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Das ist der Brexit-Briefträger

Sicher ist sicher: Theresa May wollte lieber schriftlich kündigen. Sir Tim Barrow hat den Brief der Premierministerin in Brüssel übergeben.

Der britische Diplomat Tim Barrow (l.) übergibt das Kündigungsschreibens von Premierministerin Theresa May an Donald Tusk (r.), EU-Rats-Präsident.
Der britische Diplomat Tim Barrow (l.) übergibt das Kündigungsschreibens von Premierministerin Theresa May an Donald Tusk (r.), EU-Rats-Präsident.
Yves Herman, Keystone

Wie sieht es eigentlich aus, wenn Geschichte geschrieben wird? Eine Antwort ist: Manchmal ist es ziemlich banal. Sir Tim Barrow, hochgedienter Karrierediplomat und britischer EU-Botschafter in Brüssel, hat heute Geschichte geschrieben. Das lief so ab: Sir Tim Barrow ging in das Gebäude des Europäischen Rates und gab einen Brief ab. Damit stellt das Vereinigte Königreich endgültig den formalen Antrag, der den zweijährigen Scheidungsprozess von der Europäischen Union einleitet.

Die Scheidung müsste nicht so beginnen. Die «European Union Bill», macht keine klaren Angaben zu den Formalitäten – ausser, dass es Premierministerin Theresa May zusteht, den Austrittswunsch Grossbritanniens zu bekunden. Die wollte den Antrag aber offenbar nicht selbst in Brüssel stellen – sondern die Sache lieber schriftlich erledigen. Der Chef-Sprecher der Europäischen Kommission, Margaritis Schinas, war schon vorgewarnt: «Wir sind bereit, mit den Verhandlungen zu beginnen und warten auf den Brief.»

Per Kurier von London nach Brüssel

Sir Tim Barrow kam in diesem Prozess vor allem die Rolle eines hochdekorierten Briefträgers zu, der das Schreiben höchstpersönlich, also an Stelle der Premierministerin, überreichte. Die hatte den Brief gestern unterschrieben, in der Nacht wurde er unter hohen Sicherheitsvorkehrungen von London per Kurier nach Brüssel gebracht. Der Empfänger des Briefes war Donald Tusk, Präsident des Europäischen Rats. Sein Büro liegt nur 190 Meter von der britischen Botschaft entfernt, zwei Gehminuten. Nähere Details, wo und wie Barrow und Tusk zusammentreffen würden, waren allerdings streng geheim – zu gross war die Angst vor Versuchen der EU-Befürworter, den Brief doch noch im letzten Moment abzufangen.

Der Termin war für etwa 13 Uhr anberaumt worden, zeitgleich mit der Rede Theresa Mays, die den Austritt vor der Presse verkündete. Kurz darauf war Tusk in Brüssel vor die Presse getreten – allerdings ohne Barrow, denn dessen Arbeit ist nach der Briefübergabe erstmal getan. Mit der Übergabe des Briefes läuft die Uhr für den Austrittsprozess an. Das Vereinigte Königreich und die EU haben jetzt zwei Jahre Zeit, um ein Abkommen über das zukünftige Verhältnis zueinander auszuarbeiten.

Ein krisenerfahrener Botschafter

Für Tim Barrow selbst ist der Einsatz als Briefträger wohl mehr Routine als Grossereignis. Trotzdem dürfte dieser Tag selbst dem krisenerfahrenen Botschafter – er diente bereits in Kiew und Moskau – in Erinnerung bleiben. Denn auch sein Arbeitsalltag dürfte sich in den kommenden Monaten radikal ändern, wenn es daran geht, sein Land möglichst unbeschadet aus der EU zu manövrieren.

Welche Herausforderungen das mit sich bringt, zeigt unter anderem der frustrierte Rücktritt seines Vorgängers Ivan Rogers. Dieser hatte nicht vermocht, die Verhandlungstaktik Londons mit seinen langjährigen Erfahrungen im Brüsseler Politikbetrieb in Einklang zu bringen, zu sehr wichen die Vorstellungen der Regierung Mays von den politischen Realitäten in der EU ab. Barrow wird den Weg zum Ratsgebäude sicher noch öfter gehen müssen – leichter wird er nicht werden.

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