Waren die Wettquoten manipuliert?

Das Ja zum Brexit kommt überraschend – auch weil die Buchmacher falsche Prognosen stellten. Es drängt sich ein schlimmer Verdacht auf.

Nach der Abstimmung: Trader im Londoner Finanzdistrikt hören dem Premierminister im TV zu.

Nach der Abstimmung: Trader im Londoner Finanzdistrikt hören dem Premierminister im TV zu. Bild: Russell Boyce/Reuters

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Eine Überraschung, ja ein Schock: Viele Briten und ausländische Beobachter reagieren ungläubig auf das klare Resultat des EU-Referendums in Grossbritannien. Denn noch fast bis zuletzt hatte alles für einen Verbleib gesprochen. Letzte Umfragen am gestrigen Wahltag sahen die Proeuropäer um Premier David Cameron vorn. Und auch die Wettbüros prognostizierten ein klares «Remain».

Nach dem unerwartet guten Abschneiden des Brexit-Lagers in ersten ausgezählten Bezirken schwenkten viele britische Buchmacher aber plötzlich um. Der grosse Wettanbieter Ladbrokes beispielsweise schätzte die Chancen auf einen EU-Verbleib des Königreichs lange auf 76 Prozent und änderte seine Quote nach 3 Uhr vergangene Nacht auf einmal auf 4/7, was einer Brexit-Wahrscheinlichkeit von 63 Prozent entspricht.

«In den letzten Tagen hat es eine bedeutende Bewegung in den Wetten zugunsten eines Verbleibs gegeben.»Einschätzung des Wettbüros Ladbrokes
vor der Abstimmung

Die Politiker verliessen sich auf die ursprünglichen Prognosen. Labour-Chef Jeremy Corbyn ging nach seiner Stimmabgabe noch von einem Sieg der Proeuropäer aus. «Die Buchmacher liegen meistens richtig», sagte er. Und sogar Nigel Farage, der Brexit-Hardliner, liess sich von den Wettquoten blenden. «Es scheint, als würden die EU-Befürworter knapp gewinnen», sagte der Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei. Dann aber kam alles anders – Wie ist es möglich, dass Umfrageinstitute, Buchmacher und sogar Finanzmärkte so daneben lagen?

Wie die Politiker haben wohl auch die Umfrageinstitute und Wettanbieter die Wut der Briten über den als undemokratisch empfundenen Politikbetrieb in London und Brüssel vollkommen unterschätzt. Deshalb wurden sie von der Tatsache überrascht, dass neben den erwarteten Tory- und Ukip-Wählern auch Millionen Labour-Leute für den Brexit stimmten und damit auch Regionen Ja sagten, von denen man es nicht erwartet hatte.

Wales sowie die ländlichen Gebiete im ganzen Norden Englands haben überwältigend für den Brexit gestimmt – Regionen, die einst industrielles Herz ihres Landes waren, aber seit Jahrzehnten dem wirtschaftlichen Verfall überlassen wurden. Aber auch Städte wie Sheffield, Nottingham, Coventry oder Birmingham – eigentlich Hochburgen der Labour-Partei, die für den EU-Verbleib warb – stimmten für den Austritt und gaben schliesslich den Ausschlag für den Brexit.

Die Art, wie die Quoten bestimmt werden, geriet schon vor der Abstimmung in die Kritik.

Die falschen Vorhersagen könnten auch damit erklärt werden, dass Umfragen und Hochrechnungen bei einem Referendum extrem schwierig sind. Zum einen, weil es keine vergleichbaren Abstimmungen in der Vergangenheit gab. Zum anderen wegen des knappen Ausgangs und gewisser Fehlermargen, die es immer gibt.

Es drängt sich aber ein anderer Verdacht auf: verfälschte Wettquoten. Die Art, wie die Quoten bestimmt werden, geriet schon vor der Abstimmung in die Kritik. Denn sie sind stark von der Höhe der eingezahlten Beträge abhängig. Die Brexit-Quoten verleiteten zur Annahme, dass die Mehrheit der Wettenden mit einem Verbleib rechnet – obwohl im Gegenteil viel mehr Leute auf einen Austritt wetteten.

Ladbrokes zufolge machten sie über 60 Prozent aller Wetten aus. Das Problem: Wetten auf den Brexit beliefen sich auf durchschnittlich 75 Pfund. Die durchschnittliche Höhe einer Wette auf einen Verbleib betrug jedoch rund 450 Pfund. Hohe Beträge auf ein «Remain» haben wohl die Quoten verfälscht.

«Wir haben eine Wette über 25'000 Pfund auf einen Verbleib erhalten, die dazu beigetragen hat, die Quoten in diese Richtung zu bewegen.»Matthew Shaddick vom Wettbüro Ladbrokes

Die Tatsache, dass hohe Wetten den Quotenverlauf stark beeinflussen können, wurde vom Chef der politischen Abteilung von Ladbrokes eingeräumt: «Wir haben heute Morgen eine Wette über 25'000 Pfund auf einen Verbleib erhalten, die dazu beigetragen hat, die Quoten in diese Richtung zu bewegen», sagte Matthew Shaddick vor der Abstimmung.

Da Investoren ihre Entscheidungen unter anderem von den Quoten der Buchmacher abhängig machen, könnten wirtschaftliche Interessengruppen die Märkte mit Wetten manipulieren haben. Dies vermutet unter anderem der Finanzblog «Zerohedge». All jene, die ein Interesse daran gehabt hätten, dass Grossbritannien in der EU bleibt, hätten viel höhere Beträge gesetzt – mit der Hoffnung, dass die Meinung der Öffentlichkeit aufgrund der Quoten in Richtung EU-Verbleib kippt, so die Vermutung.

Aufgegangen ist das nicht. Aber die vermeintlich gefälschten Wettquoten haben falsche Erwartungen geschaffen und wahrscheinlich dafür gesorgt, dass die Buchmacher einen grossen Profit einfahren konnten. Dies vermutet der «Guardian», der ebenfalls von einer Verzerrung der Quoten durch hohe Beträge spricht. Eine Frau aus London beispielsweise hat beim Wettanbieter «William Hill» 100’000 Pfund auf den EU-Verbleib gesetzt. Matthew Shaddick von Ladbrokes sagte dazu nur: «Die Wahrheit ist, dass Buchmacher keine politischen Vorhersagen liefern, sondern Profit machen wollen. Und in dieser Hinsicht ist diese Abstimmung sehr gut für uns gelaufen.» Mit mehr als 40 Millionen Pfund war das Brexit-Referendum die grösste Wette auf ein politisches Ereignis in der Geschichte Grossbritanniens. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.06.2016, 13:07 Uhr

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