Worauf Kim Jong-un hinauswill

Den nordkoreanischen Diktator als verrückt abzustempeln, ist zu einfach. Mit seinen Provokationen will er von den USA etwas Bestimmtes erreichen.

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Nordkorea heizt den Raketenstreit mit den USA weiter an. Am Donnerstag erklärte seine Armee, sie arbeite an einem Plan, vier Mittelstreckenraketen Richtung Guam zu schiessen, eine Insel im Westpazifik, auf der Washington Militärbasen betreibt. Die Raketen sollen Japan überfliegen und vor Guams Küste im Meer landen, die Insel sozusagen einkreisen.

Warum pokert Diktator Kim Jong-un immer höher? Obwohl, so seine Propaganda, Präsident Donald Trump «jede Vernunft fehlt» und US-Verteidigungsminister James Mattis ihm droht, er riskiere die Zerstörung seines Landes? Er muss doch wissen, dass die Gefahr, ein Missverständnis könnte einen Krieg auslösen, den er nicht will und auch die USA nicht, mit der gegenwärtigen Besetzung des Weissen Hauses zugenommen hat.

Billige Erklärung

US-Aussenminister Rex Tillerson hat Nordkorea sogar versichert, Washington strebe keinen Regimewechsel an. Trotzdem eskaliert Kim weiter. Für die billige Erklärung, er sei verrückt, gibt es keine Belege. Im Gegenteil: Nordkorea-Experte Atsuhito Isozaki von der Keio-Universität in Tokio sagt, Kim Jong-un sei der bessere Politiker als sein Vater Kim Jong-il. Nordkorea habe das Ende autoritärer Regime studiert und daraus Lehren gezogen.

Kim wies selber schon auf Muammar al-Ghadhafi hin. Der Westen habe Libyens Diktator überzeugt, auf Atomwaffen zu verzichten. Und ihn später gestürzt. Pyongyang deutet die regelmässigen Manöver der USA mit Südkorea als Invasionsübungen, es fühlt sich umzingelt. Kim meine, so Isozaki, nur eine glaubwürdige Abschreckung garantiere das Überleben seines Regimes. Damit ist das Atomprogramm, anders als unter Kims Vater, keine Verhandlungsmasse mehr.

Im Jahre 1941 überfiel Japan die amerikanische Pazifikflotte in Hawaii. Tokio hatte unter einem Öl-Embargo der USA gelitten und sich bedroht gefühlt. Japans Macht damals war, verglichen mit jener Nordkoreas heute, unvergleichlich grösser. Doch auch Tokio hatte keine Chance, einen Krieg gegen die USA zu gewinnen. Deshalb erwartete man keinen Angriff. Der eskalierende verbale Schlagabtausch zwischen Nordkorea und den USA weckt düstere Erinnerungen an den Sommer vor Pearl Harbor.

Das oberste Ziel von Kims Politik ist zweifellos das Überleben des Regimes. Doch damit allein lässt sich seine atomare Aufrüstung nicht erklären, zumal die Sanktionen Unruhe in der Bevölkerung wecken könnten. Zur Abschreckung eines Angriffs der USA würde seine Artillerie genügen. Sie wäre in der Lage, Seoul in kürzester Zeit zu zerstören, die Hauptstadt eines Verbündeten Washingtons. Das zu provozieren, kann sich ein US-Präsident eigentlich nicht erlauben.

Abzug der Soldaten

Dennoch legt sich Kim, wie schon sein Vater und Grossvater, fast obsessiv mit Washington an. Manche Beobachter erklären das psychologisch und historisch: Er wolle vom Feind im Koreakrieg wahr- und ernstgenommen werden. Ein Blick in die Verfassung Nordkoreas zeigt, dass dies bloss ein Nebenaspekt sein kann. Sie verpflichtet die Führung des Landes zur Überwindung der Teilung Koreas, die eine Folge der Einmischung «imperialistischer Mächte» sei, also der USA. Ein vereinigtes Korea sei jedoch erst möglich, wenn dieses unabhängig ist.

Das heisst: Wenn die US-Truppen Südkorea verlassen haben. Das würde geschehen, glaubt man im Norden, wenn das Leben amerikanischer Soldaten und sogar Zivilisten bedroht wäre. Zum Beispiel, weil Nordkoreas Raketen das US-Festland erreichen könnten. Oder Washington das wenigstens glaube. Kims Säbelrasseln zielt somit auch auf den Abzug der US-Truppen aus Südkorea.

In Seoul ist eine neue, tendenziell Amerika-kritische Regierung im Amt, das Weisse Haus scheint desorganisiert und leicht zu provozieren. Pyongyang dürfte darin eine Gelegenheit erkennen, jetzt einen Keil zwischen Seoul und Washington zu treiben. Kims stille Sympathisanten, falls er, etwa in Moskau, noch welche hat, hätten wohl nichts dagegen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2017, 16:14 Uhr

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