Gläserne Klippen

Wenn sich die Probleme höher türmen denn je, sind Frauen gefragter denn je. Bis sie scheitern.

Der bunte Tupfer ist die Ausnahme: Das Schuhwerk von Theresa May. Foto: Darren Staples (Reuters)

Der bunte Tupfer ist die Ausnahme: Das Schuhwerk von Theresa May. Foto: Darren Staples (Reuters)

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Zwei Frauen bestimmen ab sofort über die Zukunft Europas: Theresa May, die heute die Schlüssel von Downing Street 10 erhält, und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. Von der Politik, von der Strategie und vom Taktieren dieser zwei Regierungs­chefinnen hängt alles ab: Unter welchen Bedingungen sich Grossbritannien von der Europäischen Union löst. Und damit wiederum verbindet sich Wohl und Wehe Hunderter von Millionen Menschen, politisch und wirtschaftlich, inner- und ausserhalb der EU. Diese Machtkonzentration in der Hand von Frauen beschränkt sich nicht auf Europa. In den USA steht Hillary Clinton so nah am Ziel wie nie zuvor, als allererste Frau das mächtigste Amt unter der Sonne anzutreten.

Natürlich kann man sich darüber freuen. «Na endlich, sie kommen!», schrieb «Die Zeit». Das deutsche Wochenblatt fragte, ob da eine Zeitenwende gekommen sei. Die Frage ist rhetorisch. Frauen an der Macht sind in der Politik des Westens heute keine schützenswerte Gattung mehr, sondern genauso alltäglich wie das Wetter – das gute wie das schlechte. Diese Frauen haben die gläsernen Decken durchbrochen, die vor ihnen die allermeisten weiblichen Talente am Aufsteigen gehindert haben.

Wenn das Chaos am grössten ist

Die Entwicklung ist das überraschende Ergebnis unerwarteter politischer Konstellationen. Sie hat viel mit dem Ehrgeiz der Frauen zu tun, wenig mit Feminismus und so gut wie gar nichts mit bewusster Frauenförderung oder gar mit Quoten. Einen gemeinsamen Nenner gibt es dennoch. Am aktuellsten und exemplarischsten ist er bei Theresa May zu beobachten: Ihr Aufstieg kommt genau in dem Moment, in dem das von Männern verschuldete Chaos am grössten ist.

Die von Cameron angezettelte Brexit-Abstimmung hat das Land in eine Krise gestürzt. Boris Johnson, der als Abstimmungssieger eigentlich beherzt das Premieramt hätte packen müssen, versagte jämmerlich und wurde von seinem Parteifreund Michael Gove ausgetrickst, und zwar in einer Art, die besser in «House of Cards» passt, eine Fernsehserie über halsbrecherische politische Intrigen, als ins britische Unterhaus. Es ist, als hätte ein wilder Haufen ungezogener Jungs ein heilloses Durcheinander angerichtet, und am einzigen Erwachsenen weit und breit liegt es nun, aufzuräumen.

Es ist kein Zufall, dass die Frauen dieser Führungsgeneration alle wirken wie in solide Blöcke gegossener gesunder Menschenverstand. Die vernünftigen Reden, die praktischen Kleider, die zeitsparenden Frisuren – alles strahlt staatstragende Verlässlichkeit aus. Theresa Mays ausgefallene Pumps und die eine oder andere minim exotische Farbe in den Kostümen von Merkel und Clinton bestätigen die Regel. Der persönliche politische Stil der Frauen hebt sich in einschläfernd beruhigender Art ab von der Flamboyanz Boris Johnsons und Donald Trumps, aber auch von Marktschreierinnen wie Marine Le Pen oder Frauke Petry. Eigentlich klar, dass Merkel, May und Clinton in männerdominierten Medien gerade für die methodische Langeweile kritisiert werden, die sie ausstrahlen.

Oben herrscht Absturzgefahr

Für ihre Macht zahlen die Frauen aber einen enormen Preis. Nirgends ist die Absturzgefahr grösser als oberhalb der gläsernen Decke. Alle wissen: Die drei Frauen müssen die EU, Grossbritannien und die USA retten, vor dem Zerfall, dem wirtschaftlichen Niedergang und vor Populisten. Aber niemand weiss, wie das genau gehen soll. Und wehe, wenn sie scheitern.

Es gibt einen Begriff für diese Position: die gläserne Klippe. Das Wort beschreibt ziemlich exakt die Bedingungen, unter denen vielen Frauen (und wenigen Männern) der Aufstieg überhaupt erst möglich gemacht wird: Es sind bis zur Ausweglosigkeit schwierige Situationen, in denen sie in die Führung berufen werden oder in ein Vakuum vorstossen können. Häufig spielt dabei auch das Kalkül von Machtmännern eine Rolle, die sich vornehm für bessere Zeiten zur Verfügung halten und andere zum Lösen unlösbarer Probleme vorschicken.

Dass heute so viele Frauen in die höchsten Ämter aufsteigen, hat darum viel damit zu tun, dass sich die Probleme türmen wie schon lange nicht mehr. Gut, dass man Frauen zutraut, sie zu lösen. Schlecht, wenn es dabei in erster Linie darum geht, dass sie möglichst scheitern und von der gläsernen Klippe fallen sollen.

Erstellt: 12.07.2016, 23:24 Uhr

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