Wie ein übler Traum, der nicht endet

Die Bomben haben nicht nur Hunderte Menschen getötet, sondern auch das Vertrauen vieler Sri Lanker in den Staat erschüttert.

Tag zwei nach den Terrorattacken auf Sri Lanka: Die Menschen wollen sich in Würde von den Opfern verabschieden.

Tag zwei nach den Terrorattacken auf Sri Lanka: Die Menschen wollen sich in Würde von den Opfern verabschieden.

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Im Pavillon hinter der zerbombten Kirche St. Sebastian haben sie ein grosses schwarzes Holzkreuz errichtet und mit einem weissen Trauertuch behängt, gleich daneben wacht ein Soldat, er trägt ein Schnellfeuergewehr und lässt den Blick über die Menge der Betenden kreisen. Im Hof der Kirche warten Trauernde darauf, die Terroropfer vom Sonntag zu beerdigen. Priester in weissen Kutten stehen bereit, die Särge zu segnen, die nun gleich durch das Tor in den Kirchhof hereingetragen werden sollen. Aber die Särge kommen nicht.

Ein Priester stimmt ein Trauerlied an. «Gott nimm ihre Körper in Gnade auf, wir beten für sie», die Stimmen vereinen sich zu einem melancholischen Singsang. Sie wollen sich in Würde verabschieden von den Opfern, aber selbst das wird ihnen an diesem Tag in Negombo, 38 Kilometer nördlich der Hauptstadt Colombo, sehr schwer gemacht. Denn die Särge kommen immer noch nicht.

Die Regierung ist zerstritten

Schliesslich greift ein Geistlicher zum Mikrofon und erklärt, dass die Toten ihren Weg zur Kirche gerade nicht nehmen könnten, die Beerdigung wird auf den Abend verschoben. Dann bittet er alle, diesen Ort nicht in grossen Gruppen zu verlassen, sondern möglichst einzeln. Und schon kriecht wieder die Angst zurück in die Köpfe, nervöse Blicke, einige drängen rasch zum Tor, sie wollen schnell weg.

Tag zwei nach den Terror­attacken auf Sri Lanka. Der Staat hat nun den Notstand ausgerufen, am Morgen werden zwei weitere Sprengsätze in der Hauptstadt entdeckt und entschärft, am Nachmittag erklären Ermittler, dass sie nach zwei Lastwagen suchen, die angeblich voller Sprengstoff nach Colombo gekommen sind. Das alles steigert Nervosität und Verzweiflung. Viele haben hier das Gefühl, dass sie den extremistischen Gewalttätern schutzlos ausgeliefert sind und die Regierung die heikle Lage nicht im Griff hat.

Vor allem kann hier niemand verstehen, warum so viele koordinierte Attacken geschehen konnten, obwohl schon mindestens zehn Tage zuvor Warnungen vor solchen Anschlägen in den Sicherheitskreisen zirkulierten. Premier Ranil Wickremesinghe erklärte, er sei von den Gefahren nicht unterrichtet worden, und Präsident Maithripala Sirisena liess bisher offen, ob er von den Geheimdienstinformationen wusste. Die beiden Männer, die früher einmal als Verbündete galten, haben sich schon vor einiger Zeit zerstritten, im Oktober stürzte der Machtkampf zwischen den Rivalen das Land in eine Staatskrise. Viele glauben, dass die Grabenkämpfe die Politiker womöglich so stark abgelenkt haben, dass die Extremisten ideale Bedingungen vorfanden, um ihr Zerstörungswerk ungehindert vorzubereiten.

Zudem nährt das gewaltige Ausmass der Terrorangriffe bei vielen den Verdacht, dass sich die Täter hochrangige Verbündete im Sicherheitsapparat erkauft haben. Wie sollte es ansonsten möglich sein, einen so grossen Terrorplan unentdeckt umzusetzen? Das Misstrauen wächst.

Zunehmende Radikalisierung

Im Hof von St. Sebastian steht Danthika Ramani De Silva, 67 Jahre alt. Die kleine Frau hat jede Woche in der Kirche geputzt, als der Gottesdienst am Sonntag begann, war sie gerade draussen, um Kerzen zu holen. Dann zündete im Innern der Selbstmordattentäter den Sprengstoff. De Silva zuckte unter dem Knall zusammen, drehte sich geschockt zur Kirche und eilte ins Innere. Aber was sie sah, liess sie sofort erstarren. Sie hörte noch eine Stimme, die nach Wasser flehte, aber sie konnte sich nicht mehr bewegen. Schliesslich rannte De Silva irgendwann panisch nach draussen, nur fort von diesem Ort. «Es fühlt sich immer noch wie ein übler Traum an», sagt sie. De Silva hofft, dass er irgendwann vergeht, aber sie weiss, dass das alles wahr ist, sie blickt in all die trauernden Gesichter. Nun weint sie selbst. Sie schaut zum grossen Kreuz, auf den Soldaten mit dem Maschinengewehr und sagt: «So kann das doch nicht weitergehen.»

Der Islam in Sri Lanka gilt als moderat und tolerant, allerdings sind die vereinzelten radikalen Stimmen lauter geworden in den vergangenen Jahren. Es wurden neue Moscheen gebaut, es kam Geld aus den Golfstaaten ins Land. Vor allem im Westen der Insel, wo die Muslime meist der Mittelschicht oder auch der ­Elite angehören, haben die radikalen Parolen zugenommen.

32 srilankische Muslime aus Familien der gebildeten Elite seien Richtung syrisch-irakisches Bürgerkriegsgebiet ausgereist, um sich dem IS anzuschliessen, hatte Sri Lankas Justizminister 2016 vor dem Parlament gesagt. Bei einer Gesamtbevölkerung von lediglich 1,5 Millionen Muslimen ist dies im Vergleich zu den Nachbarländern viel.

Familie ausgelöscht

Eine Gasse im Norden Colombos, überall drängen sich die Leute, schon von Ferne sind Musiker zu hören. Militärischer Trommelwirbel mit melancholischer Trompete. Einige Meter weiter liegt das Haus der Familie Pradap. An der Hauptstrasse hat man schon ein grosses Plakat gesehen, darauf strahlen ein junges Paar und seine beiden Kinder, zwei und sieben Jahre alt. Am Ostersonntag ging die Familie zur Messe in die Kirche St. Anthony’s und kam nicht mehr lebend heraus. Im Halbdunkel stehen vier Särge aufgebahrt: Vater, Mutter, Sohn und Tochter, die Nachbarn ziehen an den Toten in einer stillen Prozession vorbei, vorne sitzt die Grossmutter, sie fleht und weint.

Der Bruder des getöteten Vaters hatte eine andere Kirche besucht, seine Augen huschen nach links und nach rechts. «In unserem Viertel haben alle friedlich zusammengelebt, Christen, Hindus, Muslime, Buddhisten.» Nun will er den Sarg seines Bruders zum Friedhof tragen. Aber es dauert Stunden, bis Polizisten den Weg freigeben, sie müssen an diesem Tag ein halbes Dutzend Friedhöfe sichern, damit die Extremisten nicht auch noch auf dem Weg zur letzten Ruhe Bomben zünden.

Erstellt: 24.04.2019, 08:13 Uhr

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