Peking hat schon gewonnen

Mit dem Aufstand von 1989 sympathisierten viele Chinesen. Nicht so mit dem heutigen Protest in Hongkong. Warum nur?

Die Demonstranten in Hongkong fordern Demokratie und politische Reformen. Foto: Edgar Su (Reuters)

Die Demonstranten in Hongkong fordern Demokratie und politische Reformen. Foto: Edgar Su (Reuters)

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Die Massenproteste am Wochenende in Hongkong zeigen, wie verhärtet die Fronten sind. Peking müsste der Hongkonger Regierung erlauben, auf einen Teil der Forderungen der Demonstranten einzugehen. Dazu gehört, die Proteste nicht als Aufstand zu bezeichnen. Passieren wird das auf absehbare Zeit nicht. Peking spricht inzwischen von Terrorismus und lässt Demonstranten willkürlich verhaften.

Bei der Übergabe vor 22 Jahren war nicht sicher, ob sich nach Ablauf des Sonderstatus nach 50 Jahren Hongkong dem Festland oder die Volksrepublik der Sonderverwaltungszone angleicht. Viele Menschen hofften Letzteres. China öffnete sich damals der Welt. Das Land war ehrgeizig, optimistisch, hungrig nach Erfolg. Auch für die Kommunistische Partei war Hongkong ein Vorbild: reich, stabil und nur teildemokratisch; das Beste aus beiden Welten. Das wirkt heute wie aus einer anderen Zeit.

Nach zehn Wochen Protest befürchten viele Hongkonger den Einmarsch der Armee. Dass Peking den hügeligen Felsen militärisch unter Kontrolle bringen will, erscheint unwahrscheinlich. Die Kosten wären für China zu hoch. Im Westen des Landes unterdrückt Peking seine muslimischen Minderheiten. In Tibet hat es Kultur und Lebensweise fast ausgelöscht, im Rest des Landes jegliche Mitbestimmung und demokratische Bewegung zertrampelt. Möglich ist das, weil es im Ausland niemanden interessiert oder weil niemand die wirtschaftlichen Beziehungen zu Peking gefährden will.

Stolz auf die Übermacht der Armee

Doch ein militärischer Eingriff könnte die Welt zum Handeln zwingen. Nicht weil die Demonstranten friedlich, mutig und unermüdlich für ihre Menschenrechte auf die Strasse gehen, sondern weil die Stadt ein wichtiger Handelsplatz ist und viele internationale Firmen dort ihre Asienbüros haben. Die Manager wollen morgens sicher ins Büro kommen und abends rechtzeitig ihr Flugzeug kriegen. Ein geschlossener Flughafen kostet viele Leute viel Geld.

Die Kommunistische Partei hat es geschafft, in den Köpfen vieler Chinesen den eigenen Machtanspruch mit dem Schicksal des Landes zu verknüpfen.

Peking ist unter Druck. Aber im Gegensatz zu 1989 muss es keine Demonstrationen in Festlandchina fürchten. Man hat aus den Protesten vor 30 Jahren gelernt. Als der Wunsch nach mehr Mitbestimmung in der Mittelschicht wuchs, verstärkte Peking den Druck auf die Medien und zerstörte die Anfänge einer Zivilgesellschaft. An der Debatte um Hongkong liest man in Festlandchina nun ab, wie erfolgreich die Regierung dabei war. Sie hat eine Desinformationskampagne gestartet, um die Demonstranten als vom Ausland gesteuerte Rowdys zu diffamieren. Die Proteste diskreditiert sie als Versuch der USA, das Land zu destabilisieren. Am Wochenende hat Chinas Staatsfernsehen die Demos indirekt mit den Verbrechen der Nazis gleichgesetzt. Die staatliche Nachrichtenagentur vergleicht die Demonstranten mit Kakerlaken – und das Volk jubelt. Während die Hongkonger 1989 für die Demonstranten in Peking auf die Strasse gingen, Geld sammelten und die internationale Staatengemeinschaft aufrüttelten, fordern die Festlandchinesen nun, noch härter gegen die Demonstranten vorzugehen. Im eigenen Land hat China den Krieg um die Herzen und Köpfe gewonnen.

Die Bilder der Truppen, die China an der Grenze zu Hongkong stationiert hat, sind für das eigene Volk bestimmt. Die Menschen fühlen sich nicht bedroht, sie sind stolz auf die Übermacht der Armee. Die KP hat es geschafft, in den Köpfen vieler Chinesen den eigenen Machtanspruch mit dem Schicksal des Landes zu verknüpfen. Viele Chinesen empfinden die Forderungen der Hongkonger nach Freiheit nicht als einen Angriff auf die Gewaltherrschaft der Partei, sondern auf sich selbst.

Erstellt: 19.08.2019, 11:51 Uhr

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