David Cameron lehnt die Verantwortung ab

In seinen Memoiren behauptet der vorletzte Premier, er sei getäuscht worden. Und greift Boris Johnson frontal an.

Einst Freunde, jetzt Feinde: Johnson und Cameron bei der Entzündung des Olympischen Feuers in London 2012. Foto: Peter Macdiarmid (Getty Images)

Einst Freunde, jetzt Feinde: Johnson und Cameron bei der Entzündung des Olympischen Feuers in London 2012. Foto: Peter Macdiarmid (Getty Images)

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Fast drei Jahre lang hat David Cameron im Gartenschuppen hinter seinem Haus gesessen und an seinen Memoiren geschrieben, sich nicht zu Wort gemeldet, die Medien gemieden. Jeder Frage danach, ob er sich persönlich verantwortlich fühle für die Misere, in der sich sein Land befindet, war er ausgewichen – und den Reportern, die ihn beim Joggen abzufangen suchten, war er fast panisch davongerannt. Die Memoiren sollen schon vor einem Jahr fertig gewesen, aber vom Verlag an den Ex-Premier zurückgeschickt worden sein mit der Massgabe, drastisch zu kürzen. 1000 Seiten Cameron – so etwas lese kein Mensch.

Armada von Lügnern

Nun sind es immer noch mehr als 750 Seiten, sie sollen am Dienstag unter dem Titel «For the Record» erscheinen, und man kann schon jetzt sagen: Zumindest die Auszüge, die schon auf dem Markt sind, werden nicht gelesen, sie werden verschlungen. Sie sind eine Abrechnung mit den Männern, die in den Augen des konservativen Ex-Premiers schuld am Brexit sind.

Cameron zeigt dabei vor allem auf No-Deal-Minister Michael Gove und Premier Boris Johnson. Gove, Johnson und eine kleine Armada skrupelloser, lügender und intrigierender Tory-Kollegen seien es gewesen, die den Sieg der Leave-Seite und die Spaltung des Landes herbeigeführt hätten.

Cameron, der 2010 Premier geworden war und sich von den Euroskeptikern in der Tory-Partei in ein Brexit-Referendum hatte hineintreiben lassen, war wenige Stunden nach der Abstimmung im Juni 2016 zurückgetreten – nicht ohne dass, wie man jetzt weiss, seine Frau morgens um acht Uhr noch einen doppelten Gin getrunken hatte, bevor sie sich, Hand in Hand mit ihrem Mann, vor die Tür von 10 Downing Street wagte.

Öffentliche Auftritte sind kaum geplant, Medien unken, David Cameron fürchte sich vor der Wut des Volkes.

Seither hat er sich nicht zum Brexit, zu Theresa May, zu Boris Johnson – oder zu den eigenen Fehlern eingelassen. Alles sollte in den Memoiren stehen. Am Freitag gab er der «Times» ein erstes Interview, in ihrer Wochenendausgabe brachte die Zeitung ganze Kapitel im Vorabdruck. Öffentliche Auftritte hat der Verlag kaum eingeplant; britische Medien unken, Cameron fürchte sich vor der geballten Wut des Volkes. Eine Veranstaltung Anfang Oktober, deren Veranstaltungsort aus Sicherheitsgründen bis heute nicht bekannt gegeben wurde, war umgehend ausverkauft.

Aber so eindeutig und wütend, wie die Memoiren Camerons sind, dürfte womöglichohnehin die Lektüre zentraler Absätze ausreichen, um die Hauptbotschaft zu verstehen. Cameron übernimmt keine persönliche Verantwortung; er zeigt sich eher enttäuscht, dass Parteifreunde und Teile der politischen Elite gegen alle Vernunft und unter Beugung von Fakten eine Kampagne betrieben hätten, die nicht nur das Ende seiner Regierung, sondern auch das Ende der Tory-Partei bedeutete, an die er einst glaubte. Er habe nach den Regeln gespielt, schreibt Cameron, und sich geweigert, einzelne Kabinettskollegen blosszustellen oder zu feuern. Die Folge sei gewesen, dass die Leave-Befürworter, darunter zu seiner Empörung auch Minister, sich an keine Regel des Anstandes gehalten hätten. Er habe sich einem «Parallel-Kabinett» gegenübergesehen, einer Gegenregierung.

Ehrgeiz und Eitelkeit

Michael Gove etwa, schreibt Cameron, habe immer behauptet, er wolle sich nur kurz in den Wahlkampf zwischen Leave und Remain einschalten. Dann aber habe man den Fernseher gar nicht mehr anstellen können, ohne dass Gove auf Sendung gegen die EU hetzte. Johnson wiederum habe lange geschwankt, auf welche Seite er sich schlagen solle, liest man in «For the Record». Cameron habe die Entscheidung gefürchtet, weil er wusste: Wenn Johnson für Leave in den Ring geht, dann hat der Brexit eine echte Chance.

Johnson habe ihm schliesslich, wenige Minuten bevor er damit an die Öffentlichkeit ging, mitgeteilt, er sei jetzt ein Leaver. Dabei hatte Cameron ihm, um ihn für Remain zu gewinnen, unter anderem einen wichtigen Ministerposten angeboten und ihm versichert, er könne gut und gern der nächste Premier werden. Dass Johnson sich anders entschied, führt Cameron auf zwei Charaktereigenschaften Johnsons zurück: Ehrgeiz und Eitelkeit. Er habe die Seite gewählt, auf der am meisten für ihn heraussprang.

Eine zentrale Stelle in den Memoiren ist jene, in der Cameron die geballte Macht der Instrumente aufzählt, mit denen Populisten heutzutage die öffentliche Meinung manipulieren und aufwiegeln können: Irgendwann seien alle sachlichen Argumente überlagert worden – von der aggressiven Dominanz sozialer Medien, von Fake News, dem Hass auf das Establishment, einer diffusen Globalisierungsskepsis, der Wut auf Immigranten. «Die Physik der Politik», so Cameron, «hatte sich verändert.»

Erstellt: 15.09.2019, 20:32 Uhr

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