Der Schmetterling zuckt mit den Flügeln

Vor der historischen Abstimmung des Parlaments ist die britische Gesellschaft gefährlich tief gespalten.

Noch vermag niemand zu sagen, wie das Drama endet, jenseits des Traums: Ein Brexit-Gegner vor einer Kundgebung in London im Oktober. Foto: Simon Dawson (Reuters)

Noch vermag niemand zu sagen, wie das Drama endet, jenseits des Traums: Ein Brexit-Gegner vor einer Kundgebung in London im Oktober. Foto: Simon Dawson (Reuters)

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In der Woche vorm Brexit-Referendum, im Juni 2016, erschien die britische Zeitschrift «Spectator» mit einem Schmetterling auf der Titelseite. Das Insekt entfaltete seine Flügel in den Farben des Union Jack. Es erhob sich aus einem würfelähnlichen Kokon, dessen auseinanderfallende Seitenwände das Blau der EU und deren Sterne zierten. «Out», schwärmte das Blatt, «and into the world.» Raus aus der EU, auf zu fernen Gefilden: Die Botschaft des für Brexit werbenden «Spectator» war jedermann klar zu jener Zeit. Die lästige Hülle der Union sollte der Schmetterling abstreifen, um sich in der weiten Welt neuer Ungebundenheit zu erfreuen.

Es war eine Vorstellung, die viele Briten ansprach – zusammen mit der genialen Losung «Take Back Control», ihr sollt wieder über alles selbst bestimmen. Bekanntermassen siegten die Brexiteers ja dann auch beim Referendum, wenn auch nur knapp, mit 52 zu 48 Prozent. Zweieinhalb Jahre später aber zuckt das hübsche Sinnbild neuer Zuversicht nur noch matt mit den Flügeln. Statt in der erträumten Freiheit landete der beschwingte Traum in einer Welt harscher Realitäten, im taghellen Licht der Ernüchterung.

In der Tat droht, was Brexit-Promoter Boris Johnson seinen Landsleuten seinerzeit in schillernden Farben ausmalte, in diesem Winter für die Briten zu einem regelrechten Albtraum zu werden – falls sich ihre politischen Repräsentanten weiter auf nichts einigen können und die Nation im März «über die Klippen springt». Nicht nur plant die Regierung, für den Fall der Fälle Nahrungsmittel zu horten, Medikamente in Chartermaschinen einzufliegen, spezielle Polizeieinheiten zur Aufrechterhaltung der Ordnung in Englands Strassen abzustellen und zum Schutz von Tankstellen reguläre Truppen aufzubieten.

Neue Ufer ausgeguckt

Von allen angesehenen Ökonomen und Finanzexperten des Landes haben sich die Briten auch sagen lassen müssen, dass jede Form von Brexit sie kurz- wie langfristig ein Vermögen kosten würde. Banken und Grosskonzerne haben aufgehört, über mögliche Gefahren zu lamentieren. Sie haben sich längst neue, profitable Ufer jenseits der Britischen Inseln ausgeguckt. Auch Abgeordnete, die bisher betreten schwiegen, zeigen sich jetzt alarmiert. Auch sie wissen, dass beim Referendum von 2016 niemand dafür gestimmt hat, ärmer zu werden – geschweige denn dafür, zu einem nationalen Notstand zu erwachen. Diplomaten raufen sich die Haare, weil ihr Land schon jetzt international an Ansehen und Einfluss eingebüsst hat, statt, wie versprochen, wieder «das grosse» Britannien zu werden, das es einmal war.

Visionen von neuer Grösse spielten eine wichtige Rolle, als die Brexiteers 2016 zur Abkoppelung von der EU riefen. Eine Rückkehr zu den stolzen Freibeutertagen der elisabethanischen Ära verhiessen Politiker wie Johnson einer Wählerschaft, die der «Brüsseler Bürokraten», europäischer Integration und zugewanderter polnischer Handwerker müde war. Nostalgie verfing vor allem bei älteren und konservativen Wählern. Was den Brexiteers überdies half, war die Tatsache, dass seit Ted Heaths Zeiten kaum je eine britische Regierung der Inselbevölkerung Vorzüge britischer EU-Mitgliedschaft auseinandergesetzt hat.

Zwischen der Metropole und der Provinz liegen  Welten. Alt und Jung trennt eine Kluft.

Der Begriff Europa war fast immer negativ besetzt. Er stand für politische Bevormundung, fremdländische Arroganz, unbegreifliche Sprachen, lästige Direktiven. «Europa» war schuld an allem, was schieflief im eigenen Land. Eine hochpolitisierte Rechtspresse, wie sie kein anderes westeuropäisches Land kennt, hielt diese Vorstellung Tag für Tag am Leben. Boris Johnson selbst diente dieser Presse ja mal als Brüsseler Berichterstatter – und als unermüdlicher Fake-News-Produzent jener Zeit. Als dann kurz vorm Referendum Flüchtlings- und Migrantenströme sich nach Europa ergossen, fiel es den Brexiteers leicht, interne Frustration auf ein externes Ziel zu lenken. Und an Frustration fehlte es in jenen Tagen keineswegs.

Taub für die Klagen

Vielerorts brodelte Zorn gegen die eigene politische Elite. Schliesslich hatte diese Elite dem Land harsche Austerität und ein immer krasseres soziales Gefälle beschert. Ausgerechnet Eton-Zögling David Cameron, taub für die Klagen der Bedürftigen im Land, trat beim Referendum als Anwalt der Pro-EU-Seite an.

Seit dem Referendum ist in Grossbritannien viel darüber diskutiert worden, warum vor allem die benachteiligten Regionen des Landes für Brexit stimmten. Globalisierung, kontinuierlicher Abbau der Industrie, Kreditkrise, Rezession und Camerons martialische Kürzung öffentlicher Mittel stellten die Weichen für das, was 2016 geschah. Bezeichnenderweise lässt das Verlangen nach Trennung von der EU in den ärmsten britischen Regionen auch jetzt, zu Beginn 2019, nur zögernd nach – obwohl sich längst abzeichnet, dass diese Regionen mehr als andere unterm Brexit leiden werden, wenn es denn so weit kommt. Erst in jüngster Zeit sind einzelnen Brexit-Wählern, vor allem in Labour-Wahlkreisen, Bedenken gekommen. Dass ihre Entscheidung solche Konsequenzen haben könnte, wie sie sich nun abzeichnen, hatte ihnen kein Brexiteer gesagt.

Hoffen auf die proeuropäische Jugend

Manche, die für Brexit stimmten, haben sich seither auch nicht des Gefühls erwehren können, dass prominente Brexit-Hard­liner den Ausstieg aus der EU für ihren eigenen Feldzug gegen Steuern und Sozialstaat, gegen Umweltbestimmungen und Arbeitsschutz zu nutzen suchten. Denn die härteste Fraktion der Brexit-Bannerträger rekrutiert sich bis heute aus Thatcheristen und Verfechtern freier Marktwirtschaft, für die Brexit nur ein Vehikel war. Diese Politiker der Tory-Rechten hofften mit der Abkoppelung von der EU ihre eigene Wirtschaftsideologie leichter durchzusetzen. Für sie sollte Brexitannien «das neue Singapur» vor den Küsten Europas werden: ein Billiglohnland, ein Magnet fürs grosse Geld aus aller Welt.

Auf desillusionierte Brexit-Wähler ebenso wie auf die ins Wählerregister nachrückende proeuropäische Jugend baut jedenfalls, wer dieser Tage auf ein zweites Referendum hofft in Grossbritannien. Auch ein neues Referendum, um das vielleicht bald schon kein Weg mehr herumführt, würde allerdings die Klüfte nicht schliessen im Land.

Nichts ist unberührt

Denn gefährlich tief ist die britische Gesellschaft gespalten. Urbane, international geprägte, florierende Gebiete stehen den ländlichen und vernachlässigten Regionen, den alten Industriezonen, den sterbenden Seebädern gegenüber, in denen die Abneigung gegen die EU sich hartnäckiger als anderswo hält. Überall zeigt sich die Spaltung. Zwischen der Metropole und der Provinz liegen Welten. Alt und Jung, Hauseigentümer und Besitzlose trennt eine Kluft.

Im gegenwärtigen Chaos und in der überstürzten Abfolge der politischen Ereignisse ist kaum abzuschätzen, in welchem Mass der Brexit die britische Gesellschaft, die Institutionen des Landes und den Zusammenhalt seiner Teile schon jetzt verändert hat. Nichts ist von den jüngsten dramatischen Umbrüchen unberührt geblieben. Und noch vermag niemand zu sagen, wie das Drama endet, jenseits des Traums.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 13.01.2019, 19:55 Uhr

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