Wo arbeiten unerwünscht ist

Peking hat China wegen des Virus eine Zwangspause verordnet, die der chinesischen Wirtschaft einen Dämpfer versetzt.

Leere Strassen in Wuhan: Das Leben in der 11-Millionen-Stadt steht still. Foto: Barcroft Media, Getty Images

Leere Strassen in Wuhan: Das Leben in der 11-Millionen-Stadt steht still. Foto: Barcroft Media, Getty Images

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Der Börsenstart ist verschoben, Geschäfte, Unis und Schulen geschlossen. Es gibt drei Tage Sonderferien. Einige Lokalregierungen lassen ihre Bürger sogar für eine zusätzliche Woche zu Hause. China ist um das Neujahrsfest herum traditionell weitgehend im Ruhemodus. Fabriken pausieren, Bauarbeiter fahren nach Hause, die Börsenplätze sind geschlossen.

In Branchen wie dem Dienstleistungssektor und dem Tourismus hingegen gelten die Wochen um das Fest als die wichtigsten des Jahres. Es ist Hauptreisezeit. Bis zu drei Milliarden Fahrten unternehmen die Menschen, das haben Statistiker errechnet. Sieben Millionen Chinesen fliegen ins Ausland. Nun aber haben Millionen ihre Reisen abgesagt. ­Freizeitparks und Sehenswürdigkeiten sind geschlossen. Die Menschen bleiben zu Hause, kaufen nur das Nötigste.

Das wird sich auf die Umsätze der Unternehmen auswirken, auf den Konsum, den Export. ­Allein die Abriegelung von ­Wuhan dürfte spürbare Folgen haben. Die 11-Millionen-Stadt ist ein logistisches Drehkreuz und ein wichtiger Standort für die Auto- und Stahlindustrie. 214Milliarden Dollar trägt die Stadt zum chinesischen Bruttoinlandprodukt bei, immerhin 1,6Prozent. Der Ausbruch des Sars-Virus 2003 kostete die Weltwirtschaft schätzungsweise 40Milliarden Dollar. Chinas Wachstum fiel um 1 Prozent niedriger aus.

Reformen fallen aus

Die Folgen des Coronavirus könnten noch heftiger sein. Die Abhängigkeit vom chinesischen Markt ist heute in vielen Branchen höher. Zudem ist Chinas Wirtschaft deutlich anfälliger. Mit 6,1 Prozent wuchs sie 2019 zwar stabil. Mit einem schwachen ersten Quartal wird Peking aber neue Konjunkturprogramme brauchen, um 2020 die Zielmarke von 6 bis 6,5 Prozent Wachstum zu erreichen. Nächstes Jahr feiert die Kommunistische Partei ihren 100. Geburtstag. Eine schwächelnde Konjunktur wird die Führung nicht zulassen. Das erhöht das Risiko, dass nötige Wirtschaftsreformen und die Bekämpfung der Risiken im Finanzsektor weiter aufgeschoben werden.

149 Millionen Flugreisen

Und Chinas Nachbarschaft droht mit in der Krise zu landen. Die Staaten Südostasiens versuchen einerseits die Gefahr einer Ansteckung für die eigene Bevölkerung zu minimieren. Andererseits wollen sie die Wirtschaft so wenig wie möglich schädigen. Singapur, wichtigstes Drehkreuz der Region, erlebt das Dilemma besonders drastisch.

Wie kaum eine andere Stadt lebt sie vom internationalen Luftverkehr. Dennoch verhängte die Regierung nun einen Einreisestopp für alle, die sich in den letzten 14 Tagen in der chinesischen Provinz Hubei aufhielten, wo die Infektionen mit dem Coronavirus begannen. Singapurs Minister für nationale Entwicklung verteidigte den Schritt mit Nachdruck. Der Schritt sei nötig, um Singapur zu schützen. Infiziert sind im Stadtstaat bisher sieben Chinesen, alle aus Wuhan, der Hauptstadt von Hubei.

Die Länder der Region haben in den vergangenen Jahren ökonomisch erheblich von der Reiselust chinesischer Kundschaft profitiert. Während Chinesen im Jahr 2003 erst 20 Millionen Reisen unternahmen, waren es 2018 bereits 149 Millionen. Manche Inseln, wie das einst so beschauliche Lembongan bei Bali, waren plötzlich nicht mehr wiederzuerkennen: Massen chinesischer Reisegruppen eroberten morgens in Landungsbooten den Strand, umrundeten geschlossen die Insel, kauften ein, speisten und rauschten abends wieder ab.

Oft wird das neue Coronavirus mit der Lungenkrankheit Sars verglichen, die 2003 weltweit für Angst und Schrecken sorgte. Die wirtschaftlichen Folgen waren am Ende aber gering.

Nun hat China verkündet, alle Gruppenreisen im Inland und ins Ausland zu stornieren, die Viruskrise trifft damit den Tourismus abrupt. Boomländer wie Thailand, die im Schnitt 800'000 chinesische Besucher pro Monat zählen, werden den Einbruch besonders spüren. Die dortige Tourismusbehörde rechnet mit einem Rückgang chinesischer Kunden um bis zu 70 Prozent. Die Urlaubsindustrie macht in Thailand ein Fünftel der gesamten Wirtschaftskraft aus.

Je weiter sich der Erreger verbreitet und je länger die Risiken anhalten, umso mehr werden Beschränkungen aber auch andere Zweige erfassen, auf Geschäftsbeziehungen von Firmen durchschlagen und das dynamische Südostasien ausbremsen. Entscheidend wird nicht nur das Ausmass, sondern vor allem auch die Dauer der Krise sein. Mit Blick auf frühere Epidemien und den Sars-Ausbruch, bei dem fast 800 Menschen starben, schreiben Experten der Consulting-Firma Capital Economics: «Während der anfängliche Schlag für die Ökonomie hart sein kann, kommt das Wachstum meist schnell zurück, sobald das Virus eingedämmt ist.»

Als am Montag die Kurse an den Börsen weltweit Verluste verzeichneten, wurde als Grund dafür von Beobachtern in erster ­Linie die Sorge vor den Folgen des Coronavirus angeführt. Mit der Ausbreitung der Lungenkrankheit vor allem in China ­rücken damit schon jetzt mögliche realwirtschaftliche Konsequenzen mit in den Fokus.

Bisher sind sie über die hauptsächlich betroffenen Regionen hinaus kaum zu sehen. Es liegt in der Natur der Verbreitung einer solchen Krankheit, dass sich ihr weiterer Verlauf nur sehr schwer abschätzen lässt. Aus der Erfahrung und aus Studien zu früheren Epidemien lassen sich aber Lehren zu den potenziellen wirtschaftlichen Konsequenzen ziehen. Am meisten wird die Entwicklung des Coronavirus mit jener der Lungenkrankheit Sars verglichen, die vor allem im Jahr 2003 weltweit für Angst und Schrecken sorgte. Die wirtschaftlichen Folgen waren am Ende aber äusserst gering.

Börsen zeigen Unsicherheit

Dass die Börsen früh reagieren, ist typisch und wenig aussagekräftig. An den Kapitalmärkten werden Erwartungen zur Zukunft gehandelt und nicht die Zukunft selbst. Und bei einer unbekannten Krankheit ist die Unsicherheit dazu besonders gross. Je nachdem, ob die letzten Nachrichten gerade Anlass zur Panik oder zur Beruhigung geben, bewegen sich deshalb die Kurse. Bereits am Dienstag stiegen die Kurse weltweit wieder an.

Generell haben die Ängste vor der Krankheit die grösseren wirtschaftlichen Folgen als die Krankheit selbst und die mit ihr verbundenen Kosten. Sehr schnell und unmittelbar betroffen ist die Reisebranche und die ganze Mobilität. Wer reist, setzt sich dem Kontakt mit anderen Menschen aus und damit potenziell einer Ansteckung. Das ist jetzt vor allem in China selbst zu sehen – wie auch verordnete Reisebeschränkungen. Folgen hat die Angst vor einer Pandemie deshalb bereits auf den Ölpreis. Die Erwartung einer geringeren Reisetätigkeit liess ihn – gemessen an der Sorte Brent – auf unter 60 Dollar pro Fass fallen.

Wie bei allen Entwicklungen, die in der Weltwirtschaft Ängste hervorrufen, sind in den letzten Tagen die Kurse von allen Anlagen angestiegen, die als sicher gelten: Das gilt sowohl für den Schweizer Franken, das Gold oder Staatsanleihen von Ländern wie den USA, Deutschland oder der Schweiz.

Rasch wirken sich wachsende Ängste auch auf das Konsumverhalten aus. Das wäre bei einer weiteren Ausbreitung nicht mehr nur in China der Fall. Vor allem nicht zwingende Güter aus dem Luxusbereich werden gemieden. Das Gleiche gilt aber auch für Ausgaben im Vergnügungsbereich, weil die Leute öffentlichen Veranstaltungen, Kinobesuchen oder Festen aus dem Weg gehen oder weil sie (bei grossen Ansteckungsrisiken) verboten werden. Hält das Bedrohungsszenario länger an, werden angesichts eines geringeren Absatzes auch Unternehmen ihre Investitionen zurücknehmen, was den wirtschaftlichen Gesamtausstoss ebenfalls sinken lassen würde.

Indirekte Kosten überwiegen

Hohe volkswirtschaftliche Schäden verursacht zudem der Ausfall von Arbeitskräften im Fall einer Pandemie. Gemäss einer Studie aus dem Jahr 2003 würden sie in der Schweiz den grössten Anteil an allen Kosten einer Pandemie ausmachen. Beschäftigte würden nicht mehr zur Arbeit erscheinen, weil sie krank sind, Kranke pflegen wären oder weil sie sich von einer Ansteckung schützen wollten.

Moderne Kommunikationsmöglichkeiten etwa über ein Handy oder Computer ermöglichen den Austausch, ohne dass sich Personen physisch begegnen müssen. Dadurch können Arbeitsprozesse in vielen Berufen aufrechterhalten bleiben, ohne dass die Ansteckungsgefahr steigt. Die Kommunikationsmittel erhöhen andererseits aber die Wahrscheinlichkeit panikartiger Reaktionen, weil mit ihnen Fehlinformationen sehr rasch und effizient verbreitet werden können. Die ökonomischen Kosten drohen dadurch grösser zu werden als früher.

Erstellt: 28.01.2020, 23:09 Uhr

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