«May wird bald nicht mehr da sein – verlassen Sie sich drauf»

Mark Francois spielte politisch keine Rolle in Grossbritannien – bis zum Brexit-Chaos. Für den Hinterbänkler ist der Kampf gegen die EU ein Kreuzzug.

Mark Francois hat einen französischen Namen, eine italienische Mutter und einen Vater, der im Zweiten Weltkrieg kämpfte. Mark Francois gibt nie auf. Foto: Isabel Infante (AFP)

Mark Francois hat einen französischen Namen, eine italienische Mutter und einen Vater, der im Zweiten Weltkrieg kämpfte. Mark Francois gibt nie auf. Foto: Isabel Infante (AFP)

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Er hat einiges gemeinsam mit der Frau, die er verachtet: Wenn die Premierministerin im Unterhaus minutenlang ausgelacht und verhöhnt wird, dann senkt Theresa May bisweilen ihren Kopf. Scheinbar demütig blickt sie für ein, zwei, drei Sekunden auf die Maserung der historischen Dokumentenkiste aus Neuseeland, die auf dem Podest vor ihr aufgebaut ist, hebt dann den Blick und schaut schräg hinauf in den Saal, schüttelt den Kopf und schweigt. Und dann macht sie punktgenau da weiter, wo sie aufgehört hatte.

Vor kurzem hatte Mark Francois einen solchen May-Moment. Sie war aus Brüssel mit einer weiteren Verschiebung des Austrittsdatums zurückgekehrt, die Zeitungen schrieben von einer ultimativen Demütigung. Bis Oktober soll die Misere nun gehen, nicht etwa bis März, nicht bis April, und vielleicht am Ende sogar ja noch viel länger als Oktober.

May wurde im Unterhaus verhöhnt und verspottet, und Francois, Tory, Hinterbänkler, bis vor kurzem noch ein Niemand, den man eher für einen Popanz als für einen Provokateur hielt, stellte sich in Positur. May, befand er, lasse sich von der EU vorführen, einwickeln, festnageln, für dumm verkaufen; sie müsse verstehen – und gehen. «Widerstandskraft ist eine Tugend», rief der kleine, kurzbeinige Mann triumphierend, «aber purer Starrsinn ist es nicht.»

Dreimal gegen May

Was dann geschah, damit hatte Francois wohl nicht gerechnet. Die Kollegen lachten sich tot. Nicht über May, sondern über ihn, den Abgeordneten aus der unscheinbaren Kleinstadt Rayleigh in Essex, dessen Starrsinn massgeblich dazu beigetragen hat, dass Grossbritannien heute da steht, wo es steht: gefangen im Labyrinth der Brexit-Verhandlungen. Mark Francois gehört zu jenen Tory-Abgeordneten, die dreimal gegen Mays Deal gestimmt haben und die sie durch einen wahren Engländer, einen Brexiteer, ersetzen wollen.

Das Gelächter wollte nicht enden. Und May war sichtbar froh, dass es ausnahmsweise einmal nicht ihr galt. Francois indes beugte den Kopf, blickte, als sei er kurz irritiert, auf die blattgrüne Lederbank unter sich, schwieg ein, zwei, drei Sekunden, schaute dann mit schräg gelegtem Kopf in den Saal, lächelte leise. Und dann machte er genau da weiter, wo er aufgehört hatte.

Mit latenter Aggression

Wenn man ihn auf diesen Moment anspricht, ist der Mann mit dem französischen Namen, der italienischen Mutter und der Vorliebe für englische Kraftausdrücke ganz verdutzt. Den Kopf geneigt in scheinbarer Demut? «Ich habe nicht den Kopf geneigt. Ich neige nie den Kopf in Demut. Das ist mir nicht gegeben.»

Er sagt das während der Osterpause, das Parlament hat Ferien, aber Mark Francois macht keine Ferien. Er hat einen Auftrag, vom Volk. Und er sagt es mit einer latenten Aggression in der Stimme, die bei Francois immer so klingt, als werde er in genau 20 Sekunden aus der Haut fahren, halte sich aber gerade noch zurück, weil er letztlich ein freundlicher Mensch ist. Und merkt dann in gewohnt scharfem Ton an: «Wir werden aus der EU austreten, auch wenn euch das nicht passt.»

Sein Vater, fügt er hinzu, sei Veteran im Zweiten Weltkrieg gewesen, habe im Juni 1944, am D-Day, in der Normandie gekämpft. «Mein Vater hat mich gelehrt, nie aufzugeben. Und ich gebe nie auf.»

«Theresa May wird bald schon nicht mehr da sein. Verlassen Sie sich drauf.»Mark Francois, Vizechef der European Research Group

Vielleicht ist das schon alles, was man über den Vizechef der European Research Group (ERG) wissen muss – jener Gruppe, die sich in den Neunzigerjahren als Club im Club gründete, als europaskeptische Formation in der konservativen Partei: «Ich gebe nie auf.» Die ERG besteht aus ein paar Dutzend Abgeordneten, die May und ihren Deal ablehnen, weil sie finden, das sei gar kein Brexit. Zu weich, zu viele Konzessionen. Dafür hätten die Briten nicht gestimmt, damals im Referendum von 2016.

Nun kann zwar niemand genau wissen, wofür die Briten damals votiert haben, denn die Frage auf dem Stimmzettel lautete schlicht: «Sollte das Vereinigte Königreich Mitglied der EU bleiben oder austreten?», und dann konnte man abstimmen: Remain oder Leave. Da stand nichts von Zollunion oder No Deal, von weich oder hart, da stand auch nichts von einer besonderen Sorgfaltspflicht für das von einem langen Bürgerkrieg geplagte Nordirland oder von einer Sonderrolle für Schottland, dessen Regierung dieses Referendum für einen gefährlichen Unfug hielt.

Und doch inszeniert sich die ERG seit vielen Monaten als jene Kraft des wahren Glaubens, die den falschen Brexit verhindern und den richtigen, den harten, den endgültigen Brexit erzwingen will. Lieber raus mit Macht, im Zweifel ohne Vertrag: Grossbritannien ist gross, es ist stark, es hat Freunde, und es darf, muss, kann «nicht weiter unterdrückt werden von einem fremden Superstaat».

«Sie hört ja nie zu»

Die Gruppe argumentiert damit, dass 72 Prozent der Tory-Mitglieder für einen Austritt ohne Deal seien (was zu beweisen wäre) und dass, hätte May auf die eigenen Leute gehört, das Königreich sich selbst am 29. März erhobenen Hauptes in die Freiheit entlassen hätte. «Aber sie hört ja nie zu.»

Wer vor Unruhen warnt, vor Versorgungsengpässen, vor Jobverlust und Verlust von internationalem Einfluss, ist in den Augen der Brexiteers ein Propagandist von «Project Fear», ein Angstmacher. Zweimal sagte die ERG daher geschlossen Nein zum Austrittsvertrag. Und fast geschlossen tat sie das auch beim dritten Mal.

Aber eben nur fast. Unter denen, die einknickten, war Jacob Rees-Mogg, Chef der ERG. Der erklärte, er fürchte, wenn der Deal ganz kippe, werde es lange keinen Brexit geben. Mays erste Niederlage im Unterhaus, die sie im Januar mit der höchsten jemals von einer Regierung erlittenen Abfuhr ereilte, hatte die ERG noch mit Champagner gefeiert. Nach dem dritten Durchlauf war Rees-Mogg plötzlich nicht mehr der Posterboy der ERG mit Oxford-Diktion, Millionen auf dem Konto, alter Villa, Hauspersonal und einem Sohn im Anzug. Er war plötzlich ein Weichei, in den Augen seiner Hintersassen. Rees-Mogg wusste, dass er als Verräter gebrandmarkt werden würde, als er erklärte: «Ich dachte immer, No Deal ist besser als Mays Deal. Aber Mays Deal ist besser, als wenn wir gar nicht gehen würden.»

Seitdem sind Männer wie Mark Gino Francois – Sohn eines Ingenieurs, aufgewachsen in London zwischen Pubs und Sozialwohnungen, Absolvent einer staatlichen Schule – die neuen Helden der beinharten Leave-Fraktion in der Partei und im Land.

Jetzt, da Kommunalwahlen anstehen und sogar die Teilnahme an der verhassten Europawahl, jetzt, wo das Ergebnis am 23. Mai ein Desaster für die Konservativen werden dürfte und die Parteimitglieder an der Basis reihenweise den Wahlkampf für May und ihren «miserablen Deal» verweigern, wittern Männer wie Francois Morgenluft.

Echte und Möchtegern-Soldaten

Mark Francois hat wenig Charme, aber viel Energie, und wenn er beim Sprechen die Brust rausstreckt, als wolle er Masse machen, indem er sich aufpumpt, dann kann einem zarten Gemüt schon mal mulmig werden. Und einem Remainer auch. «17,4 Millionen Menschen haben für Leave gestimmt», sagt er, und sein Gesicht läuft rot an. «Wir werden für sie den Brexit erkämpfen, so oder so.» Und Theresa May, die Zögerliche? «Sie wird bald schon nicht mehr da sein. Verlassen Sie sich drauf.»

Vielleicht ist dieser Ton gar nicht so wunderlich. Die zweite Reihe der Truppe, die seit einem Jahr die Regierung und May in Geiselhaft hält, hat eine enge Beziehung zum Militär. Es sind echte Soldaten oder Möchtegern-Soldaten. Und manchmal auch nur solche, die sich gern eines soldatischen Tons befleissigen, weil das entschlossener klingt.

Francois hat einen Masterabschluss in Kriegsstudien vom King’s College und hat als Unter-Staatssekretär im Verteidigungsministerium gearbeitet. Vielleicht ist der 53-jährige, bullige Mann mit der dicken Brille bei den eigenen Leuten deshalb so populär, weil er weniger elitär ist als Jacob Rees-Mogg, weniger eitel als der ehemalige Tory-Chef Iain Duncan Smith, weniger narzisstisch als einige Minister, die der kleinen, aber eminent mächtigen Gruppe angehören. Und weil er nicht aufgibt.

Sein Wahlkreis ist Rayleigh und Wickford, etwa 100 Kilometer östlich von London. Die ganze Kleinstadt atmet versteckte Armut, die elegantesten Shops auf der Haupteinkaufsstrasse sehen so aus wie ein Secondhand-Outlet in einem reichen Londoner Vorort. 68 Prozent haben hier für den Austritt gestimmt, weit mehr als der Durchschnitt.

Keine Kooperation

In Francois’ Wahlkreisbüro, einem engen Verschlag in einer Seitenstrasse von Rayleigh, residiert Mitarbeiterin Nadia Jaquin, die ihren Chef schon länger nicht gesehen hat. Gerade ruft wieder ein begeisterter Leaver an, der dem Hardliner seine Unterstützung anbieten will, Jaquin verweist ihn nach London. Westminster. Parlament. Die ERG in der Hauptstadt hat auch in den Osterferien durchgearbeitet, denn der Brexit wartet, May ist immer noch da, und der Feind in Brüssel schläft nicht.

Und dann ist da ja noch ein weiterer Gegner, der von der Etappe wieder vorgerückt ist in Angriffsformation: Nigel Farage, Mit-Erfinder des Brexit, die EU hassender EU-Parlamentarier, Ex-Chef der Austrittspartei Ukip, jetzt Chef der Neopartei The Brexit Party und in Umfragen für die Europawahlen schon wieder ganz gross.

Francois hat hier und da sogar mit Farage kollaboriert. Aber er will seine eigene Show. Die ERG will ihre eigene Show. Die Brexiteers, die Theresa May ablösen und ihr nachfolgen wollen, halten an ihrer eigenen Inszenierung fest. «Wir brauchen keine Ukip-Party, keine Brexit-Party, wir müssen nicht mit denen kooperieren», sagt Francois, er bellt es eher, «wir werden diesen Sieg selbst einfahren.»

Wie sie das erreichen wollen, wo doch jetzt der Brexit auf die lange Bank geschoben ist, wo May immer noch im Amt ist, und Remain im Aufschwung? Sogar ein zweites Referendum über die EU-Mitgliedschaft wird immer wahrscheinlicher. Der kleine Mann mit dem grossen Plan ist fassungslos über eine so blöde Frage. «Glauben Sie etwa, ich verrate Ihnen unsere Taktik?»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 25.04.2019, 14:39 Uhr

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