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Wo ist Oma? - Japan sucht seine Hundertjährigen

Menschen aus Japan haben die höchste Lebenserwartung. Die Allgemeingültigkeit dieser Aussage sollte nach den neusten Erkenntnissen zumindest hinterfragt werden.

Als die Behördenvertreter im Juli an Sogen Katos Tür klopften, hatten sie Geburtstagsgeschenke und Glückwünsche im Gepäck. Laut ihrem Register war Kato mit 111 Jahren der älteste Bürger des Stadtteils Adachi in Tokio. Stutzig wurden sie, als seine Enkelin erklärte, ihr Opa wolle niemanden sehen. Eine Polizeidurchsuchung bestätigte eine grausige Vermutung: Seit mehr als 30 Jahren lag Kato tot in seinem Bett, seine skelettierten Beine steckten noch in langen Unterhosen. Die Behörden starteten daraufhin eine landesweite Aktion - seither bewegt das Schicksal der Älteren ganz Japan. Mittlerweile mussten die Beamten reihenweise Fehler eingestehen.

Neben Katos Bett fand die Polizei Zeitungen aus dem Jahr 1978. Seine 81-jährige Tochter und seine 53-jährige Enkelin versuchten sich noch in spirituellen Erklärungen. «Er hat sich vor dreissig Jahren in seinem Zimmer eingesperrt und wollte ein lebender Buddha werden», sagten die Angehörigen der Nachrichtenagentur Jiji Press. Nebenbei strichen sie weiterhin Katos Rente ein, umgerechnet ingesamt knapp 84'000 Euro.

Angeblich hohe Lebenserwartungen

Japan rühmt sich immer wieder seiner vielen rüstigen Greise und führt die hohe Zahl von angeblich 40'000 über Hundertjährigen bei 127 Millionen Einwohnern vor allem auf die gesunde Ernährung zurück. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen in Japan beträgt laut der Behörden 86,44 Jahre, damit sind die Japanerinnen weltweite Spitzenreiterinnen. Japanische Männer belegen mit einer Lebenserwartung von 79,59 Jahren immerhin Rang fünf. Doch das Image der fitten japanischen Nation bröckelte in den vergangenen Wochen enorm.

Mitte August wurde bekannt, dass in ganz Japan fast 200 über hundert Jahre alte Menschen verschwunden sind. Allein in Kobe im Westen des Landes war laut der Stadtvertretung der Verbleib von mehr als 100 der insgesamt 847 über Hundertjährigen ungeklärt. Auch in Osaka ebenfalls im Westen des Landes wurden dutzende Ältere vermisst. Dort entdeckten die Behörden, dass ein Mann, der als 127-Jähriger registriert war, in Wahrheit seit 1966 tot ist. In Tokio ist zudem noch immer die bislang als älteste Frau der Stadt registrierte 113-jährige Fusa Furuya verschwunden. Ihre Tochter hat sie seit Jahrzehnten nicht gesehen.

Unübersichtliche Verhältnisse

Am Donnerstag schliesslich gestanden die Behörden ein, dass möglicherweise tausende in den Familienregistern gelistete über Hundertjährige in Wahrheit längst tot sind. Die Stadt Himeji im Westen Japans erklärte etwa, dass versehentlich die Familienregister von mehr als 900 Menschen aufbewahrt wurden, die heute 120 Jahre und älter sein müssten. Unter ihnen ist sogar ein 1840 geborener Mann. Als Gründe wurden das Chaos der Kriege und der folgenden Einwanderungsströme genannt.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sind die Kommunen für das Wohl der Älteren verantwortlich, vielerorts begnügen sie sich aber mit einem Anruf und sind auf Hinweise der Angehörigen zum Tod eines Familienmitglieds angewiesen. Wohin Versäumnisse führen können, mussten japanische Beamte bei ihrer Suche nach einer vermissten Älteren vor einer Woche feststellen: In einem Rucksack ihres Sohnes entdeckten sie die Gebeine der bereits 2001 verstorbenen Frau. Er habe kein Geld für die Beerdigung gehabt, verteidigte sich ihr Sohn. «Ich habe ihre Leiche eine Zeit lang aufbewahrt, dann habe ich sie in der Badewanne gewaschen und ihre Knochen gebrochen, um sie in den Rucksack zu stecken.»

Die Polizei leitete Ermittlungen wegen der Beschädigung einer Leiche gegen den Mann ein und auch die Angehörigen von Kato wurden mittlerweile wegen Betrugs festgenommen. Für die Behörden jedoch fängt die Arbeit wohl erst an.

AFP/mrs

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