Sie entscheidet diese Woche über das Schicksal von Johnson

Brenda Hale ist nicht nur Präsident des Supreme Court von Grossbritannien, sondern auch Feministin und Baroness.

Die Juristin Brenda Hale ist Präsidentin des Supreme Court von Grossbritannien und wird diese Woche ein Urteil über Boris Johnson fällen. Foto: Alamy Stock Photo

Die Juristin Brenda Hale ist Präsidentin des Supreme Court von Grossbritannien und wird diese Woche ein Urteil über Boris Johnson fällen. Foto: Alamy Stock Photo

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Lady Hale ist mit 74 Jahren die älteste unter den Richtern, die seit Dienstag ihre Tage im Hauptsitzungssaal des Supreme Courts verbringen, den Berühmtesten ihres Fachs zuhören – und diese Woche ein historisches Urteil fällen werden. Eigentlich war das höchste Gericht des Landes noch in der Sommerpause gewesen. Aber der Fall, den es zu verhandeln gilt, wurde als so wichtig angesehen, dass Hale die Kollegen vorzeitig einbestellte. Schliesslich geht es im Kern um die Frage: Darf der Premierminister das Parlament wochenlang in eine Zwangspause schicken? Und darf er das Unterhaus ausschalten, weil es womöglich seine Pläne stört?

Hale sitzt mit gleich zehn Kollegen in der Verhandlung. Das sind ungewöhnlich viele, was ebenfalls davon zeugt, dass der Supreme Court dem Fall grundsätzliche Bedeutung beimisst: Ein Gremium aus elf Richtern hatte über die Klage der Unternehmerin Gina Miller nach dem Referendum 2016 beraten. Miller hatte gefordert, das Parlament, und nicht die Regierung, müsse das Recht haben, den Brexit-Prozess in Gang zu setzen und dabei massgeblich mitzureden. Sie bekam recht. Ein Omen?

Ein Mal hörte man ihre Meinung zum Brexit

Brenda Hale steht dem Gericht mit Geduld und Charme vor, sie lächelt viel, verteilt freundliche Rügen bei Zeitüberschreitungen der Redner, schaufelt ihre Stifte und ihre Papiere hin und her, als räume sie daheim den Schreibtisch auf – aber was sie denkt, zu welcher Position sie in diesem aufsehenerregenden Fall neigt, das weiss niemand.

Ein einziges Mal hat Brenda Hale, die 2004 als Baroness Hale of Richmond ins Oberhaus des britischen Parlaments eingezogen war, ihre Meinung zum Brexit-Prozess ausgesprochen: Das Referendum von 2016, so die Lehrertochter aus Leeds, sei als Volksabstimmung nicht «rechtlich bindend» gewesen. Eigentlich ein bekanntes Faktum – aber weil sie es betonte, wurde es als Hinweis gewertet, dass Hale dem Ergebnis, dem Brexit, kritisch gegenübersteht.

Das ganze Land schaut staunend auf die Dame, die womöglich das Geschick des Premierministers in der Hand hat.

Sie hat jahrelang in Teilzeit als Anwältin gearbeitet, weil sie nebenher an der Universität Manchester Recht lehrte. Als sie sich ihrer Arbeit als Richterin schliesslich in Vollzeit widmete, ging es mit ihrer Karriere steil bergauf: erste und jüngste Frau in einer Kommission, die wichtige Reformen im Familienrecht kontrolliert, dann eine von zwei Frauen am ­höchsten Berufungsgericht, Mitglied des wichtigen Privy Council, eines Beratungsgremiums der Queen.

Rockstar der Branche

Im Januar wird sie in den Ruhestand gehen, dann wird sie zwei Jahre lang Chefin des Gerichts gewesen sein – auch das, natürlich, als erste Frau.

Muss man erwähnen, dass Hale eine glühende Feministin ist und das Anliegen auch offen vertritt? Und dass das ganze Land derzeit staunend auf die zugleich zarte und mächtige Dame schaut, die womöglich das Geschick des Premierministers in der Hand hat?

Kolleginnen schreiben ihr einen Rockstar-Status in der Branche zu – was sich in ihrem Verhalten jedoch nicht spiegelt. Lady Hale gilt als hart in der Sache, aber auch als warm, bescheiden und fleissig. Eine kleine Ablenkung vom Alltag, über die sie selbst lächelt, hat sie sich aber doch geleistet: Sie hat 2018 in der Jury einer Kochshow gesessen und einen Preis für gutes Essen vergeben.

Erstellt: 22.09.2019, 21:09 Uhr

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