«Zwei Tage später war mein Vater tot»

Fatima Bhutto ist eine der einflussreichsten Stimmen der islamischen Welt – und braucht in ihrer Heimat Pakistan Personenschutz. Das Land zu verlassen, kommt für sie nicht infrage.

Fatima Bhuttos Familie ist eine der bekanntesten politischen Dynastien der Welt. Foto: Gabby Laurent

Fatima Bhuttos Familie ist eine der bekanntesten politischen Dynastien der Welt. Foto: Gabby Laurent

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Sie kommen aus Pakistans berühmtester Familie. Ist es eine Last oder ein Vorteil, eine Bhutto zu sein?
Es ist zunächst einmal etwas, was die Menschen immer wahrnehmen. Ich bin mit dem Namen geboren worden, ich habe keinerlei Erfahrungen mit einem anderen Namen sammeln können. Es gibt Leute, die mich mögen, weil sie mit diesem Namen etwas Positives in Verbindung bringen. Und es gibt Leute, die mir ablehnend gegenüberstehen, nur weil ich diesen Namen habe.

Die Erwartungen, die Ihnen wegen Ihrer Politikerfamilie öffentlich entgegengebracht werden, sind manchmal absurd hoch.
Es ist seltsam, dass Menschen, die einen gar nicht kennen, Erwartungen formulieren, die nichts mit meinen Leistungen zu tun haben. Ich versuche, mich damit nicht zu beschäftigen und mich auf meine Arbeit als Schriftstellerin zu konzentrieren.

Ein Militärdiktator hat Ihren Grossvater, der Präsident und Premier war, hängen lassen. Ihre Tante war Premierministerin und wurde ermordet. Ihr Vater war Parlamentarier und wurde von der Polizei vor seinem Haus erschossen. Warum ist sowohl die Geschichte Ihres Landes als auch die Geschichte Ihrer Familie so sehr von Gewalt geprägt?
Es gibt zwei Aspekte. Da ist zunächst einmal Pakistans Geschichte: Es ist die Geschichte eines Bruchs, also der Trennung von Indien nach dem Abzug der britischen Kolonialherren. Das Militär hält die Politik seitdem in einem eisernen Griff fest. Jeder, der sich traut, diese Macht infrage zu stellen, wird ruhiggestellt.

Und der zweite Aspekt ...
... steht im Zusammenhang mit dem ersten. Meine Familie hat viel von dieser Gewalt abbekommen, die vom Establishment ausgeht. Aber wir sind da nicht die Ausnahme. Es passiert im ganzen Land, dass Menschen einfach verschwinden, die sich dagegen auflehnen. Und im Falle meines Vaters: Er galt als Gefahr für die Art, wie mit Macht in Pakistan umgegangen wird, er prangerte beispielsweise die Korruption an. Seit seinem Tod hat sie sich noch vervielfacht.

Sie haben Ihre Tante für den Tod Ihres Vaters verantwortlich gemacht – zumindest moralisch.
Mein Vater wurde ermordet, als seine Schwester Premierministerin war. Selbst wenn man ihr die zweifelhaften Umstände seines Todes günstig auslegen wollte, spielte sie eine besondere Rolle, anschliessend den Mord zu vertuschen. Zeugen wurden verhaftet, aber niemand von der Polizei, die an der Schiesserei beteiligt war. Die Männer, die meinen Vater erschossen haben, sind noch auf hohen Posten in der Polizei oder im politischen Establishment tätig. Niemand wurde zur Verantwortung gezogen. Wer Gewalt ausgesetzt ist, kann eigentlich zu Gerichten oder zur Polizei gehen. In Pakistan geht das aber nicht. Und wenn man Opfer von Gewalt wird, die von der eigenen Familie ausgeht, hat man keinerlei Schutz mehr. Das ist eine erschreckende Erfahrung. Um damit leben zu können, muss man sich unsichtbar machen.

Sie machen sich nicht unsichtbar, hätten sich aber für ein bequemeres Leben im Exil entscheiden können. Warum verbringen Sie immer noch die meiste Zeit in Pakistan?
Manchmal verlasse ich Pakistan für lange Zeit, aber dann vermisse ich es. So sehr ich auch die tragische Seite des Landes kenne, habe ich dort eine Menge gelernt. Pakistan beschäftigt einen ständig. Hier in London ist alles so weich, hier lässt man seine Deckung runter. Pakistan hat mir wahnsinnig viel genommen einerseits, andererseits hat es mir auch unglaublich viel gegeben. Es hat mich gelehrt, mich dem zu stellen, was mir Angst macht. Es ist weniger furchteinflössend, sondern aufwühlend. Es gibt kein Entkommen vor den ganzen Tragödien des Lebens dort. Hier in London ist es nett, und ich muss mir keine Gedanken über meine Sicherheit machen, aber ich fühle mich auch nicht in die Gemeinschaft eingebettet.

Sie waren 14 Jahre alt, als Ihr Vater erschossen wurde. Was hat er Ihnen mitgegeben?
Er hat Bücher und Wörter geliebt, das hat er an mich weitergereicht. Er hat interessante Zeitungsartikel ausgeschnitten, ich habe es ihm nachgemacht und die Cartoons aus der Zeitung ausgeschnitten. Eines Abends habe ich ihn gefragt, ob er nicht einmal selbst ein Buch schreiben wolle, weil er lustig sei und so viel zu erzählen habe. Er meinte, das könne er nicht, aber ich solle das für ihn tun. Ich war so begeistert, weil er mir das zutraute, und bin sofort aufgestanden, um einen Stift zu holen und anzufangen. Aber er sagte: «Nicht jetzt, wenn ich einmal nicht mehr bin.» Zwei Tage später war er tot. Ich hatte das Gespräch immer im Hinterkopf. Er ist also der Grund, warum ich Schriftstellerin geworden bin, und er hat es mir leicht gemacht, mich gegen eine politische Karriere zu entscheiden.

Obwohl Sie als eine Bhutto in einem Land der politischen Dynastien prädestiniert wären für eine politische Karriere. Ihr Cousin und Ihr Onkel haben politische Ämter.
Das Problem politischer Dynastien ist, dass man die Thronfolger nicht loswird, anders als in Systemen, in denen man die Wahl hat. Pakistan hat dieses System noch nicht. Dabei sollten Menschen an ihren Ideen gemessen werden, nicht an ihren Namen. Ich bin mir nicht einmal sicher, dass die Leute, die möchten, dass ich in die Politik gehe, wissen, wofür ich überhaupt stehe. Mit den Familienmitgliedern, die politisch aktiv sind, habe ich keinen Kontakt mehr.

«Das Rückständige, heisst es, wäre in Pakistan naturgegeben, was natürlich nicht stimmt.»

Aber Sie erheben die Stimme gegen diesen Teil Ihrer Familie, gegen Ungerechtigkeiten, gegen das Militär.
Das ist zwar gefährlich, aber es ist notwendig, weil es keine moralische Grundlage gibt, dass dieses patriarchische, ­feudalistische System einfach fortgesetzt wird. Dieses System richtet sich gegen Arme, gegen Frauen, gegen die Landbevölkerung. Es muss beendet werden.

Benötigen Sie in Pakistan Leibwächter?
Leider ja. Andererseits weiss ich gar nicht, ob man sich gegen die Kräfte, die einem möglicherweise etwas antun wollen, überhaupt schützen kann. Pakistan ist in dieser Hinsicht ein riskantes Land, aber mein Einsatz ist auch nicht ungewöhnlich. Viele Menschen gehen ein solches Risiko ein. Einer der beiden jungen Männer, denen ich mein neues Buch gewidmet habe, hat sich einem Selbstmordattentäter in den Weg gestellt, der auf dem Weg in seine Schule war. Er hatte keinerlei Schutz und hat sein Leben geopfert, um andere zu retten. Ein Land wie Pakistan wird auch von diesem Mut getragen.

Wie häufig passiert es Ihnen, dass Sie sich für Pakistan rechtfertigen sollen? Ihre Heimat gilt im Westen als eines der gefährlichsten Länder der Welt.
Das passiert mir zwar nicht ständig, aber ich werde regelmässig mit einem Bild von Pakistan konfrontiert, das mir fremd ist. Das Land gilt im Westen als rückständig. Das wird aber nie damit in Zusammenhang gebracht, dass es lange ­kolonialisiert war. Das Rückständige, heisst es, wäre in Pakistan naturgegeben, was natürlich nicht stimmt. Und die Erwartungen sind auf eine herablassende Art niedrig. EU-Wahlbeobachter ­haben nach einer Wahl einmal gesagt: «Wir sind ­beeindruckt, es gab fast keine Gewalt.» Dabei waren bei der Abstimmung 35 Menschen umgekommen. Das gilt also schon als gut. Dabei ist eine solche Zahl logischerweise völlig inakzeptabel.

Das andere Thema, mit dem Sie sicher häufig konfrontiert werden, ist die Religion – Pakistan ist ein muslimisches Land.
Die globale Diskussion über den Islam wird von Leuten dominiert, die alles hassen, was sie nicht verstehen. Noch vor zehn Jahren habe ich gar nicht viel über den Islam als Teil meiner Identität nachgedacht, aber je mehr ich reise, je mehr ich mich ausserhalb Pakistans bewege, desto mehr wird mir das Thema aufgezwungen. Ich soll immer Rede und Antwort stehen. Dadurch habe ich mir den Islam auf etwas seltsame Weise zu eigen gemacht. Denn eigentlich bin ich säkular geprägt.

Sie fühlen sich in die Rolle der Islamerklärerin gedrängt?
Das geht vielen Muslimen so. Jedes Mal, wenn in der islamischen Welt etwas Schlimmes passiert, erwarten viele Leute, dass gewöhnliche Muslime sich erheben, so als wären sie Sprecher und Sprecherinnen für die gesamte muslimische Welt. Wenn jemand von mir so etwas erwartet, frage ich dann erst einmal zurück: Wie viele Muslime kennen Sie? Wie viele Zeitungen aus muslimischen Ländern lesen Sie? Was wissen Sie eigentlich darüber, wie Muslime auf solche Vorfälle reagieren? Wenn es in den Vereinigten Staaten zu einer Gewalttat von einem Neonazi kommt, gilt das als Tat eines Individuums. Bei einem Muslim ist das anders: Dann wird die Gewalttat der Geschichte des Islams oder dem Vermächtnis dieser Religion zugeordnet.

In Ihrem Roman beschreiben Sie drei Teenager, die sich dem IS im Irak anschliessen. Aus westlicher Sicht vertreten Sie im Buch eine kontroverse These: Die Jugendlichen handeln aus enttäuschter Liebe und aus einem Gefühl der Erniedrigung heraus, aber keiner von ihnen ist religiös motiviert.
Aus westlicher Sicht ist es sehr angenehm, alles auf die Religion zu schieben, weil es die eigene Rolle verschleiert, die Kriege, die Politik der Ausgrenzung. Wenn Menschen das Gefühl haben, sie gehören nicht dazu, dann ist das wesentlich stärker dafür verantwortlich, dass sie sich radikalisieren, als der Islam. Meine Erfahrung sagt mir, dass der Grund, warum Menschen zu Waffen greifen und ihr Land verlassen, um zu kämpfen, nichts mit Religion zu tun hat. Es hat mit Machtlosigkeit zu tun, mit Wut und mit Erniedrigung.

Erstellt: 25.07.2019, 18:24 Uhr

Fatima Bhutto

Fatima Bhutto wurde 1982 in Kabul geboren, lebt die meiste Zeit des Jahres in der pakistanischen Metropole Karachi, verbringt aber auch viel Zeit im Westen. Sie gilt als eine der prominentesten Stimmen in der islamischen Welt. Die pakistanische Schriftstellerin wuchs in Syrien und Pakistan auf, studierte in Grossbritannien und den USA. Ihre Familie ist eine der bekanntesten politischen Dynastien. Fatima Bhutto betont jedoch, sie strebe keine Karriere als Politikerin an. Vor kurzem ist ihr Roman «The Runaways» («Die Aus­reisser») erschienen, der noch nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. (red)

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