Ist diese Gesellschaft so bunt und friedlich, wie alle glaubten?

Der Anschlag auf zwei Moscheen mit 50 Todesopfern hat das Selbstverständnis Neuseelands infrage gestellt. Was wird sich nun ändern?

Am Freitag trauerten Tausende im Hagley Park um die Toten des Anschlags auf die Al-Noor-Moschee. Foto: Carl Court (Getty Images)

Am Freitag trauerten Tausende im Hagley Park um die Toten des Anschlags auf die Al-Noor-Moschee. Foto: Carl Court (Getty Images)

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Man steht, wieder mal in dieser dunklen Woche von Christchurch, mit Menschen aller Hautfarben am Zaun des Botanischen Gartens, der wahrscheinlich für alle Zeit ein Gedenkzaun geworden ist. Der Teppich aus Blumen und Fotos, Stofftieren und Abschiedskarten ist längst über den Rasenstreifen hinausgewachsen, weit in den Gehsteig hinein. Tag oder Nacht, hier ist man nie allein, und wenn man feuchte Augen hat, wird man sofort von irgendwem in den Arm genommen. Die Bürgermeisterin von Christchurch wird später sagen: «Dieser Ort gibt mir den Glauben an die menschliche Natur zurück.»

Pressekonferenz mit den Sanitätern, die am Freitag als Erste an der Al-Noor-Moschee in der Deans Avenue eintrafen. Paul Bennett, Glatze, Brille, muss Anlauf nehmen für diesen Satz. Aus der Moschee, sagt er dann, sei ihm ein «Fluss aus Blut» entgegengekommen. Bennett war auch 2011 im Einsatz, als das Erdbeben Christchurch verwüstete. Damals, sagt er, habe er auch Schreckliches gesehen. «Aber beim Erdbeben war es Mutter Natur, das konnte man sich erklären im Kopf. Bei der Szene in der Deans Avenue war es Hass.»

Hass? Die Vorstellung, dass man etwas gegen sie haben könnte, wirkt auf Neuseeländer kurios. Höchstens könnte man sie für die Streber unter den Völkern halten, gemeinsam mit den vorbildhaften Skandinaviern. Terrorismus war immer ein Problem der anderen.

Bildstrecke: Terroranschlag in Neuseeland

«Wir sind als Ziel ausgewählt worden», sagt Lianne Dalziel, «genau deshalb.» Dalziel (58), schwarzer Blazer, schwarze Fingernägel, ist eine Frau unter Strom, die Bürgermeisterin von Christchurch. Das wollte der Terrorist womöglich sagen: Wenn es euch in Neuseeland erwischen kann, dann überall.

Lianne Dalziel sagt: «Er hat eine bewusste Entscheidung getroffen, seine Tat hier, an einem sicheren, liberalen Ort zu verüben.» Die Bürgermeisterin hat nichts gegen das Wort vom «Paradies». Hat Neuseeland nicht in sozialen Fragen die Welt angeführt? Als erster Staat das Wahlrecht für Frauen, 1893. Eine Rentenversicherung, 1898. Heute hat das Land bereits seine dritte Premierministerin, Jacinda Ardern, eine Labour-Politikerin wie Dalziel. Ardern hat im Amt eine Tochter bekommen, ihr einen Maori-Namen gegeben und sie in die UNO-Vollversammlung mitgebracht.

«Der Hass ist gewachsen»

Im Fernsehen sticht eine strenge Frau mit Kopftuch ins Auge, eine Vertreterin des Islamischen Frauenrates von Neuseeland. Der Moderator sagt, wie überrascht alle waren vom Anschlag. Die Frau sagt: «Ich war nicht überrascht.»

Nachfragen. Anjum Rahman klingt gar nicht streng am Telefon. Warum war sie nicht überrascht? «Der Hass gegen Muslime im Internet ist gewachsen.» Es möge sein, dass die rechtsextreme Szene in Neuseeland klein sei. «Aber wir leben in einer vernetzten Welt», es spiele keine Rolle, ob jemand seine Hetze in Amerika oder hier ins Handy tippt. Der rechte Terrorismus sei, genau wie der islamistische, international. «Wir haben die Regierung gewarnt. Sie haben nicht auf uns gehört.»

Ständig Nachrichten. Mahnwache hier, Spendenrekord da. Neuseeland Achter im Welt-Glücks-Index. Warum nur Achter? Die Hinterbliebenen wollen ihre Toten nach islamischem Ritus rasch begraben, die Gerichtsmediziner bitten um Geduld. Dann all die Gesichter, langsam vertraut. Der Mann, der seine Frau verloren hat und über den Täter sagt: «Ich hasse ihn nicht. Wahrscheinlich wurde er nie geliebt.» Der Vater und der Sohn, die dem syrischen Bürgerkrieg entkommen sind und in Neuseeland starben.

Video: Angriff auf Moschee in Neuseeland

Bei bewaffneten Angriffen auf zwei Moscheen in Christchurch wurden 49 Menschen getötet und über 20 weitere Personen schwer verletzt. Video: AFP/Storyful

Neuseeland, 4,8 Millionen Einwohner. 1,2 Millionen Waffen. Ein Volk von Jägern seit den ersten Tagen. Welches Gewehr braucht man, um ein Opossum zu erlegen? Im Radio sagen sie, dass halbautomatische Waffen «ausverkauft» seien – die Leute decken sich ein, bevor sie verboten werden. Immer neue Debatten. Muss das Rugby-Team «Crusaders» umbenannt werden, die «Kreuzzügler»? Muss Christchurch umbenannt werden? Es wird alles hinterfragt. War der Kiwi-Way-of-Life eine Illusion? Ist das Paradies eine Lüge?

Die Selbstzweifel haben eine statistische Basis: die vielen Obdachlosen, die Kluft zwischen Arm und Reich, die hohe Suizidrate unter Jugendlichen, besonders bei den Maori. Selbst das Öko-Image des Landes hat Kratzer: rücksichtsloser Bergbau, Wasserverschmutzung durch die Milchwirtschaft. Aber jetzt gibt es nur eine einzige Frage: Neuseeland, 200 Ethnien, 160 Sprachen – ist diese Gesellschaft so bunt und friedlich, wie alle glaubten?

Sie sagt, wie stets, das richtige

Im Parlament in Wellington tritt Jacinda Ardern ans Pult, sie sagt, wie stets in diesen Tagen, das Richtige: «Mister Speaker, al salam alaikum.» Die Welt beneidet Neuseeland um diese Anführerin, sie sieht aber der Einfachheit halber darüber hinweg, dass Arderns Koalitionspartner und Aussenminister Winston Peters stets die Sorge trieb, Neuseeland könnte durch Einwanderer eine «asiatische Kolonie» werden. Die strahlende Ardern, der trübe Peters. Es ist kompliziert.

Christchurch gilt als englischste Stadt Neuseelands, und an der Tui Street liegt ein hübsches Stück England, die anglikanische Kirche St. Barnabas. Klinkersteine, Samtfussboden, in den Bänken weisse Damen und Herren mit ebenso weissen Haaren. Gefühlte Maximaldistanz zur Al-Noor-Moschee. Aber nicht lange. Der Pfarrer bittet um den Segen für die muslimischen «Schwestern und Brüder». Dann singen sie ihre Hymne, Gott schütze Neuseeland. Sie singen nicht auf Englisch, sie singen auf Maori: Lass alle Menschen, rote Haut, weisse Haut, vor dir zusammenkommen.

Es gibt eine Sprache, auf die sich alle einigen in der Stunde der Not, die Christen, die Muslime, die Neuseeländer aller Religionen, und das ist die Sprache der Maori.

Es wird alles hinterfragt. War der Kiwi-Way-of-Life eine Illusion? Ist das Paradies eine Lüge?

Manche sagen, dass das weisse Neuseeland die Kultur der Maori vereinnahmt habe, ohne sich um die Menschen selbst zu kümmern. Fest steht, dass das ganze Land nun den Haka tanzt, den Kriegstanz der Maori. Hunderte Schüler brüllen ihre Trauer heraus, «ka mate!», das ist das Leben. «ka ora!», das ist der Tod. Ein Haka soll Feinden Angst machen – jetzt macht er Hoffnung!

Ein Absperrband läuft durch den Hagley Park, auf der anderen Seite erhebt sich die goldene Kuppel der Al-Noor-Moschee. Bei ihrer Eröffnung 1985 war sie die südlichste der Welt. Am Freitag, nur eine Woche nach dem Anschlag, will die muslimische Gemeinde hier wieder beten. Handwerker und Maler gehen ein und aus, sie arbeiten kostenlos. Die Neuseeländer geben gerade ein grosses Beispiel ab, wie eine offene Gesellschaft dem Terror begegnen kann.

Es gibt jedoch Dinge, die hat eine Gesellschaft nicht selbst in der Hand. Jacinda Ardern fordert täglich: Facebook muss das Video des Massenmords endlich aus dem Netz kriegen. Man brauche «Kontrolle», rufen alle, aber die Kontrolle entgleitet ihnen schon lange: 1960 kamen 36'000 Touristen ins Land, die meisten per Schiff, heute fliegen vier Millionen ein und trampeln die schönen Farne platt. Sie überlegen, Eintritt zu verlangen ins Paradies.

Im Fernsehen sieht man jetzt immer wieder den Politikwissenschaftler Paul Spoonley. Jahrelang wollte niemand auf den Mann hören, plötzlich tun es alle. Professor Spoonley sagt, man zähle 250 Rechtsextreme in Neuseeland. Zwei Morde durch Skinheads in den vergangenen dreissig Jahren. Ist der Hass wirklich nur importiert?

50'000 Muslime leben in Neuseeland. Zu wenig, als dass sie irgendwem, der noch bei Trost ist, Angst machen würden. Das Land nimmt nur wenige Flüchtlinge auf, es lässt nur Arbeitskräfte rein, die es braucht. Frage der Woche für diese Menschen: Können sie sich in ihrer neuen Heimat sicher fühlen? Muslimische Kinder trauen sich nicht zur Schule. Mädchen weigern sich, ihr Kopftuch zu tragen.

Polizeichef will bewaffnete Beamte auf der Strasse

Am Mittwoch beginnen die Begräbnisse der Opfer. Man ist vorher hinausgefahren zum Memorial-Park-Friedhof, durch die Vorstadt Linwood, wo der zweite Tatort liegt und wo wenig Versuchung besteht, Neuseeland mit dem Paradies zu verwechseln. Man hat viele Polizisten gesehen und viele Bagger wie auf einer Grossbaustelle. Über die, die nun zu Grabe getragen werden, erzählt man sich so viele gut belegte Geschichten von Heldentum, jede einzelne würde in normalen Zeiten über Wochen die Blätter füllen. Väter, die sich auf ihre Söhne warfen, um die Kugeln abzufangen. Die Frau, die in Sicherheit war und erschossen wurde, als sie zurückrannte, um nach ihrem Mann zu sehen.

Anjum Rahman, die strenge Frau aus dem Fernsehen, hat gesagt, sie freue sich über die «starke Reaktion» der Neuseeländer. Das Land besucht jetzt eine Art Volkshochschule der Toleranz, im Frühstücksfernsehen erklären sie, dass man beim Besuch einer Moschee die Schuhe ausziehen muss. Rahman sagt: «Aber was werden all diese Leute in einem Monat machen oder in einem Jahr?» Was wird sich ändern, was sich eigentlich ändern müsste, bis auf die Waffengesetze des Landes?

Der Polizeichef will künftig mehr Beamte auf die Strassen schicken, vielleicht sogar bewaffnet, das ist nicht selbstverständlich hier. Es wird diskutiert, ob neben der Premierministerin auch andere Politiker Leibwächter bekommen. Das klingt vernünftig. Aber für Neuseeland wäre es irgendwie auch eine Niederlage.

Stille über dem Land

Am Freitagmittag, um 13.32 Uhr, legt sich Stille über das Land, mindestens über den Hagley Park. 20'000 Menschen sind gekommen, zu zwei Schweigeminuten und dem Freitagsgebet, 5000 Muslime und 15'000 ihrer Mitbürger. «Wir sind eins», sagt Premierministerin Jacinda Ardern, die Herbstsonne taucht alles in weiches Licht.

Wie die Premierministerin tragen viele weisse Frauen ein Kopftuch. Gamal Fouda, der Imam, der den Angriff auf die Al-Noor-Moschee überlebt hat, sagt: «Unsere Herzen sind gebrochen. Aber wir sind nicht gebrochen.»

Erstellt: 22.03.2019, 20:00 Uhr

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