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Sprengstoff, Handgranaten, MGs, Spürhunde, Roboter

Die 7-Stunden-Operation von Saint-Denis im Detail. Die Stürmung der Terroristen-Wohnung verlief alles andere als nach Plan.

Nach dem Polizeieinsatz im Pariser Quartier Saint-Denis ist das Haus, in dem sich die mutmasslichen Terroristen verschanzt haben, baufällig. (18. November 2015)
Nach dem Polizeieinsatz im Pariser Quartier Saint-Denis ist das Haus, in dem sich die mutmasslichen Terroristen verschanzt haben, baufällig. (18. November 2015)
Getty Image
Die Mauern sind mit Einschusslöchern übersät ... (18. November 2015)
Die Mauern sind mit Einschusslöchern übersät ... (18. November 2015)
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... und das Gebäude ist nicht mehr bewohnbar. (18. November 2015)
... und das Gebäude ist nicht mehr bewohnbar. (18. November 2015)
AP
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Die französische Antiterroreinheit Raid hatte sich minutiös vorbereitet, als sie gestern noch vor Sonnenaufgang nach Saint-Denis ausrückte: Das gesamte Kontingent von 70 Mann wurde aufgeboten, zusätzlich flankiert durch 40 Polizisten. Ihr Arsenal: Schnellfeuerwaffen, Sprengstoff, Handgranaten, Spürhunde, Überwachungsdrohnen, Roboter – alles, was der französische Sicherheitsapparat zur Terrorbekämpfung zurzeit hergibt. Raid, das steht für «Recherche, Assistance, Intervention, Dissuasion» oder zu Deutsch: Suche, Unterstützung, Intervention, Abschreckung.

Das Ziel der Einheit befand sich im dritten Stock eines Hauses an der Rue de Corbillon. Eine Wohnung, die als Unterkunft für die verbliebenen Pariser Terroristen diente. Da waren sich die Sicherheitskräfte sicher. Nicht jedoch, ob sich Abdelhamid Abaaoud, der mutmassliche Drahtzieher der Anschläge, auch in der Unterkunft befand. «Wir wussten, dass die Personen Sprengstoffwesten und Kalaschnikows besassen», sagte der Raid-Chef Jean-Michel Fauvergue zu «Le Figaro».

Misslungener Auftakt

Der Einsatz sollte schnell verlaufen – und vor allem überraschend: Morgens um 4.16 Uhr sprengten sie die Tür, um in die Wohnung zu gelangen. Doch bereits der Auftakt der Operation misslang gründlich. Die Sicherheitstüre liess sich zunächst nicht vollständig beseitigen. Dahinter die nächste Hürde: eine Barrikade, welche die Terroristen selbst errichtet hatten. 30 bis 45 Minuten dauerte deren Beseitigung gemäss Fauvergue: «Damit war der Überraschungseffekt verpufft.» Die Terroristen waren entsprechend aufgeschreckt und konnten sich für den bevorstehenden Kampf vorbereiten.

Den Auftakt bildete ein 45-minütiges Feuergefecht: «Es fielen Hunderte Schüsse, die Terroristen warfen Handgranaten», sagte Fauvergue. Als die Schüsse aus dem Innern der Wohnung nach einer Weile ausblieben, setzte die Antiterroreinheit zu ihrem nächsten Schachzug an. Statt die Wohnung zu stürmen, setzte sie einen Spürhund ein, der die Räume nach lebenden Personen erkunden sollte. Doch Diesel – so der Name des Tiers – kehrte nicht mehr zu den Sicherheitskräften zurück. Die Terroristen hatten ihn zur Strecke gebracht.

Frau mit Sprengstoffweste

Stattdessen wurden nun die sechs Scharfschützen aktiv, die rund ums Gebäude postiert worden waren. Eine Frau zeigte sich am Fenster. «Helft mir, helft mir» soll sie gemäss «Daily Mail» gerufen haben.

Doch statt die Hände zu heben und – wie von den Sicherheitskräften gefordert – ihr Gesicht zu zeigen, eröffnete sie das Feuer. Die Scharfschützen schossen zurück und verwundeten die Frau. Es folgte eine gewaltige Detonation – die Frau trug eine Sprengstoffweste, die in die Luft ging. «Die Fenster zerbarsten, überall auf der Strasse lagen Glassplitter, Körperteile – Teile des Rückgrats – landeten auf einem der Polizeiautos», sagte Fauvergue.

Eingebrochener Boden

Es war inzwischen 9 Uhr morgens und die Antiterroreinheit verstärkte das Feuer auf die Verbliebenen in der Wohnung. Rund 20 Handgranaten seien zum Einsatz gekommen. Die Einschleusung von Roboterkameras misslang: Zu viel Schutt versperrte ihnen den Weg. Inzwischen waren Teile des Bodens in der Unterkunft eingebrochen. Und mit ihnen fiel die Leiche eines Terroristen in die darunterliegende Wohnung. Gemäss Staatsanwalt Francois Molins war eine Identifizierung des Toten bis jetzt nicht möglich: «Der Körper war durchsetzt mit Munition und Granatsplittern.»

Nach sieben Stunden Feuergefecht und Explosionen setzte die Spezialeinheit zum Sturm der Wohnung an. Oder in das, was davon noch übrig blieb. Zwei Männer der Überlebenden sollen sich unter Tüchern versteckt haben. Sie wurden verhaftet, wie auch die zusätzlichen fünf Männer und eine Frau, die sich im oder um das Gebäude befanden. Seitens der Terroristen starben ein Mann und eine Frau beim Einsatz. Fünf Sicherheitsleute wurden verletzt – davon keiner lebensgefährlich.

«Es war eine schwierige und gefährliche Operation», resümierte der französische Präsident François Hollande nach dem Einsatz. «Zweifelsohne haben die Sicherheitskräfte das Ausmass der Gewalt unterschätzt, das auf sie warten sollte.» Über 24 Stunden nach der Operation herrscht nun aber Gewisstheit: Abdelhamid Abaaoud, der mutmassliche Drahtzieher der Attentate, befand sich ebenfalls in der Wohnung. Seine Leiche wurde inzwischen identifiziert.

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