Xi Jinping schwört die Chinesen auf harte Zeiten ein

Entgegen der weitläufigen Meinung schadet der Handelskrieg China stärker als den USA. Und das Land ist schon gigantisch verschuldet.

Mit seiner Anspielung auf einen neuen «langen Marsch» bereitet Xi Jinping seine Bevölkerung auf wirtschaftlich schwierige Umstände vor. Foto: Reuters

Mit seiner Anspielung auf einen neuen «langen Marsch» bereitet Xi Jinping seine Bevölkerung auf wirtschaftlich schwierige Umstände vor. Foto: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In Osaka wird sich zeigen, ob es im Handelskrieg zwischen China und den USA zu einer Entspannung kommt. In dieser japanischen Stadt findet Ende Juni der Gipfel der G-20-Staaten statt. Dort wollen sich US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping treffen, um eine Einigung zu besiegeln.

Wenig diplomatisch hat der US-Präsident den Chinesen im Vorfeld deutlich gemacht, was geschieht, wenn sie bis dahin nicht auf seine Forderungen eingehen: Gleich im Anschluss an das Gipfeltreffen sollen auf chinesische Exporte in die USA Zollaufschläge von 25 Prozent im Umfang von 300 Milliarden Dollar erhoben werden – zusätzlich zu den bereits beschlossenen Aufschlägen im Wert von 250 Milliarden. Damit würden dann gleich alle Exporte Chinas in die USA mit hohen Zöllen belegt.

Exporte sind von Investitionen getrieben

Viel wurde in jüngster Zeit darüber geschrieben, dass die US-Wirtschaft angesichts der gegenseitigen Abhängigkeiten und Chinas Gegenmassnahmen unter der Politik ihres Präsidenten leidet – wie viele gänzlich unbeteiligte Länder auch. Das ändert nichts daran, dass Trumps Zollaufschläge den Konkurrenten erfolgreich unter Druck setzen. Denn die Wirtschaft Chinas leidet am meisten darunter.

Die Ökonomen Dan Hanson und Tom Orlik haben errechnet, dass das globale Bruttoinlandprodukt (BIP) allein im Jahr 2021 um 600 Milliarden Dollar geringer ausfallen wird, wenn China und die USA ihren gesamten Handel mit Zöllen belegen. Chinas BIP würde gemäss dieser Berechnung um 0,8 bis 0,9 Prozent tiefer ausfallen und wäre damit relativ stärker betroffen als jenes der USA, das 0,5 bis 0,7 Prozent kleiner wäre als ohne den Handelskrieg.

Doch die ökonomischen Schäden des Handelskriegs für China sind weit grösser, als es solche Schätzungen ausdrücken. Das Wachstum des riesigen Landes ist abgesehen von den Exporten weiterhin stark von Investitionen getrieben. Von Investitionen allerdings, die kaum mehr eine Rendite erzielen. Das gilt vor allem für die Investitionen des Staates und staatlicher Firmen. Wie der Chinakenner Nicholas Lardy vom US-Thinktank Peterson zeigt, ist die Profitabilität der Investitionen jüngst sogar zurückgegangen, selbst im Privatsektor. Und der Anteil der sehr viel produktiveren privaten Unternehmen geht zurück. Der Anteil des Konsums an der Gesamtwirtschaft ist in China selbst für ein Schwellenland mit 39 Prozent tief.

Für den in Peking lehrenden US-Wirtschaftsprofessor Michael Pettis ist angesichts der Fehlinvestitionen klar, dass die publizierten Wachstumszahlen Chinas nichts über den tatsächlichen Zustand der Wirtschaft aussagen, wie er in einem Interview mit dem Onlineportal «The Market» erklärt hat: «Wenn Peking 7 Prozent Wachstum will, erreicht es 7 Prozent, wenn es 5 Prozent will, erreicht es 5 Prozent. Das hat nichts mit der Realität zu tun. Das reale Wachstum, wenn man alle unproduktiven Investitionen abschreiben würde, wäre viel geringer.» Laut Pettis liegt das Wachstum Chinas schon jetzt unter 3 Prozent – und nicht bei den ausgewiesenen 6,4 Prozent, wenn man die unproduktiven Investitionen abschreiben würde.

Eine Finanzkrise wäre unvermeidlich

Die hohen und unwirtschaftlichen Investitionen des Staates und staatlicher Stellen in China haben zu einer gigantischen und weiter steigenden inländischen Verschuldung geführt. Würden die Banken nicht durch den Staat gestützt, wäre eine Finanzkrise unvermeidlich.

Das erklärt, weshalb der Handelskrieg für China eine Katastrophe ist: «Je mehr China seinen Exportsektor schwächt, desto mehr neue Schulden werden im Inland nötig sein, um die Lücke zwischen dem realen Wachstum und den offiziellen BIP-Zahlen zu schliessen», sagt Pettis. Solange die inländische Nachfrage hauptsächlich von unproduktiven Investitionen ausgeht, sind die Exportüberschüsse existenziell. Werden diese durch die Massnahmen der Amerikaner wie angedroht eingeschränkt, wird es für die chinesische Regierung deutlich schwieriger, ohne Wachstumseinbussen den geplanten Umbau der Wirtschaft weg von Fehlinvestitionen und hin zu einem grösseren Konsumanteil zu bewerkstelligen.

Die Drohung Chinas, die Währungsreserven zu verkaufen, um so den USA zu schaden, ist ein Bluff.

Noch in den Jahren von 2003 bis 2013 hat China stark in die Devisenmärkte interveniert, um die eigene Währung Yuan-Renminbi gegenüber dem Dollar zu schwächen. Zweck war damals ebenfalls, die Exporte zu befeuern. Konkret hat das Land die US-Währung gegen frisch geschaffene Yuan gekauft und damit US-Staatsanleihen erworben. Aus diesem Grund ist China auch jetzt der grösste Gläubiger der US-Regierung. Laut Angaben des US-Finanzministeriums hält China aktuell US-Staatspapiere im Umfang von 1200 Milliarden Dollar, die gesamten Währungsreserven Chinas belaufen sich sogar auf mehr als 3000 Milliarden Dollar.

Die Drohung Chinas, die Währungsreserven zu verkaufen, um so den USA zu schaden, ist allerdings ein Bluff. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman spricht von einer «Wasserpistole», die China da in der Hand habe. Zum einen würde das den Yuan aufwerten und so chinesische Güter im Ausland weiter verteuern, zum andern hätte das kaum Wirkungen auf das US-Zinsniveau.

Der wichtigste Vorteil, der der chinesischen Regierung in der Auseinandersetzung bleibt, ist ihr Machtmonopol. Anders als Donald Trump muss sich Xi Jinping keiner Wiederwahl stellen, die unter erschwerten wirtschaftlichen Bedingungen schwieriger zu schaffen ist. Der Druck in den eigenen Reihen auf ihn dürfte dennoch steigen. Kein Wunder, spricht Xi Jinping bereits von einem neuen «langen Marsch». Mit dieser Anspielung auf die Entbehrungen während der Revolutionszeit unter Mao Zedong schwört er seine Bevölkerung bereits auf möglicherweise wieder härtere Bedingungen ein.

Erstellt: 19.06.2019, 21:06 Uhr

Artikel zum Thema

Am schlimmsten wären die Folgen für kleine Länder wie die Schweiz

Analyse Mit der Huawei-Drohung wird der weit entfernte USA-China-Handelskrieg plötzlich zur Bedrohung für die gesamte Weltwirtschaft. Mehr...

Ständerat will «Verstaatlichung» von Schweizer Firmen unterbinden

Investitionen aus dem Ausland sollen kontrolliert werden. Das trifft vorab Firmen und Fonds aus China und dem Nahen Osten. Mehr...

Fast zwei Millionen Demonstranten auf Hongkongs Strassen

Video In der Stadt mit 7,5 Millionen Einwohnern geht der Protest gegen die China-treue Regierung weiter. Eine Entschuldigung hat nichts gebracht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Robo-Adviser gehen offline

Das Wohnzimmer staubsaugen zu lassen, ist etwas andere, als das Vermögen anzuvertrauen: Robo-Adviser in der Schweiz sind auf dem Rückzug. Die Gründe.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...