England – eine persönliche Abrechnung

Unser schottischer Autor liebt Grossbritannien. Umso mehr staunt er über dieses Land, das nicht merkt, wie es von den eigenen Eliten geplündert wird.

Wenn alte Privilegien schwinden, gewinnen angeblich starke Führer an Zuspruch. Boris Johnson nutzte unter anderem Fake News, um den Brexit herbeizureden. Foto: Peter Nicholls, Reuters

Wenn alte Privilegien schwinden, gewinnen angeblich starke Führer an Zuspruch. Boris Johnson nutzte unter anderem Fake News, um den Brexit herbeizureden. Foto: Peter Nicholls, Reuters

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Gerade habe ich mit der Ambulanz der Royal Infirmary in Edinburgh telefoniert, wo ich regelmässig wegen einer Schlafstörung in Behandlung bin. Die Termine wahrzunehmen ist kein Kinderspiel: Die monatliche Anreise dauert fünf Stunden mit Taxi, Bahn und Bus (wegen meiner Erkrankung kann ich nicht Auto fahren), und das Ganze kostet mich umgerechnet 120 Euro. Praktisch verliere ich auch noch einen Arbeitstag; kurz gesagt, ein teurer Spass. Aber heute habe ich angerufen, weil ich meinen Termin aus wichtigen beruflichen Gründen kurzfristig verschieben muss, und die Frau am Telefon war nicht glücklich darüber.

Ich habe sie gefragt, ob sie eine andere Möglichkeit sieht, als im Morgengrauen 200 Kilometer anzureisen wegen eines Termins, der wahrscheinlich reine Routine ist, und sie hat mir erklärt, dass es keine Alternative gibt und Patienten aus ganz Schottland kommen. Aus Aberdeen, sagte sie. Von den abgelegenen Inseln. Ich nickte mitfühlend (eine müssige Geste am Telefon) und gab auf.

Ich verstehe ja, dass ich ein Problem für sie bin, genau wie das mangelhafte ambulante Versorgungssystem ein Problem für mich ist, mit seinen Kosten und Umständen, und gleichzeitig denke ich, dass ich noch zu den Glücklichen gehöre. Ich bin zwar nicht reich, aber wenigstens kann ich mir die Anreise leisten. Viele andere können das nicht.

In all diesen Bereichen, vom Hörsaal zum Bahnhof, vom OP zur Kanalisation, hat Geld über Qualität gesiegt.

Ich erwähne diese banale Anekdote aus einem schlichten Grund, den jeder kennt, der auf staatliche Dienste oder inzwischen privatisierte Dienste angewiesen ist (Gesundheit und Verkehr, aber auch Energie und Wasser, Verwaltung, Bildung und Recht).

Jahrzehntelang hat man den National Health Service (NHS) am langen Arm verhungern lassen und zwingt unterbezahlte Mitarbeiter zu überlangen Schichten an vorderster Front, während die lukrativeren Sparten des Verkehrswesens zu Schleuderpreisen verscherbelt und von service- zu profitorientierten Unternehmen umgebaut wurden. Wasser, Gas, Strom, Gefängnisse (die Liste ist lang) sind in die Hände von Bilanzexperten gewandert, die ihrer gesetzlichen Verpflichtung nachkommen, alles zu tun, um die Dividenden der Aktionäre zu maximieren (eine zweifelhafte Auflage in diesem Kontext nach dem grossen Ausverkauf der Staatsunternehmen unter Margaret Thatcher in den Achtzigern).

Das grossartige Bildungssystem, das wir einst angestrebt haben, in dem Potenzial erkannt und Leistung belohnt wurde, ist zum schäbigsten aller Geschäftsmodelle verkommen, bei dem Studierende für alles bezahlen und dafür Leistung erwarten. In all diesen Bereichen, vom Hörsaal zum Bahnhof, vom OP zur Kanalisation, hat Geld über Qualität gesiegt.

Nur ein Hindernis blieb: die Regulierung. Trotz des beispiellosen Abbaus von Schutzklauseln und Umweltnormen in den Achtzigerjahren hatten gewisse Leute noch nicht genug – und wenn es ein Organ gab, das der weiteren Deregulierung im Weg stand, dann die Europäische Union. Was natürlich niemand laut sagen konnte. Stattdessen wurde ein Sündenbock gesucht, um das gemeine Volk vom Versagen unserer privatisierten Einrichtungen abzulenken: die gewaltige, gierige, aus dem Ruder gelaufene Brüsseler Bürokratie, die dem britischen Volk 350 Millionen Pfund pro Woche stahl, Millionen, die, wenn es nach dem «Leave»-Lager ginge, dem National Health Service zugutegekommen wären. Angeblich.

Kurz sah es so aus, als müsse sich Boris Johnson, der führende «Leave»-Architekt, wegen der falschen Behauptung vor Gericht verantworten, die er im Vorfeld des Referendums in riesigen Buchstaben auf einen roten Bus hatte kleben lassen: «Wir schicken der EU 350 Millionen Pfund pro Woche. Geben wir sie lieber dem NHS.» Das Statement, das in jeder Hinsicht Fake News war, hatte 2016 höchstwahrscheinlich Einfluss auf die Abstimmung. Doch das Gericht hat die Klage, die durch Crowdfunding finanziert worden war, nicht einmal zugelassen.

Unerschütterlichkeit, trockener Humor, Fairplay – das war, wofür England stand.

Insofern hat Johnson, der nach Theresa Mays ruhmlosem Zeitlupenabsturz als designierter Thronfolger gilt, trotz allem die Gelegenheit, sich in der Wertschätzung seiner Wähler zu suhlen, die, sei es aus Ignoranz oder intellektueller Apathie, in ihm den «starken Anführer» sehen, den Grossbritannien in Krisenzeiten braucht. Laut Umfragen liegt er im Rennen um die Führung weit vorn und geniesst sogar die Gunst des US-Präsidenten, der Johnson und seinen unangenehmen Kollegen Nigel Farage als «sehr gute Kerle» und «Freunde» bezeichnet. So oder so, die 350 Millionen Pfund pro Woche waren zu keinem Zeitpunkt wahr gewesen.

Na gut, könnten die Leaver argumentieren, aber der eigentliche Grund für die Abkehr von der EU sei der Wille des Volkes, das seine «Souveränität» zurückverlangt. Offen gesagt war mir nie ganz klar, was damit gemeint ist, auch wenn ich vermute, es hat irgendwie mit dem Wunsch zu tun, eine wesenhaft britische oder sogar englische Kultur zu bewahren. Immerhin ist die Kultur die Hüterin der Werte, nach denen wir handeln, oder wenigstens der Werte, nach denen wir trachten, und es gab eine Zeit in England, als diese Werte klar umrissen waren.

Unerschütterlichkeit, trockener Humor, Fairplay, Toleranz für Exzentrik und ein zuweilen misslicher Inselcharakter, der jedoch zu bewundernswerter Eigenständigkeit und philosophischem Skeptizismus führte – das war, wofür England stand. Das und das Land selbst, wie es Shakespeare in Johann von Gaunts berühmter Rede in «Richard II.» beschreibt:

Dies zweite Eden, halbe Paradies / Dies Bollwerk, das die Natur für sich erbaut / Der Ansteckung und Hand des Kriegs zu trotzen / Dies Volk des Segens, diese kleine Welt / Dies Kleinod, in die Silbersee gefasst .../ Der segensvolle Fleck, dies Reich, dies England.

Ich persönlich verliebte mich auf Anhieb in dies halbe Paradies, als meine Familie in den Sechzigerjahren aus Schottland in die industriell geprägten Midlands zog, und auch in seine Ideale, wie sie P. C. Wrens Romanheld Beau Geste mit dem programmatischen Namen verkörperte.

Der Vorläufer meiner vielen Helden war Captain Lawrence Oates von Scotts gescheiterter Südpolexpedition, dessen Tod, wie Scott ihn in seinem Tagebucheintrag aus dem März 1912 beschrieb, sich mir tief ins Herz geprägt hat: «Sollte dies Tagebuch gefunden werden, so bitte ich um die Bekanntgabe folgender Tatsachen ... Wochenlang hat Oates unaussprechliche Schmerzen klaglos ertragen und war doch bis zum letzten Augenblick fähig und willens, sich anderen Themen zu widmen ... er schlief vorletzte Nacht in der Hoffnung ein, nicht wieder zu erwachen; aber er erwachte am Morgen – gestern. Draussen tobte ein Schneesturm. Er sagte: ‹Ich gehe nur mal hinaus, es könnte etwas länger dauern.› Dann ging er in den Sturm – und wir haben ihn nie wiedergesehen.»

Das war Englishness für mich. Aber dieses England, dessen Werte mich so tief beeindruckten, ist immer für den Irrtum anfällig gewesen, die Kultur (und damit die Werte, für die sie steht) sei das natürliche Privileg einer (reichen, weissen, vorwiegend männlichen) Elite. T. S. Eliots Beiträge zum Begriff der Kultur etwa sind heute nur noch schwer zu lesen mit ihren Bezügen auf eine Elite als «Treuhänder» der höheren Werte und der Vorstellung, die «Funktion der oberen Kreise und Familien» sei die Bewahrung und Tradierung von Gruppenkultur und Umgangsformen.

Das war natürlich nur eine Seite der Medaille; in der Öffentlichkeit war die Forderung nach einer maskulinen Ethik, wie sie für den Erhalt eines Weltreichs nötig war, nicht auf die obere Klasse beschränkt; auch «einfache» Männer (und Frauen) konnten höhere Tugenden aufweisen, solange sie im Dienst des Reiches und seiner Herrscher standen, und die Hierarchien waren sorgfältig festgelegt, um sicherzustellen, dass, obwohl die Früchte nur wenige teilten, die Pflichten von allen getragen wurden.

Das Glück in diesem Land ist mit den Reichen, so wie es immer war.

Die Wahrheit, die hinter der gesellschaftlichen Hierarchie steckt, ist seit Langem für jeden, der näher hinsieht, durchschaubar, und inzwischen ist genauso klar, dass hinter dem Leave-Votum, aber auch hinter dem gefährlichen Rechtsruck der populären Politik in vielen Ländern der Welt, eine tief empfundene Entfremdung und Verbitterung unter weissen männlichen Wählern der Arbeiter- und unteren Mittelklasse stecken, die ihre Kultur und ihre Werte nachhaltig unterwandert, verunglimpft und verspottet sehen. Leider suchen sie die Schuld dafür nicht bei vermeintlich Höhergestellten, sondern schieben ihre Demütigung auf Einwanderung, Identitätspolitik und Feminismus.

Die Aufgabe, die sich heute stellt, ist, diesen Männern klarzumachen, dass die Illusion eines gemeinsamen Wertesystems – die Mär von der Schicksalsgemeinschaft der Briten – schon seit über hundert Jahren korrodiert und dass ihr heutiges Scheitern unvermeidbar ist, aber auch eine Chance, neue Wege der Englishness zu erfinden. Doch damit es so weit kommt, müssen wir uns neue gesellschaftliche Strukturen überlegen, Strukturen, in denen jene unrühmlichen «starken Anführer» keine Bühne haben und kein Versteck.

Das alte Privilegiensystem hält sich bis heute. Die herrschenden Klassen mögen manche ihrer früheren Ansprüche abgelegt haben, aber wie George Orwell 1946 schrieb: «England ist das klassenwahnsinnigste Land unter der Sonne. Es ist ein Land des Snobismus und der Privilegien, das vornehmlich von alten Narren regiert wird.» Viel hat sich nicht geändert. Auch wenn heute weniger Abgeordnete von Privatschulen kommen (der Anteil steigt mit dem Rang), ist das Glück in diesem Land mit den Reichen, so wie es immer war.

Um ein Beispiel zu nennen: Ein Fünftel der höchsten Agrarsubventionen gehen an Unternehmer, die auf der Times-Liste der 100 reichsten Briten stehen, und die glücklichen Empfänger teilen sich eine Summe von 11,2 Millionen Pfund, wie verschiedene unabhängige Beobachter übereinstimmend feststellen. Schuld ist nicht, wie häufig argumentiert wird, die EU; britische Grossgrundbesitzer plündern die Staatskasse seit Jahrzehnten, lange bevor die sogenannten EU-Subventionen zum Skandal wurden.

In der Zwischenzeit streiten sich die schlecht bezahlten Mitarbeiter des Gesundheitsdiensts mit frustrierten Patienten am Telefon herum, während britische Firmen auf die sinkenden Zahlen von Arbeitsmigranten reagieren, die bislang die «gefährlichen, schmutzigen und stumpfsinnigen» Jobs übernommen hatten, indem sie auf Roboter setzen.

Seitens der Arbeitgeber ist kein erhöhtes Interesse zu spüren, in die Verbesserung von Arbeitsbedingungen, Weiterbildung und Vergütung jener Britinnen und Briten zu investieren, die noch Arbeit haben, und wer meint, der Rückgewinn unserer «Souveränität» würde etwas daran ändern, ist entweder scheinheilig oder naiv.

Die Schmarotzer waren schon immer hier, haben Subventionen gemolken und Steuern vermieden.

Seit den Achtzigerjahren, als der Kampf gegen die Regulierung brachial wurde, war das Einzige, was die britischen Arbeiterinnen und Arbeiter und ihr Umfeld noch schützte, die Regulierung durch die EU. Von einer No-Deal-Regierung dürfen wir solche Nettigkeiten nicht erwarten; und wenn alles erst einmal schlimmer wird, bevor es irgendwann besser wird, werden meine Landsleute stattdessen zwangsläufig einsehen, dass es die Parasiten und Schmarotzer, die unserer Wirtschaft das Herzblut aussaugen, zwar wirklich gibt, aber sie kommen nicht aus Europa, den ehemaligen Kolonien oder anderen fernen Orten.

Sie waren schon immer hier, haben Subventionen gemolken, Steuern vermieden, Gesetze aus Eigeninteresse umgeschrieben und jeden echten Vorstoss von Regulierung und Umweltschutz mit aller Macht bekämpft. Vielleicht sind sie nicht mehr so alt und närrisch wie bei Orwell, doch ihre Missachtung der moralischen Werte und ihre Geringschätzung der Kultur sind unverändert. Und selbst wenn wir sie dank der neuesten Kommunikationstechnik fast täglich als Lügner, Schieber und Betrüger entlarven, segeln die meisten von ihnen weiter zu neuen erspriesslichen Ufern, unbehelligt von Gewissen und Gesetz.

An Lawrence Oates' Stelle wäre keiner dieser englischen Gentlemen zugunsten des Gemeinwohls in den Sturm hinausgegangen, auch wenn sie vielleicht aus PR-Gründen mit dem Gedanken gespielt hätten, einen Praktikanten zu schicken. Die Errungenschaft des Brexit ist, die Arroganz und die Verachtung gegenüber «britischen Werten» blosszustellen, welche die hiesige Klassengesellschaft auszeichnet, und den Apparat der Täuschung und Irreleitung, mit dessen Hilfe das einfache Volk seit Jahrhunderten dazu gebracht wird, ihren unrühmlichen Anführern mehr oder weniger blind zu folgen.

Jetzt wird es lange dauern, verkünden die Experten, bis die vielen Wunden verheilt sind, die der Brexit dem Land zufügt. Vielleicht ist unsere einzige Option, in Ermangelung eines Wunders, dafür Sorge zu tragen, dass das Freilegen unserer hässlichsten und tiefsten Wunden zu einer echten Heilung führt, statt in die nächste Falle zu tappen, die uns unsere selbsternannten Anführer stellen.

*John Burnside, geboren 1955 in Schottland, gehört zu den profiliertesten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. Der Lyriker und Romancier wurde vielfach ausgezeichnet und ist Professor für Kreatives Schreiben an University of St. Andrews in Schottland. Deutsch von Sophie Zeitz.

Erstellt: 26.06.2019, 21:19 Uhr

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