«Sie weiss, wie man in High-Heels auf Messers Schneide balanciert»

Mit der Unterhaus-Debatte zum EU-Austritt ist für Theresa May die Brexit-Endzeit angebrochen. Viele bewundern ihr Durchhaltevermögen.

Es ist einsam geworden um sie: Theresa May beim Verlassen von Downing Street 10. Foto: Getty Images

Es ist einsam geworden um sie: Theresa May beim Verlassen von Downing Street 10. Foto: Getty Images

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Beharrlichkeit spricht ihr niemand ab. Auch nicht Durch­haltevermögen, Zielbewusstheit, eisernen Willen. Manche ihrer Anhänger sehen in May die heroische Marathonläuferin, die sich nächsten Dienstag mit letzter Kraft über die Ziellinie werfen wird, nach einer Tortur von mehr als zwei Jahren. Andere Landsleute glauben, dass sie mit durchgetretenem Gaspedal auf eine Mauer zurast, in furchtbarer Verblendung. Dass sie diese Mauer von Anfang an angesteuert hat, weil sie ihren Realitätssinn lang schon stur verfolgten Prinzipien opferte.

Ungläubig, aber fasziniert verfolgen die Briten seit Wochen, wie die Premierministerin erst unter Aufbietung aller Kräfte «ihren» Brexit-Deal erstritt und ihn nun daheim durchsetzen will, komme, was wolle. «Brexit means Brexit», hat sie sich immer wieder gesagt, nur um sich auf den Beinen zu halten. Ihr sei May oft vorgekommen «wie eine Briefträgerin, die sich durch einen Schneesturm kämpft», hat einmal die Londoner Kolumnistin Gaby Hinsliff erklärt. «Und die nur einfach ausliefern will, was das Volk bei ihr bestellt hat – als ob ihre eigenen Gefühle dabei nie eine Rolle spielten.»

Auch als May diese Woche die fünftägige Debatte eröffnete, die endlich eine Entscheidung bringen soll, gab sie die gleichen Parolen aus, die sie in den letzten zwei Jahren hundertmal ausgegeben hat. Nämlich dass sie schlicht «den Auftrag» erfülle, den ihr die Briten mit dem Referendumsbeschluss von 2016 erteilt hätten. Dass dieser Beschluss «unserem Land eine neue Rolle in der Welt» verschaffen werde. Dass Grossbritannien «ausserhalb der EU eine bessere Zukunft» erwarte.

Widerstand gegen Theresa May: Die britische Premierministerin musste zum Beginn der Debatte über ihren Brexit-Vertrag herbe Rückschläge einstecken. Video: Reuters

Mit ihrem in Brüssel ausgehandelten Deal, hat May dem Parlament ein weiteres Mal feierlich versichert, eigne sich Grossbritannien wieder «die Kontrolle über unsere Grenzen, unsere Gesetze und unsere Gelder an», wie in Vor-EU-Zeiten. Vierzig Stunden Debatte, verteilt auf fünf Tage, sind zur Verabschiedung des Austrittsvertrags angesetzt. Am Dienstagabend soll die Abstimmung stattfinden.

Aber Mays Kraftakt hat in Westminster wütenden Widerspruch ausgelöst. Nicht nur die Opposition lehnt einen Deal ab, der die Briten ihres Einflusses in Europa beraubt, ohne dass sie aus EU-Banden entlassen werden – und der nach Einschätzung aller ernst zu nehmenden Ökonomen das Land ärmer machen wird. Auch die nordirischen Unionisten, die Mays Minderheitsregierung seit vorigem Jahr im Amt halten, haben sich gegen sie gestellt. Vor allem aber droht eine Phalanx zorniger Tory-Hardliner nicht mitzuziehen. Allen Beschwichtigungsversuchen zum Trotz verweigern diese Brexiteers May die Gefolgschaft. Sie betrachten deren Deal mit der EU als «Verrat». Einige haben in ihrer Empörung gelobt, May bei erstbester Gelegenheit zu stürzen.

Rund achtzig «Rebellen» sollen zu dieser Gruppe gehören. Selbst wenn es am Ende nur halb so viele wären, hätte May Schwierigkeiten, ihren Deal durchs Unterhaus zu bringen. Bei ihren zahllosen Auftritten im Parlament hat sich ein verbaler Dolch nach dem anderen in ihren Rücken gebohrt. Eine Beobachterin der politischen Szene bemerkte jüngst, in diesem «Brexit-Advent» verberge sich hinter jedem Kalendertürchen, das May öffne, ein neuer Horror, mit dem sie fertigwerden müsse.

Aggression an sich abgleiten lassen

Das bestätigte sich just zu Beginn der Debatte, als Mays Regierung gleich drei Niederlagen auf einmal einstecken musste. Im einen Fall erzwang das Unterhaus eine Veröffentlichung des juristischen Gutachtens zum Brexit, das May als vertraulich betrachtet hatte. Im andern machte es klar, dass es keinen Austritt ohne Vereinbarung mit der EU dulden will. Und spätestens im Januar plant das Parlament den Kurs vorzugeben, falls bis dahin nichts gelöst ist.

So hoch schwappen die Emotionen in Sachen Europa auf den Hinterbänken der Tory-Fraktion, dass einige ihrer «ehrenwerten Freunde» (wie May ihre Fraktionskollegen nennen muss) ihr in dreister Anonymität bereits geraten haben, «den Strick», an dem sie sie gern aufknüpfen würden, gleich selbst mit ins Parlament zu bringen.

May sucht die Aggression an sich abgleiten zu lassen. Wahr ist aber, dass es einsam geworden ist um sie. Selbst im Kabinett weiss sie kaum noch jemanden an ihrer Seite. Jene Minister, die hinter ihr hertrotten, stehen alle zum Absprung bereit.

Sogar ihre Tanzeinlagen wirken hölzern: Theresa May bewegt sich gerne zur Musik. Video: AFP/AFP

Die übermenschliche Anstrengung, die es sie gekostet hat, alles so lange beieinanderzuhalten, ist ihr inzwischen anzusehen. Ihre spröde Fassade hat sich seit den Tagen, in denen der frühere Vizepremier Nick Clegg sie «die Eiskönigin» taufte, weiter verhärtet. Müdigkeit überschattet ihre Züge. Ihre Sprache ist noch hölzerner geworden – schon wegen der ewig gleichen Phrasen, mit denen sie arbeitet.

Dennoch will sie nicht aufgeben. Diese Unverdrossenheit hat ihr stummen Respekt eingebracht. Gleichzeitig mit dem Kollaps ihrer Basis in der Partei zeigt ihre Popularität einen leichten Aufwärtstrend. Ein Vorgänger im Amt, Tony Blair, zollt ihr dafür Anerkennung: «Sie versucht ja nur, aus einem schlechten Job das Beste zu machen.»

Die frühere Downing-Street-Kommunikationschefin Katie Perrior staunt, wie May «aufblüht, wenn sie mit dem Rücken zur Wand steht». In Perriors Urteil geht May davon aus, dass nicht sie das Chaos verursacht habe, sondern David Cameron mit seinem Referendum: «Sie hat nur versucht, die Sache in Ordnung zu bringen – was vielleicht von Anfang an ein Ding der Unmöglichkeit war.»

Frisch gekürt und unbedacht

Eine so verständnisvolle Haltung bringen May nicht alle Briten entgegen. Unvergessen ist geblieben, wie unbedacht die frisch gekürte Premierministerin harte Verhandlungspositionen einnahm und erste Barrikaden errichtete, um die Hardliner der Tory-Rechten, die «Brextremisten», gnädig zu stimmen.

Wiewohl das Referendums­ergebnis von 2016 lediglich besagte, dass 52 Prozent der Wähler für den Austritt aus der EU plädierten, deutete May «den Volkswillen» prompt als Auftrag an die Regierung, Grossbritannien gleich auch aus Binnenmarkt und Zollunion der EU zu hebeln, es vom «Joch» des Europäischen Gerichtshofs zu befreien und den Briten die weitere Übersendung «grosser Summen» an Brüssel zu ersparen. Vor allem verlangten ihre Landsleute, so verstand es May, ein Ende aller unerwünschten Migration «aus Europa». Diese Forderung, die Top-Priorität von May, entsprach am stärksten ihren eigenen Instinkten.

Fremde nicht willkommen

Schon als Innenministerin mit deutlich illiberalen Tendenzen hatte May keinen Zweifel daran gelassen, wie wenig willkommen ihr Ausländer, Zuzügler und Flüchtlinge waren. Abgesehen von einsamen Wanderungen in den Schweizer Hochalpen verband sie nichts mit Europa. ­Daheim wollte sie immer schnell die Zugbrücken hochziehen. Die europäische Freizügigkeit an den Grenzen Englands wollte sie «ein für alle Mal» beenden.

Die «enge Weltsicht», die ihr viele Oppositionspolitiker vorhalten, dürfte May auch von einer versöhnlicheren Brexit-Lösung abgehalten haben, mit der sie die beim Referendum unterlegenen 48 Prozent oder das für eine weitere EU-Mitgliedschaft stimmende Schottland hätte einbeziehen können. Eine «sanfte» Landung mochte sie nicht in Erwägung ziehen. Dabei gab es im Unterhaus immer eine breite proeuropäische Mehrheit. Nun stösst sie mit ihrem Streitruf «Mein Deal oder kein Deal» an die eigenen Grenzen, wo es um alles geht in Westminster. Eine Verschiebung des Brexit-Datums will sie nicht zulassen.

Dass nun gar der Europäische Gerichtshof signalisiert, London könne die britische Austrittserklärung jederzeit vor dem Austritt wieder zurückziehen, muss May nach zwei zermürbenden Jahren wie Hohn und Spott vorkommen – wie ein besonders schauriges Kalendertürchen im Brexit-Adventskalender. Ihre Nemesis, die EU, weiss offenbar, wie sie May während ihrer grossen Debatte schockieren kann.

Die meisten Beobachter geben ihr wenig Chancen, die Weihnachtszeit heil zu erreichen. Nur Anne McElvoy vom Londoner «Economist» hat davor gewarnt, die «Brexit-Premierministerin» allzu schnell abzuschreiben: «May stand in ihrer unfallträchtigen Amtszeit fast immer am Rande des Abgrunds. Sie weiss, wie man in Kitten-Heel-Schuhen auf Messers Schneide balanciert.» Mayday-Rufe in Westminster? SOS-Signale aus Downing Street? Natürlich wisse May, dass ihre Zeit bemessen sei, meint McElvoy: «Aber irgendwie ist es bei May immer Mayday. Und am nächsten Morgen ist sie immer noch da.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.12.2018, 19:08 Uhr

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