Kommt nach dem Brexit Donald Trump?

Der republikanische Präsidentschaftskandidat sieht im Brexit-Votum ein gutes Omen. Sein Vergleich von Brexit und US-Präsidentschaftswahl hinkt jedoch.

Für Donald Trump in etwa dasselbe: Der Brexit auf der einen, der US-Wahlkampf auf der anderen Seite. Foto: Mary Altafer (AP, Keystone)

Für Donald Trump in etwa dasselbe: Der Brexit auf der einen, der US-Wahlkampf auf der anderen Seite. Foto: Mary Altafer (AP, Keystone)

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Die Parallelen sind unübersehbar: Nationalismus und Zukunftsangst, Widerstand gegen Immigration, tief sitzendes Misstrauen gegenüber den Eliten, ein Aufstand der wirtschaftlich Abgehängten und der Älteren. All das powerte den Brexit, und all das werde auch die Präsidentschaftskandidatur Donald Trumps in den Vereinigten Staaten favorisieren, glauben manche Kommentatoren und natürlich Donald Trump.

«Wenn eine solche Veränderung in Grossbritannien stattfinden kann, dann kann sie in den USA ebenfalls eintreten», schrieb etwa die Kolumnistin Anne Applebaum in der «Washington Post». Trump selber sah die britische Entscheidung bereits als Vorzeichen seines Sieges im November. «Für viele Leute ist der Brexit und das, was im Vereinigten Königreich passiert, das Gleiche wie das, was in den USA passiert», twitterte der Kandidat.

In Grossbritannien wurde über eine Idee abgestimmt, indes die Amerikaner im November auch über eine Person abstimmen.

Trotz aller Ähnlichkeiten aber gibt es gravierende Unterschiede zwischen dem Brexit-Kampf und der amerikanischen Präsidentschaftswahl. Zum einen wurde in Grossbritannien über eine Idee abgestimmt, indes die Amerikaner im November auch über eine Person abstimmen. Und je mehr die US-Wahl zu einem Referendum über den nach Meinung einer amerikanischen Mehrheit unqualifizierten republikanischen Präsidentschaftskandidaten wird, desto geringer sind Trumps Gewinnchancen.

Allerdings wäre vorstellbar, dass ein Präsidentschaftskandidat, der ähnliche politische Positionen wie Trump vertritt, jedoch weniger vorbelastet ist und seriöser wirkt, eine US-Präsidentschaftswahl für sich entscheiden könnte – vielleicht und unter gewissen Umständen wie etwa einer schlechten Konjunktur. Noch mehr ins Gewicht aber fällt ein weiterer Unterschied zwischen Grossbritannien und den USA: Im Königreich sind 86 Prozent der Wähler von weisser Hautfarbe, in den Vereinigten Staaten hingegen nur 63 Prozent.

 Wie die Brexit-Befürworter wird auch Donald Trump weisse Männer aus bildungsschwachen Schichten anziehen.

Mindestens ein Drittel aller US-Wähler im Herbst sind Angehörige von Minderheiten: Latinos, Einwanderer aus Asien sowie Afroamerikaner. Breite Mehrheiten dieser Wähler lehnen Trump ab. Umfragen vor der Brexit-Entscheidung zeigten übrigens, dass britische Minderheiten, also Pakistanis, Inder, Afrikaner und Einwanderer aus der Karibik, überwältigend gegen den Brexit votieren wollten. Wie die Brexit-Befürworter wird auch Donald Trump weisse Männer aus bildungsschwachen Schichten anziehen, kaum aber eine Mehrheit weisser Frauen.

Die amerikanische Wahlexpertin Elaine Kamarck verweist überdies auf «die vielen Migranten der zweiten Generation, die Staatsbürger sind und wählen können». Auch sie lehnen Donald Trump überwiegend ab. Falls es Trump gelänge, die Wahlbeteiligung weisser Männer in den überalterten ehemaligen Industriestaaten des sogenannten Rostgürtels wie Pennsylvania und Ohio nach oben zu treiben, sähe es für ihn besser aus.

Eine Wählermehrheit in Staaten wie Arizona oder sogar Georgia könnte vom republikanischen ins demokratische Lager wechseln.

Andererseits könnte eine Wählermehrheit in Staaten wie Arizona oder sogar Georgia vom republikanischen ins demokratische Lager wechseln, wenn die Novemberwahl tatsächlich zu einer Abstimmung über Trump wird. Ebenfalls vorstellbar wäre, dass ein wirtschaftliches Chaos im Gefolge des Brexit Trump in die Hände spielte. Oder Hillary Clinton begünstigte, sofern sich dieses Chaos auf Grossbritannien beschränkte und die US-Wirtschaft nicht in Mitleidenschaft gezogen würde.

Wie immer die kommenden Monate verlaufen werden: Die Situation in den Vereinigten Staaten ist kaum mit jener im Vereinigten Königreich vergleichbar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.06.2016, 20:44 Uhr

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