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Johnson muss zittern, und bei Labour liegen die Nerven blank

Die Konservativen um Boris Johnson dürften heute die Unterhauswahlen gewinnen. Aber reicht es für die Mehrheit?

Premier Boris Johnson (links) und der Labour-Chef Jeremy Corbyn bei der TV-Debatte vom 19. November. Foto: Jonathan Hordle (Getty Images)
Premier Boris Johnson (links) und der Labour-Chef Jeremy Corbyn bei der TV-Debatte vom 19. November. Foto: Jonathan Hordle (Getty Images)

Letzte Meinungsumfragen vor den Wahlen am Donnerstag in Grossbritannien haben auf der Insel für neue Ungewissheit gesorgt. Wahlexperten halten zwar einen Sieg der regierenden Konservativen für den wahrscheinlichsten Ausgang der Wahlen, schliessen aber auch nicht mehr aus, dass Premierminister Boris Johnson die von ihm angepeilte Unterhaus-Mehrheit noch knapp verfehlt.

Wachsende Sorge in der Bevölkerung um die Zukunft des schwer angeschlagenen Nationalen Gesundheitswesens (NHS) hat der Regierung kurz vor dem Wahltag zu schaffen gemacht (lesen Sie hier, wie die Parteien die Gesundheitsversorgung angehen wollen).

Eine detaillierte Voraussage des renommierten Yougov-Instituts, das schon den Wahlausgang von 2017 recht genau prophezeit hatte, sprach von einer möglichen Mehrheit Johnsons im neuen Unterhaus von 28 Sitzen, hielt es aber auch für denkbar, dass der Tory-Chef am Ende noch ganz um seine Mehrheit kommt. Nur in rund einem Dutzend der insgesamt 650 Wahlkreise brauchte es ein unerwartetes Ergebnis zugunsten der Opposition, und Johnson stünde erneut ohne klares Mandat da, ohne parlamentarische Basis, erklärte das Institut.

Diese Wahl ist «die wichtigste für eine ganze Generation», sagen Johnson wie Corbyn.

Yougov sah die Tories jedenfalls bei 43 Prozent und Labour bei 34. Den Liberaldemokraten gab das Institut 12 Prozent. In Schottland erwartete es ein gutes Abschneiden der Schottischen Nationalpartei (SNP).

Oppositionsführer Jeremy Corbyn, der Labour-Vorsitzende, appellierte am Mittwoch noch einmal an alle Wähler, den Donnerstag dazu zu nutzen, Boris Johnsons Partei aus der Macht zu hebeln. Corbyns Erwartung, die Konservativen während des Wahlkampfs einzuholen, hat sich nicht erfüllt. Labour blieb fast die gesamte Zeit über deutlich – im Schnitt mit 10 Prozentpunkten – hinter den Tories zurück.

Wenig hilfreich war in dieser Situation, dass zwei Tage vor den Wahlen durch eine üble Indiskretion vertrauliche Äusserungen des Schatten-Gesundheitsministers Jonathan Ashworth über die «desolate» Lage seiner Partei an die Öffentlichkeit kamen.

Labours Situation ist «trostlos»

Ashworth hatte einem konservativen Politiker, den er für seinen Freund hielt, gestanden, er halte Labours Situation ausserhalb von Grossstadt-Gebieten für «trostlos». Schuld daran sei «eine Kombination von Corbyn und Brexit». Dass Jeremy Corbyn Premierminister werde, könne er sich absolut nicht vorstellen. Der «Freund» nahm das Gespräch heimlich auf und gab es weiter an die rechte Polit-Website «Guido Fawkes».

Nach dieser Beichte konnte Corbyn nur hoffen, dass eine ausreichende Zahl ehemaliger Labour-Wähler aus Angst vor fünf Jahren Johnson-Regierung ihrer alten Partei doch wieder die Treue halten würde und dass Johnsons kompromissloser Brexit-Kurs genügend Widerstand gegen die Tories mobilisiert.

Bang sehen auch die proeuropäischen Liberaldemokraten unter Jo Swinson dem Wahltag entgegen, nachdem ihr anfänglicher Optimismus sich in den letzten fünf Wochen in Luft aufgelöst hat. Statt der «dreistelligen» Zahl an Mandaten, von der Swinson einmal träumte, kann sich ihre Partei jetzt bestenfalls eineinhalb Dutzend Sitze erwarten – kaum mehr als beim letzten Mal.

Unklar, wie London wählt

Ungewiss ist freilich nicht nur, ob frühere Stammwähler Labours in den alten Industriegebieten Nordenglands und der Midlands zu den Tories überlaufen oder diesmal zu Hause bleiben, sondern auch, ob es in London und im Südosten Englands eine Bewegung in die Gegenrichtung gibt.

Viele moderate Tory-Sympathisanten in diesen Gegenden sind besorgt über den Rechtsruck in der Konservativen Partei unter Johnson und vor allem über die Risiken, die ihrer Ansicht nach eine Radikal-Abkoppelung von Europa bringt.

Gänzlich untergegangen zu sein scheint in diesem Ringen Nigel Farages Brexit-Partei, die noch bei den Europawahlen im Mai stärkste Partei war und auf 30,5 Prozent aller Stimmen kam. In den Umfragen rangiert die Partei gerade noch bei 3 Prozent. Unterhaussitze werden ihr keine vorausgesagt. Wähler, die unbedingt den Brexit wollen, sind umgeschwenkt zu Johnson und seiner Partei.

Am Mittwoch bezeichneten Johnson und Corbyn gleichermassen die Unterhaus-Wahl am Donnerstag als «die wichtigste für eine ganze Generation» – teils wegen des Brexit, teils wegen der scharfen Kontraste der wirtschafts- und sozialpolitischen Programme beider Parteien. Johnson mahnte seine Anhänger, auf der Hut zu sein. Die Wahl sei «noch nicht gewonnen». «Wir brauchen jede Stimme», sagte er.

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