Wongs wichtigste Waffe im Chaos von Hongkong ist sein Handy

Der 33-jährige Aktivist hat mitgeholfen, 2 Millionen Demonstranten gegen die Regierung von Hongkong auf die Strassen zu bringen.

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Der Sonntag, an dem Wong Yok Mo seine Regierung in die Knie zwingt, beginnt nachts in einem Spital. Sieben Stockwerke ist der Mann in der gelben Regenjacke gefallen, bevor er auf dem Asphalt aufschlug, ein paar Meter neben dem Sprungtuch, das die Feuerwehr aufgebaut hatte. Wong ist im Spital, in dem der Demonstrant, der dort oben ein Protestbanner aufgehängt hatte, für tot erklärt wird. Vor der Tür legen Menschen weisse Blumen als Zeichen von Trauer auf die Autos der Polizisten. Diese wischen sie herunter.

Wong ist seit Tagen kaum zur Ruhe gekommen, schläft wenig. Vor einer Woche sind 1 Million Menschen seinem Aufruf gefolgt, um gegen ein Auslieferungsabkommen mit China auf die Strasse zu gehen – die grösste Demonstration seit den Hongkonger Protesten im Juni 1989 gegen das Massaker auf dem Tiananmen-Platz in Peking. Am Mittwoch waren es erneut Zehntausende. An diesem Sonntag, in 12 Stunden, soll die nächste Demonstration stattfinden. Er muss jetzt funktionieren.

Der 33-Jährige war schon 2014 dabei, als Studenten über Wochen die Innenstadt Hongkongs besetzten. Er ist inzwischen im Vorstand der Menschenrechtsorganisation Civil Human Rights Front, die sich für Bürgerrechte in der chinesischen Sonderverwaltungszone einsetzt. Die Studenten kämpften vor fünf Jahren dafür, ihren Regierungschef wählen zu dürfen. Sie wollten mehr Freiheit, mehr Mitbestimmung. Davon spricht niemand mehr. Heute geht es darum, zu retten, was in Hongkong von der Freiheit noch übrig ist.

Unmut ist Alltag

Der Rechtsstaat Hongkongs erodiert, sagt Wong. Das Versprechen der chinesischen Regierung nach dem Prinzip «Ein Land, zwei Systeme» hat Peking nie eingelöst. Das Regime weitet seinen Einfluss auf seine Sonderverwaltungszone immer weiter aus. Das Auslieferungsabkommen ist für viele der nächste Schritt. Es wäre ein Freifahrtschein für Peking, politische Dissidenten und kritische Journalisten nach China zu verschleppen, fürchtet Wong. «Wir wollen unsere Zukunft zurück.»

Als er an diesem Sonntag von zu Hause losfährt, fallen ihm im Bus sofort die Augen zu. Am Fenster ziehen 52 identisch graue Hochhäuser vorbei. 25'000 Menschen leben in der Bettenburg ausserhalb der Innenstadt, in der auch er mit seiner Mutter wohnt. Hongkong gehört zu den teuersten Städten der Welt. Die Ärmsten der Armen leben in Drahtverschlägen oder Metallkäfigen, die in Wohnungen übereinandergestapelt werden. Sie schlafen in Schichten.

Aber auch die meisten jungen Menschen können sich nichts Eigenes leisten. Sie leben meist bei ihren Eltern, die eine Wohnung gekauft haben, als die Quadratmeterpreise noch nicht im Schnitt mehr als 22'000 Franken betrugen. Das Einstiegsgehalt von Uniabsolventen liegt bei gerade einmal 1700 Franken – und das in einer Stadt, in der Kaffee 8 und ein Burger 22 Franken kostet. Die Frustration unter jungen Leuten ist gross. «Sie haben uns zu lange ignoriert», sagt Wong.

Der Unmut über die Regierung ist in Hongkong Alltag, die hohen Mieten sind ein Dauerthema. Neu ist aber die Wut. Wong stand etwas entfernt von dem Strassenabschnitt, an dem die Polizei letzten Mittwoch die erste Tränengasbombe zündete. Er rannte los, um Shampoo zu kaufen. Damit lässt sich Reizgas aus dem Gesicht waschen. 150 Tränengaspatronen, Gummigeschosse und sogenannte Beanbags – eine Schrotmunition, die den Getroffenen nicht töten soll – hat die Polizei abgefeuert. Die Polizisten richteten ihre Waffen gegen Zehntausende Demonstranten. Es war ein Wochentag. Die meisten Demonstranten waren Studenten und Schüler, die Sommerferien haben.

«Wo warst du am Mittwoch?»

Wong zeigt Aufnahmen, die seitdem im Netz kursieren. Ein Polizist zielt einer Mutter mit seiner Waffe direkt ins Gesicht. Sie hatte die Einsatzkräfte um einen Feuerstopp anfleht. Einige Einheiten schiessen scheinbar Tränengas gezielt auf Journalisten. Andere verfolgen unbewaffnete Demonstranten, die bereits fliehen, und greifen einen Mann an, der erschöpft auf einer Mauer sitzt, halb blind durch das Gas. Die Bilanz des Tages sind 81 Verletzte. Darunter mehrere Schwerverletzte. «Wo warst du am Mittwoch» ist eine Grussformel in Hongkong geworden. Und: «Please stay safe», «Bitte, pass auf dich auf». Viele haben nun eine Gasmaske in ihrer Handtasche.

Später werden Demonstranten, Pendler und Touristen, die unbeabsichtigt ins Chaos geraten waren, alle das Gleiche sagen: dass die jungen Menschen sie beschützt hätten, dass sich die Schüler auf der Strasse, 14 und 15 Jahre alt, zwischen sie und die Einsatzkräfte gestellt hätten. «Ze! Ze! Ze!», hätte durch die Schächte der U-Bahn gehallt – der Ruf nach Regenschirmen, um sich damit gegen das Pfefferspray zu wehren.

Carrie Lam hat die Wut der Menschen unterschätzt. Viele in der Stadt identifizieren sich nicht mit China, sondern damit, eben nicht wie China zu sein.

Die Regierungschefin Carrie Lam nennt die Jugendlichen Chaosstifter und Aufständische. Das Wort «Aufstand» ermöglicht Haftstrafen von bis zu zehn Jahren. Doch sie hat die Wut der Menschen unterschätzt. Viele in der Stadt identifizieren sich nicht mit China, sondern damit, eben nicht wie China zu sein. Jedes Jahr kommen Hunderttausende am 4. Juni zusammen, um der Opfer des Massakers auf dem Tiananmen-Platz in Peking 1989 zu gedenken. Je grösser der Ärger über die Regierung, desto höher die Teilnehmerzahl – und dieses Jahr gab es einen neuen Rekord.

Einen Tag nach den schweren Strassenschlachten vom Mittwoch haben Wong und seine Kollegen entschieden, am nächsten Sonntag erneut zu demonstrieren. Wongs wichtigste Waffe ist sein Handy. Wenn er das Gerät hervorholt, blinkt es. 280 Nachrichten, 68 Nachrichten, 100 Nachrichten. Selbst als er auf der Bühne vor 100'000 Menschen steht, tippt er ins Handy. Nach den Studentenprotesten 2014 haben die Behörden die Anführer systematisch verfolgt. Der Juradozent Benny Tai, der Sozialwissenschaftler Chan Kin-Man und auch Joshua Wong, der damals 17-jährige Schüler – sie alle mussten in Haft. Studenten wie Nathan Law sind die Posterboys der prodemokratischen Bewegung. Aber im Maschinenraum arbeiten Leute wie Wong.

«Sing Hallelujah to the Lord»

Wenn Wong nervös wird, beginnt er, leise «Sing Hallelujah to the Lord» zu singen. Man hört seiner Stimme an, dass er mal Berufsmusiker werden wollte. Gläubig ist er nicht. Das Lied ist die inoffizielle Hymne des Protests geworden. Demonstranten hatten die einfachen Verse gesungen, um die Polizisten während der Proteste zu beruhigen – über Stunden immer das gleiche Lied.

Wong arbeitet seit den Studentenprotesten 2014 ehrenamtlich in verschiedenen Initiativen. «Dazu fühlte ich mich irgendwie berufen, auch wenn das albern klingt.» Er ist in Hongkong geboren, hat viele Jahre in Taiwan gelebt. Nach der Schule ging er für drei Jahre nach Deutschland, um dort Musik zu studieren. Heute arbeitet er als freier Übersetzer. Auch wenn er schon so lange dabei ist, hat er manchmal Zweifel. Fast ununterbrochen rufen ihn prochinesische Aktivisten an. In Hongkong werden prodemokratische Nichtregierungsorganisationen immer häufiger Opfer von Überfallen und Bedrohungen.

Noch eineinhalb Stunden bis zum Start der Demonstration. Wong muss auf die Bühne. Er spricht als Einziger neben Kantonesisch auch fliessend Englisch und Hochchinesisch. Er muss die Bahnstationen durchsagen, die bereits wegen Überfüllung geschlossen sind: Tin Hau, Causeway Bay, Wan Chai, Admiralty. «Können es wirklich schon so viele sein?», fragt Wong. Gerade hatten sie noch Sorge gehabt, dass nicht genug Leute kommen. Nun brauchen sie Sicherheitskräfte, um es überhaupt in die erste Reihe des Umzugs zu schaffen. Als der Marsch sich in Bewegung setzt, ist nach wenigen Hundert Metern kein Durchkommen mehr. Hongkong wirkt wie eine Schüssel, in die Menschen wie Wasser von allen Seiten hineinströmen und sich im Zentrum sammeln.

2 Millionen gingen am Sonntag in Hongkong auf die Strasse. Foto: Carl Court (Getty)

Am Nachmittag ist Wong der Erste, der den ganzen Zug gesehen hat und dem TV-Team von CNN eine Einschätzung geben kann: «Es sind mindestens so viele wie beim letzten Mal, 1 Million vielleicht.» Er hat einen hochroten Kopf. Die Moderatorin wiederholt es wenige Sekunden später im amerikanischen Fernsehen. Erst abends wird sich herausstellen, dass Wong sich verschätzt hat: Fast 2 Millionen Menschen sollen gekommen sein. Weit nach 18 Uhr sind immer noch Demonstranten auf dem Weg in die Stadt.

Wenn man nicht mit einem der Organisatoren unterwegs wäre, würde man denken, dass irgendjemand für die 2 Millionen Menschen einen Plan gemacht haben müsste. Aber schon zehn Minuten nach Beginn des Marschs haben die Organisatoren keine Kontrolle mehr über die Menschenmassen. Hongkonger scheinen mit einem Verdopplungszauber belegt zu sein: Haut Peking einen um, stehen zwei wieder auf.

«Das ist Hongkong»

Wong scheint das nicht zu stören. Er schlendert entspannt durch die Reihen. «Das ist Hongkong», ruft er ab und zu. Und: «Das schaffen wir», was dann in einem Echo durch die Menschenmenge getragen wird. Das Chaos ist für die Nutzer von iPhones perfekt. Per Airdrop verschicken sie an Geräte in ihrer Umgebung Karikaturen von Carrie Lam, Aufforderungen, dass sie zurücktreten, das Abkommen komplett zurückziehen soll. Das Handy bekommt Hunderte Dateien pro Minute angeboten. Am Regierungssitz von Carrie Lam singen unter dem Vordach Hunderte Menschen mehrstimmig «Sing Hallelujah to the Lord». Wong stimmt mit ein.

Am Ende des Tages entschuldigt sich Carrie Lam in einem Statement für ihren Umgang mit dem Abkommen. Sie hat dem Druck der Strasse nachgegeben. Und Wong steht vor einer Reihe Kartons. Hier können Demonstranten ihre Ausrüstung abgeben. «Bis zum nächsten Protest werden sie eingelagert», erklärt er. In den Kartons stecken Gasmasken, Schutzhelme – und Regenschirme.

Erstellt: 18.06.2019, 09:30 Uhr

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