Boris knackt den Google-Algorithmus

Der britische Premierminister inszeniert sich gern als tollpatschigen Engländer – mit Kalkül.

Einst liess Boris Johnson Unwahrheiten auf einen Bus malen. Das hat die Zeitung «Daily Mirror» nicht vergessen, auch wenn bei Google jetzt andere Resultate gezeigt werden. Bei der Person auf dem Bus handelt es sich nicht um den echten Premierminister Grossbritanniens. Foto: Reuters

Einst liess Boris Johnson Unwahrheiten auf einen Bus malen. Das hat die Zeitung «Daily Mirror» nicht vergessen, auch wenn bei Google jetzt andere Resultate gezeigt werden. Bei der Person auf dem Bus handelt es sich nicht um den echten Premierminister Grossbritanniens. Foto: Reuters

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«Was machen Sie, um sich zu entspannen?», fragte ein Journalist kürzlich den neuen britischen Premierminister Boris Johnson. «Ich male gern und bastle», sagte er und weiter: «Ich mache in meiner Freizeit aus alten Harassen Busse und zeichne Sitzreihen mit glücklichen Passagieren.»

Damit sorgte Johnson für eine weitere Heiterkeitsepisode. Als Bürgermeister Londons liess er sich einst für die Olympischen Spiele von einem Kran abseilen, wo er in der Luft hängen blieb; oder er servierte in Hausschuhen und verwaschenem Rugby-T-Shirt den vor der Tür wartenden Journalisten Tee. Und es hat ja durchaus etwas Niedliches: die Vorstellung, wie der blonde Wuschelkopf sonntags eine Weinharasse aus dem Keller hervorsucht, mit roter Farbe bemalt, um darauf die Gesichter der Passagiere einzuzeichnen. So naiv, so wirklichkeitsfremd, so very British!

Tatsächlich ist Johnson nichts von alldem. Mit grösster Wahrscheinlichkeit malt Boris am Wochenende auch keine Busse. Als Bürgermeister von London hat er die Busse sogar sträflich vernachlässigt, genauso wie den Rest des öffentlichen Verkehrs. Dass er im genannten Interview trotzdem behauptete, in seiner Freizeit nichts lieber zu tun, als die ikonischen Doppeldecker zu zeichnen, hat viel eher mit etwas anderem zu tun: mit seinem Image bei Google und Co. Das zumindest fragt sich die britische Presse seit dem Wochenende, nachdem ein Twitter-Nutzer auf die neuen Google-Resultate aufmerksam gemacht hatte.*

Wer bis vor kurzem «Boris», «Johnson» und «Bus» bei Google, Facebook oder Twitter eingab, stiess zuerst auf Darstellungen davon, wie ungenau es Johnson mit Zahlen nimmt, zum Beispiel während des Brexit-Abstimmungskampfs. Als Kopf der damaligen Leave-Kampagne liess Boris einen Bus bemalen. Keinen selbst gebastelten, sondern einen richtigen. Das Ungetüm fuhr vor der Brexit-Abstimmung drei Monate lang durch das Land mit der Aufschrift: «Wir geben der EU jede Woche 350 Millionen Pfund.» Und in kleinerer Schrift darunter: Das Vereinigte Königreich könne das Geld doch besser für das marode Gesundheitssystem verwenden.

Der wahre Betrag, den Grossbritannien nach Brüssel ausrichtet, liegt je nach Rechnung unterschiedlichster Statistiker allerdings bei nicht einmal halb so viel. Nicht eingerechnet, wie viel Grossbritannien vom europäischen Binnenmarkt profitiert. Johnson wurde wegen der Verwendung falscher Zahlen im Abstimmungskampf sogar angeklagt. Der Entscheid des Richters steht noch aus.

Wer heute «Boris», «Johnson» und «Bus» googelt, trifft zuallererst nicht mehr auf die Fake-News zur wöchentlichen Überweisung von 350 Millionen Pfund, sondern auf die Behauptung, Boris bastle gern Busse. Ein genialer Schachzug, um gegen unerfreuliche Google-Treffer vorzugehen. Natürlich sind die früheren Ergebnisse nicht ganz verschwunden. Aber sie sind viel schwieriger zu finden. 90 Prozent der Google-Nutzer kommen erfahrungsgemäss nicht über die erste Ergebnisliste hinaus.

Vielleicht hilft ihm die gespielte Tollpatschigkeit auch beim Brexit

Die Strategie, Unangenehmes mit neuen Falschmeldungen oder gezielten Provokationen zu verdecken, beobachtet man beim Präsidenten der USA schon länger. Wenn neue Details zu Donald Trumps Steuerrechnungen bekannt werden, die den Schluss zulassen, dass er gar nicht so reich ist, wie er tut, schreibt er auf Twitter irgendwas Ungeheuerliches: Vielleicht, dass farbige demokratische Kongressabgeordnete nichts an den USA herumzumäkeln haben. Sie könnten doch in die Herkunftsländer ihrer Ahnen zurückkehren, wenn sie nicht zufrieden seien.

Im Vergleich zu Trump ist Boris Johnson allerdings der viel subtilere Politiker. Vor allem ist sich der britische Premier im Gegensatz zu Trump seiner Trotteligkeit bewusst. Sie gehört gar wesentlich zu seinem Politikstil. In einem Interview mit der BBC griff sich Johnson 2013 in das wuschelige blonde Haar und sagte: «Es ist im Leben generell hilfreich, anderen das Gefühl zu geben, dass man keine Ahnung hat. Vielleicht hat man wirklich keine Ahnung. Doch dann kann niemand den Unterschied erkennen, ob man nur so tut oder ob man wirklich keine Ahnung hat.»

Mit dieser Taktik hat Boris Johnson den Google-Algorithmus geknackt. Die Brexit-Befürworter hoffen nun, dass ihm die gespielte Tollpatschigkeit auch bei den Verhandlungen mit der EU hilft. Boris Johnson hat versprochen, dass Grossbritannien den Brexit bis zum 31. Oktober vollziehen wird.

* Der Hinweis darauf, dass sich auch die britische Presse mit der Möglichkeit beschäftigt, dass Boris Johnson die Google-Suche bewusst manipulieren wollte, wurde erst nachträglich ergänzt.

Erstellt: 29.07.2019, 21:23 Uhr

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