Enthüllen und abrechnen

Der britische Ex-Premier Gordon Brown verarbeitet in seiner Autobiografie manche Kränkung.

Wartete zehn Jahre, bis Tony Blair Platz machte: Gordon Brown. Foto: Will Oliver (Keystone, EPA)

Wartete zehn Jahre, bis Tony Blair Platz machte: Gordon Brown. Foto: Will Oliver (Keystone, EPA)

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Zehn Jahre ist es her, dass Gordon Brown britischer Premierminister wurde. Nun ist für den heute 66-Jährigen der richtige Zeitpunkt gekommen, einen halb zornigen Blick zurückzuwerfen. In seiner gestern veröffentlichten Autobiografie «My Life, Our Times» (Mein Leben, Unsere Zeiten) geht Labours Ex-Regierungschef noch einmal mit seinem alten Weggefährten und ewigen Rivalen Tony Blair ins Gericht. Brown versucht, sich vom Image des missmutigen Blair-Nachfolgers, des ewigen Schlusslichts der Labour-Ära zu befreien.

In der Tat verdient Brown es nicht, bloss als Verlierer dazustehen. Vor allem war er als Chefstratege «New Labours» zusammen mit Blair der Initiator jener Reformperiode britischer Politik, die die verkrusteten Verhältnisse einer 18-jährigen Tory-Herrschaft beherzt aufbrach.

Basis für das neue Grossbritannien

Blair als Premier und Brown als Schatzkanzler legten die Basis für ein modernisiertes und sozialeres Grossbritannien im neuen Jahrhundert. Sie führten den staatlichen Mindestlohn und die zivile Partnerschaft ein, reduzierten Kinderarmut und Rentnerelend und begannen, Arbeitslosigkeit abzubauen. Sie liessen Schulen und Krankenhäusern dringend nötige Gelder zukommen, kümmerten sich um die darbende Infrastruktur und unterstützten unterentwickelte Länder. Wales und Schottland verschafften sie ein gutes Mass an Autonomie. Vor allem führten sie, mit einem enormen politischen Kraftakt, Nordirland dem Frieden zu.

Dass diese Errungenschaften später alle der Blair-Ära zugeschrieben werden sollten, hat Gordon Brown freilich immer gewurmt. Eigentlich war er, bevor Labour 1997 die Konservativen an der Regierung ablöste, der erfahrenere, der gewichtigere Politiker gewesen. Wie der flinke, populärere Blair ihn auf dem Weg nach 10 Downing Street ausmanövrierte – diese alte, schmerzende Wunde liegt auch in Browns Memoiren wieder offen zutage.

Denn als Brown sich einverstanden erklärte, Blair den Vortritt zu lassen, glaubte er noch, dass ihm Blair im Laufe einer zweiten Legislatur­periode den höchsten Posten übergeben würde. Dem habe Blair zugestimmt, schreibt Brown in «My Life, Our Times», «weil Tony zeigen wollte, dass Labour, anders als die Tories unter Mrs Thatcher, keine Ein-Mann-Band, sondern eine Partnerschaft darstellte». Nach der getroffenen Absprache habe Tony «immer wieder und wieder das Wort Partnerschaft betont» – und ihm versichert, er freue sich schon darauf, sich bald mehr um seine Kinder kümmern zu können. Am Ende musste Brown zehn Jahre warten, bis er «dran» war. Und auch dann noch, im Jahr 2007, brauchte es enormen Druck, um Blair zum Abgang zu «bewegen».

Getäuscht fühlte sich Brown freilich auch von anderen. Als eine Entscheidung zur Irakinvasion anstand, berichtet er, habe das Pentagon offenbar über Geheimdienstberichte verfügt, die Saddam Hussein nicht als Gefahr für den Westen betrachteten. Diese Berichte seien aber mit London nie geteilt worden.

Bärbeissig und argwöhnisch

Kitzlig wird es, wo es in den Memoiren um Europa geht. Brown ist bis heute stolz darauf, die Einführung des Euro in Grossbritannien verhindert zu haben. Wer sich an jene Jahre erinnert, in denen um die Einheitswährung gestritten wurde, der erinnert sich auch daran, dass Gordon Brown nie viel Positives über Europa zu sagen hatte. Gegen antieuropäische Instinkte auf der Insel hat auch er sich nie wirklich gewehrt – mit den heute bekannten Resultaten.

«Dass Tony Blair ihn überholte, schmerzt Brown noch immer.»

Wo sich Brown zweifelsfrei bewährte, das war während der Katastrophe des Credit Crash, als er inmitten weltweiter Panik – ganz Keynesianer und kühl bis ans Herz – andere Regierungschefs zu gewaltigen Finanzspritzen und zur Rettung des Banken­wesens animierte. Für diesen Akt und für seine unverzügliche Aktion zur Wiederbelebung des kollabierenden Wachstums im Königreich hätte er eine Rolle unter den ganz Grossen verdient, finden seine Bewunderer.

Bärbeissig, ruppig und argwöhnisch konnte Gordon Brown sein. Das scheint auch in seiner Autobiografie wieder durch. Aber gemessen am Opportunismus und Chaos, das die britische Regierungspolitik neuerdings offenbart, wirkt Browns Zeit, mit oder ohne Blair, wie ein bemerkenswerter Kontrast – nämlich wie eine recht solide Arbeitsleistung.

Erstellt: 07.11.2017, 21:00 Uhr

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