Die Boris-Johnson-Show

Dass Boris Johnson die Wahl in Grossbritannien gewinnt, gilt als sicher. Eng und peinlich aber könnte es in seinem Wahlkreis im Westen Londons werden.

Wie ein Phantom taucht Premierminister Boris Johnson manchmal in seinem Wahlkreis auf, mit seinem Vater im Schlepptau. Foto: Andrew Parsons (Reuters)

Wie ein Phantom taucht Premierminister Boris Johnson manchmal in seinem Wahlkreis auf, mit seinem Vater im Schlepptau. Foto: Andrew Parsons (Reuters)

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Ali Milani trägt einen langen schwarzen Mantel und, weil es bitterkalt ist, einen Pullover darunter. Aus der Ferne sieht er aus wie ein breiter, dunkler Kasten. Das kann hinderlich sein in einem Wahlkampf, der vor allem im Dunkeln an Haustüren ausgetragen wird. In den kleinen Seitenstrassen von Uxbridge machen die Leute ungern Türen auf, wenn sich draussen bei spärlicher Beleuchtung Menschen auf Gehwegen herumtreiben und in Vorgärten eindringen. Erst neulich hat es zwei Messerstechereien gegeben. Die Anwohner wollen mehr Polizei, nicht mehr Fremde.

Milani ist ein «boy from the hood», ernst, ruppig, Typ grosser Bruder, der früh Verantwortung in der Familie übernehmen musste. Er ist das Gegenmodell zu den charmanten, erfolgsverwöhnten Männern aus Eton, Oxford und Cambridge, aus Establishment und Oberklasse, die bis heute die Politik in Westminster und Whitehall dominieren. Milani ist, weil er von unten kommt, die Hoffnung der Linken. Er soll es den Tories zeigen.

Ali Milani, der Herausforderer Boris Johnsons in Uxbridge. Foto: PD

Der Wahlkreis Uxbridge und South Ruislip, in der Einflugschneise des Flughafens Heathrow, ist kein leichtes Pflaster für Labour. Der 25-jährige Milani steht häufig vor geschlossenen Türen. Seit 2015 ist hier jener Mann der Kandidat der Tories, der mittlerweile Premierminister ist: Boris Johnson. In lokalen Umfragen liegt er 16 Prozentpunkte vor Labour. Viele Wähler finden es praktisch, einen Premier als Wahlkreisvertreter zu haben. Oder sie finden den Brexit gut.

Johnson ist allerdings fast nie in Uxbridge, um zu konkreten Themen und Fragen Stellung zu nehmen. «Der wird immer nur kurz eingeflogen», lästert Milani, «der wollte nur ein sicheres Mandat.» Wer in der Tory-Geschäftsstelle nachfragt, wann der lokale Parlamentsabgeordnete vorbeikommt, endet an der Gegensprechanlage. Wer vom konservativen Hauptquartier wissen will, wann Johnson kommt, verbleibt ohne Antwort.

Wahlkampf mit Hunderudel

Johnsons Freundin Carrie Symonds, die mit dem Premier in Downing Street lebt und als passionierte Tierschützerin gilt, soll mit einem Rudel Hunde in Ux­bridge unterwegs gewesen sein und für die Tories Wahlkampf gemacht haben. Johnson zeigt sich sehr selten. Wie ein Phantom taucht er dann plötzlich kurz an einem Samstag im Zentrum von Ux­bridge auf. Er klingelt an ein paar Türen, macht Selfies mit Fans. Kandidat Johnson hat seinen fast ebenso prominenten Vater Stanley im Schlepptau, in der Bevölkerung bestens bekannt seit seiner Teilnahme an der britischen Version des «Dschungelcamps». Johnson ruft «Let’s get Brexit done» und lacht viel. Der Auftritt des Kandidaten gleicht eher einer Show als einem Wahlkampf.

Vielleicht würde es Ali Milani helfen, wenn er auch mehr Show machen und mal mehr lachen würde. Mehr Pep, heisst es, müsste er haben, wie Rapper Stormzy. Der hatte beim legendären Musik­festival in Glastonbury Ende Juni einen Song mit einer rüden Textzeile angestimmt, Hunderttausende hatten mitgebrüllt: «Fuck Boris.»

Aber Labour ist in der Wählergunst weit abgeschlagen. Seit Dienstagabend, als Parteichef Jeremy Corbyn in einem BBC-Interview regelrecht zerlegt wurde, sind die Chancen für die Linke landesweit noch weiter gesunken. Milani rechnet sich trotzdem Chancen aus; er will optimistisch bleiben. Johnson lag 2017, bei der letzten Wahl, noch 5034 Stimmen vor dem damaligen Labour-Kandidaten. Johnsons Vorgänger hatte einen mehr als doppelt so grossen Vorsprung gehabt. Seit Johnson vor zwei Jahren viele Stimmen eingebüsst hat, fürchten die Tories, dass es diesmal noch peinlicher werden könnte. In der Tory-Zentrale wird das Mandat Ux­bridge als «unsicher» geführt.

Seit Johnson vor zwei Jahren in Uxbridge viele Stimmen eingebüsst hat, hofft Labour
auf ein Wunder.

Um den Wahlkreis ist daher ein Hype ausgebrochen. «Unseat Boris» heisst das Gemeinschaftsprojekt. Neben Labour haben sich Jugendgruppen, Polit-Kollektive und lokale Initiativen der Sache verschrieben, und wer weiss, sagt Ali Milani: «Wenn ich gewinne, wäre Johnson der erste Premierminister seit Arthur Balfour 1906, der seinen Sitz im Abgeordnetenhaus verliert.» Der Premier müsste sich dann, wollte er nicht zurücktreten, selbst zum Peer machen und aus dem House of Lords die Regierungsgeschäfte führen.

Wenn das gelänge, wäre es eine Sensation, die den erwarteten Sieg der Tories überschatten würde. Milani sagt: «Dass Boris mein Gegner ist – und alles, wofür er steht –, ist eine grossartige Botschaft. Man stelle sich vor, einer wie ich könnte einen wie ihn aus dem Rennen werfen.» Johnson sei nicht der Grund, warum er kandidiere, er wollte schon in die Politik, als Theresa May noch Premierministerin war.

Boris «nach Hause schicken»

In Grossbritannien muss sich jeder Wähler anmelden; vor allem junge Leute und Angehörige von Minderheiten tun das seltener als Gebildete, Ältere, Weisse. Zwar stimmten 2016 drei Viertel der unter 25-Jährigen für Remain. Aber es gingen nur 64 Prozent der Jungen zur Abstimmung, im Gegensatz zu fast 90 Prozent der über 65-Jährigen. Viele haben das bereut.

Als am Dienstag die Wählerlisten geschlossen wurden, hatten sich 2,8 Millionen Menschen neu eintragen lassen – mehr als doppelt so viele wie vor der Wahl 2017. Zwei Drittel von ihnen waren unter 35. Sie wollen Boris «nach Hause schicken», das hat sich die Gruppe um Rosa Caradonna geschworen. Klimaschützer, Sozialisten, Jugendclubs und Antifaschisten haben sich angeschlossen, eine Koalition der Johnson-Hasser, sie alle setzen diesmal darauf, dass die Jugend die Sache dreht. Die Aktion «Youth Can», die mit dem Slogan wirbt «Lasst euch registrieren, werft Boris raus und ändert eure Zukunft», hat das für den Wahlkreis von Johnson und Milani ausgerechnet: 3000 Teenager seien seit der letzten Wahl volljährig geworden, 1500 Bürger seien gestorben. Das Verhältnis von Jungen zu Alten verändere sich zugunsten von Labour.

Johnson kennen auch die Kids

Die schwarzen Kids auf den Strassen von Uxbridge haben Milanis Namen nie gehört. Aber Johnson kennen sie. Einer erklärt, er tendiere eh zu einem gewissen Count Binface. Auch das gehört zum britischen Wahlkampf: Spasskandidaten. Count Binface, selbst ernannter «unabhängiger Krieger aus dem All», mit bürgerlichem Namen Jon Harvey, hatte 2017 schon Theresa May in ihrem Wahlkreis herausgefordert. Damals kandidierte er noch als Lord Buckethead und bekam immerhin 249 Stimmen.

Diesmal hat ihm ein anderer Besucher aus dem Weltall seinen Künstlernamen geklaut; der kandidiert jetzt als neuer Lord Buckethead für die Official Monster Raving Loony Party. Bucket­head und Binface präsentieren sich in selbst gebastelten Ritterrüstungen, reklamieren die Herrschaft über das Weltall und Westlondon, aber sie haben starke Konkurrenz: von Yace Yogenstein, der sich ebenfalls als interplanetarischer Politiker ins Rennen geworfen hat, und vom Vertreter der Väterpartei, der in einem Sesamstrassenkostüm auftritt.

Auf dem Campus finden sie das lustig. Ali Milani hingegen findet das super ärgerlich. Ihm könnten am Ende ein paar Hundert Stimmen fehlen. Zumal die Tories zwar nur selten ihren Premier schicken, aber dafür sehr viel Geld in die örtliche Kampagne stecken. Ein auffällig grosser Teil davon geht an Plattformen wie Instagram und Snapchat, die vor allem Jüngere nutzen.

Boris Johnson selbst hat, wie gewohnt mit Witz und Arroganz, längst seine Antwort an alle formuliert, die wie Rapper Stormzy «Fuck Boris» skandieren. «Guter alter Stormzy», sagte Johnson bei einer Bürgerbefragung im nordenglischen Carlisle. Er sei ein «enthusiastischer Fan des Künstlers» und wolle ihm danken. Schliesslich habe der Rapper in Glastonbury nicht «Fuck Boris» intoniert, sondern «Back Boris»: Unterstützt Boris. Die ganze Kampagne, die aus dem Auftritt entstanden sei, basiere auf einem schlichten Hörfehler.

Erstellt: 28.11.2019, 22:27 Uhr

Tories im Umfragehoch

In Grossbritannien wächst die Erwartung, dass die Konservativen unter Boris Johnson am 12. Dezember einen triumphalen Wahlsieg erringen. Eine Meinungsumfrage unter mehr als 100'000 Wählern prophezeit Johnson eine klare Mehrheit und der Labour-Opposition eines der schlechtesten Ergebnisse in der Nachkriegsgeschichte. Laut dem Institut YouGov kann die Konservative Partei mit 359 Sitzen rechnen. Schon mit 320 Sitzen würde sie eine arbeitsfähige Mehrheit im Unterhaus bilden. Labour kann hingegen nur 211 Sitze erwarten. YouGov hat mit einer ähnlichen Umfrage das Ergebnis der letzten Unterhauswahlen von 2017 recht genau vorausgesagt. Allerdings warnt das Institut, dass in vielen Wahlkreisen das Ergebnis sehr knapp sein könnte. (P.N.)

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