Wer die Briten verstehen will, muss nach Dover

Die Hafenstadt am Ärmelkanal ist die Sollbruchstelle im Verhältnis zwischen England und Europa. Eine Reportage von der Frontlinie des Brexit.

Am Ärmelkanal, dem Symbol britischer Unabhängigkeit: Dover mit einem Mauergemälde des britischen Künstlers Banksy (l.u.). Foto: Reuters

Am Ärmelkanal, dem Symbol britischer Unabhängigkeit: Dover mit einem Mauergemälde des britischen Künstlers Banksy (l.u.). Foto: Reuters

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Wer die Bedeutung des Ärmelkanals als Bruchlinie, als Graben und Verbindung, als Metapher für das Verhältnis von britischer Insel und Kontinent verstehen will, der muss hier anfangen: über den viel besungenen «white cliffs of Dover». Nur um dann sehr schnell zu verstehen, dass die Insellage in der Nordsee, die durch den Untergang einer Landbrücke nach einem Tsunami vor 8000 Jahren geformt wurde, in den Köpfen vieler Engländer eine viel grössere Rolle spielt als in der Realität.

In Wahrheit reist man heute mit dem Eurostar bequem von Dover in 35 Minuten nach Calais durch das, was die Briten den Chunnel nennen. Und Boris Johnson wollte sogar schon mal mehr: Als er noch Aussenminister war und nicht der Premierminister, der nach dem Brexit die «Flutung des Landes mit Hunderten Milliarden Pfund an Investitionen» verspricht, wollte er eine Brücke über den Kanal bauen. Es sei lächerlich, sagte er zu Emmanuel Macron, dass zwei der weltgrössten Ökonomien nur durch einen einzigen Eisenbahntunnel verbunden seien. Heute denkt er über eine Brücke nach Nordirland nach. Ein Brückenschlag nach Frankreich passt derzeit nicht in sein Kalkül.

Der Schlüssel zu England

Die historische Burg und der hochmoderne Hafen von Dover liegen an der engsten Stelle des Kanals, knapp 34 Kilometer sind es bis zur EU-Seite, die in drei Tagen, vom «English Channel» aus gesehen, wieder europäisches Ausland sein wird. Politisch, ökonomisch, ideologisch. Allen Freundschaftsbekundungen zum Trotz.

Geschichtsbewussten Briten gilt Dover als «Schlüssel zu England». Und der Ärmelkanal als «Retter» vor Invasoren und Unbill. Das erklärt die Hysterie, die sich vor gut einem Jahr breitgemacht hat. Kurz vor Weihnachten schipperten 89 frierende Migranten in kleinen Dingis auf der Suche nach einem besseren Leben über den Kanal. Der Innenminister brach dann sogar seinen Urlaub ab. Die «Bedrohung durch Kanal-Flüchtlinge» müsse abgewehrt werden, hiess es.

Als wolle sich die Stadt demonstrativ davon absetzen, gibt es derzeit im Dover Museum eine simple, aber rührende Sonderausstellung zur Migration: Wir sind weltoffen, wir sind bunt, und wir sind viele, will sie sagen. Auf Schautafeln wird gezeigt, wie viele zivile und militärische «Invasoren» die schmale Wasserstrasse in der Vergangenheit überwunden haben, darunter Römer, Angeln und Sachsen, Juten, Dänen und Wikinger, und immer wieder die Normannen. Die Kuratoren haben dann noch symbolisch Glaubensflüchtlinge, Kriegsflüchtlinge aus zwei Weltkriegen und Armutsflüchtlinge im 21. Jahrhundert hinzugefügt. Die meisten wollten über die schmale Wasserstrasse auf die Insel. Aber die Insel wollte nicht alle.

Im Wissen um die symbolische Bedeutung der Stadt Dover hat der Strassenkünstler Banksy dieses Werk gesprayt. Foto: Gareth Fuller (Dover)

Auf Bildern, die den Brexit symbolisieren, ist deshalb besonders oft diese britische Steilküste an der Engstelle zum Kontinent zu sehen. Sie steht für den Drift weg von Europa, hin in die, ja was: Eigenständigkeit? Souveränität? Neue Grösse? Oder hin zu «splendid isolation» und «little England»? Auf den meisten Karikaturen bröckeln die Klippen, britische Politiker stürzen ab, die Entfernung zwischen den Ufern wächst.

Es gibt Dutzende Varianten. Die unglückliche Vorgängerin von Johnson, Theresa May, klammert sich an ein zerbrochenes Floss unterhalb der Klippen, während sie «Britannia rule the waves» singt. Ein kleines, britisches Boot segelt gen Amerika in den Sonnenuntergang, während ein grosses Schiff mit EU-Flagge vor dem Kontinent grosse Wellen macht. Ein Mann steht an der Kanalküste, vor ihm ein Schlagbaum mit einem Schild. Darauf die Botschaft: «keep out», bleibt draussen.

In der Nacht vom 31. Januar werden entlang der Kanalküste, so wie an Tausenden anderen Orten im Land, Freudenfeuer entzündet werden. Partys und Feuerwerke sind geplant, die Pubs sind ausgebucht, der Union Jack wird gehisst werden. Natalie Elphicke, die neue ­Tory-Abgeordnete für Dover, die ihren Wahlkreis die «Frontlinie des Brexit» nennt, will an den weissen Klippen am Austrittstag ein riesiges Poster aufhängen lassen. Die Aufschrift in Megalettern soll lauten: «We love the UK». Es soll die Antwort sein auf ein anderes Poster, das dort schon hängt: «Wir ­lieben die EU immer noch».

Die Fischer wollten ihre Gewässer und ihre Fische nicht mehr teilen müssen.

Im britischen Südwesten haben sie besonders zahlreich für den Brexit gestimmt, während des Referendums hingen an vielen Kuttern und Trawlern die lilafarbenen Flaggen der Ukip, der radikalen Austrittspartei. Die Fischer wollten ihre Gewässer und ihre Fische nicht mehr teilen müssen, sie fühlten sich von den Fangquoten der EU massiv benachteiligt. Und auch wenn die Fischerei nur einen verschwindend geringen Anteil am britischen Bruttosozialprodukt ausmacht, so ist der Brexit vor allem an der Küste immer eine Glaubenssache gewesen. Am Kanal zumal.

Einer der Partygäste wird Deeday Rodney White sein. Er will persönlich einen Union Jack hissen: «Er ist das Zeichen, dass unser altes Leben zurückkehrt.» Der Brexit müsse sein. «Wir wollen selbst über unsere Zukunft entscheiden.» Deeday White ist eine Legende in Hastings, einem hübschen Kanal-Städtchen, das die Briten mit dem Trauma der Eroberung Englands durch die Normannen 1066 verbinden. Deeday hingegen ist an einem stolzen Tag geboren, am 6. Juni 1944, der alliierten Invasion in das besetzte Frankreich. Sein Vater hatte den Begriff D-Day in jeder Kneipe auf dem Weg zum Standesamt aufgeschnappt. Anfangs verweigerte der Beamte die Eintragung des Namens, die Landung in der Normandie sei ein Staatsgeheimnis. Als aber einen Tag später die ganze, grosse Geschichte in den Nachrichten lief, setzte Bert White sich durch – sein Sohn durfte, leicht abgewandelt, immerhin Deeday heissen.

Der ist heute Betreiber eines höhlenartigen Secondhandladens, ausserdem Militariasammler und stolzer Träger eines Backenbarts. Er stammt aus einer Familie von Soldaten und Fischern und war ein Dutzend Mal in der Normandie. Er fühle sich, betont er, durch die Geschichte und seinen Namen durchaus mit Frankreich, mit Europa verbunden. Trotzdem hat er kurz vor dem Brexit, unterstützt von einem grossen Freundeskreis, ein Rettungsboot nach Hastings zurückgebracht, das bei der Landung in der Normandie eingesetzt worden war. Es solle, findet er, lieber als Museumsschiff auf der britischen Seite des Kanals an den Krieg erinnern. Nicht mehr bei den einstigen Alliierten.

Aus dem Weltall scheint die Distanz winzig zu sein: Dover mit seinen weissen Klippen liegt an der engsten Stelle des Ärmelkanals, 34 Kilometer vom europäischen Festland entfernt. Foto: Alamy

Sein Bruder Bertie, sagt Deeday, habe sein ganzes Leben auf dem Kanal verbracht, seine Boote an Land gezogen, seine Netze aufgehängt, im kalten Wasser gefischt, gelitten und gefroren. «Der Kanal ist alles für uns: Leben und Tod.» Heute sei es einfach, ihn zu queren, zu einfach vielleicht, «das ist wie Busfahren. Vielleicht haben wir uns mit dem Tunnel geschadet?»

Richard Platt kennt Deeday, so wie jeder in Hastings. Er schätzt ihn menschlich. Aber dieser überbordende Stolz auf die Geschichte und dieses Brexit-Ding der Kanalanwohner, das ist ihm fremd. Für Nationalisten, sagt der frühere Kinderbuchautor, sei der «Channel das Symbol britischer Unabhängigkeit und irgendwie auch ein Wall aus Wasser gegen den giftigen Einfluss alles Ausländischen».

«Spitfire im Kopf, Mercedes vor der Tür»

James Hawes ist ein hochgebildeter Mensch, er wirft mit Jahreszahlen um sich, reitet durch die englische Historie von den französischen Herrschern über die Tudors und Stuarts bis zu den Windsors. Der abwehrende Blick auf den fernen Kontinent, «hach», ruft er, nichts als ein Konstrukt, ein Mythos! Bis zur Zerstörung der spanischen Armada 1588 sei es doch «niemandem eingefallen, von einer Inselfestung zu sprechen». Heute, sagt er, seien die Konservativen Gefangene ihrer eigenen Rhetorik. «Spitfire im Kopf, Mercedes vor der Tür.»

Die Frau von James Hawes ist in Deutschland geboren, er sieht sich vor allem als Europäer. Das Ehepaar Hawes überlegt, ob es über eine andere Wasserstrasse, über die Irische See, nach ­Irland auswandern soll. Die beiden ­warten noch ab, wie sich die Dinge ­entwickeln.

Erstellt: 28.01.2020, 20:47 Uhr

Wie es nach dem Brexit weitergeht

Am 31. Januar um Mitternacht Schweizer Zeit vollzieht Grossbritannien den Austritt aus der Europäischen Union. Am Abend zuvor will sich Premierminister Boris Johnson in einer Fernsehansprache ans Volk wenden und zur Einheit aufrufen. Damit ist aber nicht einfach Schluss: Die nächste Folge im Scheidungsdrama beginnt. Bis mindestens Ende 2020 bleibt Grossbritannien im Binnenmarkt und in der Zollunion. Während dieser Zeit verhandeln die beiden Seiten ein allfälliges Freihandelsabkkommen. Als ersten Schritt wird im Februar das Europäische Parlament in Strassburg seine Position zu den Verhandlungen festlegen, am 25. Februar entscheiden die EU-Europaminister. (red)

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