass sich mindestens ein Mitarbeiter in einem Spital infiziert hatte – ein Hinweis auf die hohe Ansteckungsgefahr durch das Virus.

Peking lässt im Netz inzwischen Kritik am Vorgehen der Behörden löschen. Selbst in privaten Nachrichtenchats erreichen Meldungen ihren Empfänger nicht mehr. Das Vorgehen zeigt, dass es Peking auch 15 Jahre nach der Sars-Epidemie schwerfällt, die Krise mit Transparenz in den Griff zu kriegen.

Jeder Chatverlauf geniesst mehr Glaubwürdigkeit als die Berichte in den staatlichen Medien.

Die Woche begann in China mit einem bemerkenswerten Statement. Auf der Kurznachrichtenplattform Weibo veröffentlichte die Kommunistische Partei am Dienstag einen Appell an ihre Kader. Sie müssten nun möglichst viel Offenheit walten lassen. Wer Infektionen in seiner Region vertusche oder seine eigenen politischen Interessen über die Gesundheit des Volkes stelle, müsse mit schweren Strafen rechnen. Die Glaubwürdigkeit der Regierung habe durch das Verhalten während der Sars-Epidemie 2003 gelitten. Das dürfe sich nicht wiederholen.

Die Selbstkritik war für Peking zwar bemerkenswert. Im Umgang mit der Krise dürfte sie aber wenig ausrichten. In China gibt es immer einen Unterschied zwischen dem, was die Partei anordnet, und den tatsächlich Massnahmen, die auf lokaler Ebene umgesetzt werden. Präsident Xi Jinping hat die Macht zwar stärker auf sich vereint. Die Provinzen sind dadurch näher gerückt – und damit auch Pekings Kontrolle über sie. Das bedeutet aber nicht, dass die lokalen Behörden stets tun, was Peking will.

Durch die schnelle Ausbreitung und die zahlreichen Fälle im Ausland steht das Land international unter Druck. Die Krankheitsfälle im Ausland zwingen China dazu, Handlungsfähigkeit zu beweisen. Die Quarantäne in Wuhan ist nicht nur ein Signal nach innen, sondern auch nach aussen. Indem der Staatschef die Lösung der Krise zur Chefsache erklärt hat, ist der Druck auf die Lokalbehörden exponentiell gestiegen. Das macht die Sache paradoxerweise nicht besser, sondern unberechenbarer. Es erhöht die Gefahr, dass Lokalregierungen einen Ausbruch in ihrer Region oder Fehler bei der Bekämpfung der Epidemie zu verschleiern versuchen.

Xi versucht zu beruhigen

Bis heute zeigt sich dieses Phänomen etwa bei den Wirtschaftszahlen. Gerade erst korrigierte fast die Hälfte aller Provinzen des Landes ihr Ergebnis für 2018 nach unten, nachdem die Zentralregierung ihre Zahlen überprüfen liess. Sie waren allesamt zu hoch. Von Premier Li Keqiang ist zum Beispiel bekannt, dass er den gemeldeten Wirtschaftszahlen so wenig vertraut, dass er sich stattdessen lieber drei Faktoren anschaut: die Höhe der Kreditvergaben, das per Schiene transportierte Warenvolumen sowie den Energieverbrauch.

Der Li-Keqiang-Index steht für das Misstrauen der chinesischen Spitze gegenüber dem eigenen System. Dass die Be­hörden in Wuhan die neuen Krankheitsfälle am Wochenende nicht meldeten, ist höchstwahrscheinlich auf ähnliche Muster zurückzuführen. Der Anstieg durfte nicht sein, also meldete man ihn nicht.

Die Panik in der Bevölkerung, die zu Hamsterkäufen von Masken und Lebensmitteln geführt hat, verdeutlicht gleichzeitig das mangelnde Vertrauen der Bevölkerung in ihre Regierung. Präsident Xi Jinpings Rede an die Nation beruhigte viele Menschen nicht, sondern verstärkte vielmehr die Furcht. Dabei spielen auch die Medien eine Rolle. Unter Xi gibt es fast keine freie Berichterstattung mehr. Bereits jetzt hat die Regierung den Druck auch auf die letzten chinesischen Journalisten erhöht, die vergleichsweise frei über die Krankheitswelle berichten.

Die Staatsmedien hingegen halten sich inzwischen deutlich stärker zurück. Die wichtigste Tageszeitung in China, die «Volkszeitung», hatte am Donnerstag keine Zeile zu Wuhan auf der Titelseite. Hunderte Millionen Menschen informieren sich deshalb übers Netz. Das tief sitzende Misstrauen führt dazu, dass jeder Screenshot eines angeblichen Chatverlaufs aus einem Messengerdienst eine höhere Glaubwürdigkeit geniesst als die Berichte in den Staatsmedien.

Erstellt: 23.01.2020, 21:22 Uhr

Virus kommt vom Fischmarkt

Es wird vermutet, dass das neue Coronavirus von einem Fischmarkt in der 11-Millionen-Metropole Wuhan kommt, auf dem auch Wildtiere verkauft wurden. Man gehe davon aus, dass die Quelle ein Wildtier auf dem Markt gewesen sei, sagte Gao Fu, Direktor des chinesischen Zentrums für Seuchenkontrolle. Demnach gab es zunächst Übertragungen vom Tier zum Menschen, bevor das Virus sich an seinen neuen Wirt anpasste und es zu Übertragungen zwischen Menschen kam. Internationale Medien berichten, dass der Vielgebänderte Krait und die Chinesische Kobra die ursprüngliche Quelle des neuen Coronavirus sein könnten. (red)

Artikel zum Thema

«Bleiben Sie zu Hause!» – Schweizer Firmen warnen vor Virus

Novartis, ABB und Schindler haben Filialen in der abgeriegelten Metropole Wuhan. Sie sorgen sich um ihre Kollegen. Laut dem EDA leben acht Schweizer in der Stadt. Mehr...

Coronavirus aus China gelangt in die USA

Bereits sechs Personen sind durch den Sars-ähnlichen Erreger gestorben. Inzwischen ist bestätigt, dass eine Übertragung von Mensch zu Mensch möglich ist. Mehr...

Schweizer Behörde beunruhigt über Dynamik von Virus

Das Bundesamt für Gesundheit bereitet sich auf eine mögliche Ausweitung des Coronavirus vor. Inzwischen gibt es 571 Fälle in China. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...