Zerrissene Leben

Die Atomkatastrophe von Fukushima hat Zehntausende zu Flüchtlingen gemacht. Hoffnung auf Heimkehr gibt es nicht.

In den Sonderzonen rund um Fukushima wird auf lange Zeit keine Landwirtschaft mehr betrieben werden: Bauer Muneo Kanno. Foto: TA

In den Sonderzonen rund um Fukushima wird auf lange Zeit keine Landwirtschaft mehr betrieben werden: Bauer Muneo Kanno. Foto: TA

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Tagsüber darf Muneo Kanno seinen Bauern­hof in Iitate besuchen, doch übernachten darf er in dem Dorf nicht. Die Radioaktivität ist zu hoch. Die Strahlung hat die Existenz des 64-Jährigen weitgehend zerstört. Aufgeben will er trotzdem nicht. Abgeschirmt gegen die verseuchte Umwelt, zieht er in Treibhäusern in Hydrokulturen Komatsuna, ein Blattgemüse. Nebenbei arbeitet er bei Fukushima Saisei mit, einer Gruppe, die die Wiederbelebung von Fukushima zum Ziel hat. Mit einem Spezialfahrzeug kartografiert sie die Strahlung in der gesamten Gemeinde. Die von ihr ermittelten Werte liegen meist höher als jene, die der Staat bei seinen punk­tuellen Messungen ermittelt.

Der Ort Iitate liegt auf dem Bergrücken hinter der Küste, an der die Ruine des Atomkraftwerks Fukushima steht. Das Dorf ist etwa 45 Kilometer von dem vor vier Jahren havarierten Meiler entfernt. In den ersten Tagen nach der Katastrophe beherbergte der Ort sogar Flüchtlinge aus der Nachbarschaft des Atomkraftwerks, obwohl die radioaktive Wolke über Iitate abregnete und das Dorf mit seinen 6000 Einwohnern schwerer verstrahlt wurde als Teile der eigent­lichen Sperrzone. Japans Atombehörde wusste das – verschwieg es aber.

Erst die Umweltorganisation Greenpeace und die Internationale Atomenergiebehörde machten den Missstand pub­lik und forderten Tokio auf, Iitate zu räumen. Aber die Regierung wartete volle sieben Wochen. Bis dahin hatten die staatlichen Experten den Dörflern versichert, sie seien nicht gefährdet, solange sie das Wasser nicht tränken und nicht ins Freie gingen. Dann machte die Regierung Iitate zur Sonderzone – unbewohnbar, aber frei zugänglich. Die Landwirtschaft, von der Iitate bisher gelebt hatte, ist tot: Die Milchbauern und Rinderzüchter haben aufgegeben, der Anbau von Reis und Gemüse liegt brach. Nur die kleine Maschinenfabrik Kikuchi-Seisakusho durfte mit einer Sondergenehmigung weiterarbeiten. Doch auch ihre Arbeiter müssen auswärts wohnen.

Am Waldrand entlang der Strasse 399 springt der Geigerzähler auf sieben Mik­rosievert pro Stunde, das wären rund 60 Millisievert Jahresdosis. Der Grenzwert liegt bei einem Millisievert pro Jahr, für Arbeiter in einem Atomkraftwerk werden 20 Millisievert toleriert. Derzeit «dekontaminieren» mehr als 7000 Bauarbeiter die Gemeinde Iitate mit grossen Baggern. Sie tragen die oberste Erdschicht ab und packen sie in riesige schwarze Säcke, die überall herumstehen. Doch diese Säuberung ist nur um die Häuser und auf den 800 Hektaren Agrarfläche möglich, in den Wäldern nicht.

Man findet keine gute Erde

Jeder Regen spült daher wieder Radio­aktivität in die Felder, die Strahlung nimmt nur unwesentlich ab. Ein Drittel der früheren Anbaufläche ist reserviert, um darauf die schwarzen Säcke zu lagern, der Rest soll erneuert werden. Aber man findet keine gute Erde, der abgetragene Boden wird daher durch Sand ersetzt. Landwirtschaft wäre auf diesen Feldern auch ohne Strahlung nicht mehr möglich. Bauer Kanno hält die Dekontaminierung dennoch für «absolut nötig, auch wenn niemand weiss, wie der Boden später genutzt wird. Sonst können wir gleich aufgeben.»

Die Regierung in Tokio will die Atomkatastrophe von Fukushima möglichst rasch abwickeln und die Leute in ihre Dörfer zurückschicken. Um sagen zu können, alles sei vorbei. Premier Shinzo Abe behauptet, Fukushima sei unter Kontrolle. Auch der Bürgermeister von Iitate klammert sich an die Hoffnung, das Dorf könnte wieder aufgebaut werden. Er regiert eine Gemeinde, deren Verwaltung und Schulen verstreut in Nachbarorten Unterschlupf gefunden haben. Schulbusse sammeln die Kinder jeden Morgen aus grosser Entfernung ein, statt dass sie in neue Schulen integriert werden. Vor der Katastrophe war Iitate auch ein Urlaubsort. Für Läufer hatte das Dorf eine Marathonstrecke ausgeschildert. «Wenn alles unter Kontrolle ist», sagt Kanno beissend, «kann man den Olympia-Marathon 2020 ja hier ausrichten, die Strecke haben wir schon.»

Etwa 125'000 Nuklearflüchtlinge gibt es noch, doch immer weniger wollen in ihre Häuser zurückkehren. Im Oktober 2011 sprachen sich nur 17 Prozent der Leute, die aus dem Ort Namie fliehen mussten, einem Nachbardorf von Iitate, gegen eine Rückkehr aus. Jetzt will fast die Hälfte der Flüchtlinge der alten Heimat fernbleiben, vor allem Familien mit Kindern. «Ich weiss auch nicht, ob ich zurück möchte», sagt Yumi Kanno, eine Mutter von zwei Kindern aus Iitate. «Wir haben uns an das neue Leben gewöhnt, die Kinder an den Kindergarten, ich habe neue Freundinnen.» Die heute 29-Jährige war nach der ersten Explosion in Fukushima geflohen, ihr Mann hatte als Zeitarbeiter im Kraftwerk gearbeitet und gemeint: «Geh mit den Kindern so weit weg wie möglich, das wird schlimmer, als sie sagen.»

Die Notunterkünfte für die Flüchtlinge sind eng, viele Menschen haben Depressionen, es kommt zu Suiziden. «Die Leute haben keinen Lebensinhalt mehr», sagt Bauer Kanno. Auch deshalb wollen die Behörden die Einrichtungen abwickeln. Zudem sind sie ein Symbol für die Fortdauer der Katastrophe. Aber viele ihrer Bewohner wollen nicht mehr weg, gerade die alten. Es sind neue Gemeinschaften entstanden, im Winter ist es wärmer als in ihren früheren Häusern, der Supermarkt ist näher. Und sie wollen sich ihr Leben nicht noch einmal zerreissen lassen.

Die Menschen von Iitate kämpfen tapfer. Manche Bauern sind auf Höfe in weit entfernten, unverseuchten Gegenden ausgewichen. Die Menschen haben sich in der fortdauernden Katastrophe eingerichtet. Aber niemand weiss, wie es weitergeht. Und das Vertrauen ist weg. «Ihre Leben erhalten diese Menschen nicht zurück, auch wenn sie zurück könnten», sagt Yoichi Tao. Der Kernphysiker leitet die Organisation Fukushima Saisei. Als er vier war, überlebte er die Atombombe von Hiroshima. Sie ist seine älteste Erinnerung. Mit 74 versucht er jetzt, Iitate zu helfen. Aber ohne Illusionen. «Diese ­Katastrophe», so sagt er voraus, «wird hundert Jahre nachwirken.»

Erstellt: 09.03.2015, 19:37 Uhr

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