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Der Mister Brexit sieht seine Mission erfüllt

Die Mehrheit im EU-Parlament hat den Weg für den Austritt Grossbritanniens frei gemacht. Nigel Farage freut's.

Stephan Israel, Brüssel
Er will den «friedlichen Zusammenbruch» der Europäischen Union: Nigel Farage am Tag vor dem Brexit in Brüssel. Foto: Yves Herman (Reuters)
Er will den «friedlichen Zusammenbruch» der Europäischen Union: Nigel Farage am Tag vor dem Brexit in Brüssel. Foto: Yves Herman (Reuters)

Es war der letzte grosse Auftritt für den Mister Brexit, und Nigel Farage genoss den Moment unübersehbar. Schon am Morgen noch vor dem Votum zelebrierte er im Presseraum der Brüsseler Dependance des EU-Parlaments seinen Triumph, unterbrochen vom Applaus und vom Gelächter seiner Mitarbeiter: «Es gibt nur sehr wenige Politiker, die ihre grossen Ziele erreichen», sagte Nigel Farage, und sah sich natürlich als grosse Ausnahme.

Die Abstimmung am frühen Abend war tatsächlich nur noch eine Formalität. Das EU-Parlament ratifizierte mit 621 zu 49Stimmen bei 13 Enthaltungen den 585 Seiten dicken Austrittsvertrag. Der Weg ist nun frei, der Brexit kann in der Nacht auf Samstag vollzogen werden – Nigel Farages Lebenswerk sozusagen. Auch wenn sich in den nächsten elf Monaten nicht viel ändert, da Grossbritannien in der Übergangsphase bis zur Klärung der künftigen Beziehung die EU-Regeln weiter einhalten, in den EU-Haushalt einzahlen und Urteile des Europäischen Gerichtshofs in Luxemburg akzeptieren muss.

Trauer und Wehmut

Nur mitreden können die Briten nicht mehr, und zwar nicht nur im EU-Parlament. Dort hätte der Kontrast nicht grösser sein können. In den Gängen und später auch bei der Debatte im Plenum dominierten Trauer und Wehmut. Allen voran verabschiedeten sich die Sozialdemokraten mit nostalgischen Reden, Tränen und tapferem Gesang von den Labour-Abgeordneten, von Weggefährten im europaweiten Kampf für Arbeitnehmerschutz oder Umweltstandards. Oben vor dem vollen Pressesaal berichtete Nigel Farage, wie er 1999 mit dem Eurostar anreiste und als Aussenseiter im EU-Parlament seinen Sitz eingenommen habe: «Ich habe mich 20 Jahre lang bemüht, meinen Job zu verlieren», amüsierte sich der Vorkämpfer des Brexit. Nun feierte Farage nicht nur den Austritt, sondern auch den Sieg über das britische Establishment, das für die Mitgliedschaft in der EU eingestanden sei.

Grossbritannien sei in der EU von Anfang an «fehl am Platz» gewesen, sagte Farage. Der Brexit in der Nacht auf Samstag sei ein «point of no return». Einmal draussen, werde es keine Rückkehr geben. Der Brexit sei das wichtigste Ereignis «seit dem Bruch des englischen Königs Heinrich VIII. mit dem Papst in Rom im 16. Jahrhundert». Historische Vergleiche sind manchmal Glückssache. Immerhin gesteht Farage ein, dass er den Austritt ohne die grosse Bühne im EU-Parlament nicht hingekriegt hätte. Für einen Sitz im britischen Unterhaus hat es Nigel Farage nie gereicht. Richtig aufwärts sei es gegangen, als Youtube in Mode kam. Der Mister Brexit konnte dank dem Internetkanal seine fulminanten Redeauftritte in Strassburg einem breiteren Publikum zugänglich machen. Wird Nigel Farage die europäische Bühne nicht fehlen? «Ich werde es natürlich vermissen, der schlimme Bösewicht zusein», sagte der 55-Jährige. Seine Auftritte waren oft turbulent, begleitet von Buhrufen im Plenum.

«Nationalismus gewinnt»

Er werde Reden halten, kommentieren und in Fernsehshows auftreten, kündigte Nigel Farage an. Und weiter im «grossen Kampf» mitmischen. Den sieht der Brexiteer in der Auseinandersetzung zwischen dem Globalismus und dem Nationalismus: «Und ich glaube, der Nationalismus gewinnt.» Mitmischen will Farage bei den Präsidentschaftswahlen in den USA, wo der Engländer als Bewunderer des Amtsinhabers das Ohr von Donald Trump hat. Einmal im Monat will Farage nach Washington reisen. Doch auch der EU stellt er eine düstere Prognose und bietet Gegnern seine Hilfe an. Der Brexit sei nur der erste Stein, der aus der Mauer des europäischen Projekts herausgelöst werde: «Wir wollen den friedlichen Zusammenbruch.» Der Austritt Grossbritanniens sei ein Hammerschlag für die EU. Andere würden folgen, zeigt sich Farage überzeugt und erwähnt Dänen, Polen und Italiener.

Und was ist mit der Schweiz, die sich stärker an die EU binden, mit dem Rahmenabkommen ihren Zugang zum Binnenmarkt absichern will? In der Schweiz sei es so wie überall in Europa: Die politische Elite liebe Europa, das Volk nicht. Dank der direkten Demokratie könne das Volk in der Schweiz aber die Regierung zur Rechenschaft ziehen. Und Nigel Farage sieht auch sonst Hoffnung: Die EU habe viel getan, um die Schweiz zu «mobben». Nun werde Brüssel mit den Folgen des Brexit beschäftigt sein und vielleicht etwas Druck von der Schweiz nehmen.

Tatsächlich ist das Austrittsabkommen nur ein erster Schritt. Im März sollen die Verhandlungen zwischen Brüssel und London über die künftige Partnerschaft beginnen, die bis Ende Jahr besiegelt sein sollen. Premier Boris Johnson müsse einen «echten» Brexit liefern, frei von den EU-Regeln, mit einer selbstständigen Aussenpolitik: «Boris muss liefern, sonst ist er in Schwierigkeiten.»

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