Johnsons Rechnung geht vorerst auf

Der britische Premierminister will vor allem Deutschland die Schuld am Scheitern der Brexit-Gespräche zuschieben.

Da freut sich einer: Kein Wunder, er hat Erfolg mit seiner Strategie. Boris Johnson beim Treffen mit dem Präsidenten des EU-Parlaments, David Sassoli. Foto: Neil Hall (EPA)

Da freut sich einer: Kein Wunder, er hat Erfolg mit seiner Strategie. Boris Johnson beim Treffen mit dem Präsidenten des EU-Parlaments, David Sassoli. Foto: Neil Hall (EPA)

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Grossbritannien steuert direkt auf No Deal zu. Egal, ob vor oder nach den nächsten Wahlen – der Crash ist eine Frage der Zeit. Ein Telefonat mit der deutschen Kanzlerin habe gezeigt, heisst es aus der Downing Street, dass die EU nicht kompromissbereit sei. Man habe alles gegeben, viel vorgelegt, aber es habe nicht gereicht. Nun reiche es. Merkel ist schuld, die Deutschen zeigen ihr wahres Gesicht, Berlin wollte uns schon immer unterwerfen, der Backstop für Irland war immer eine Falle – das sind die spontanen Reaktionen britischer Leave-Fans im Netz auf die Nachricht aus London, dass ein Deal mit der EU mittlerweile «ziemlich unmöglich» sei. Das Kalkül von Boris Johnson mag zwar in Brüssel als durchsichtig und in Berlin als unverschämt gelten. In Grossbritannien aber scheint seine Rechnung fürs Erste aufzugehen. Die Schuldzuweisungen, die Dolchstoss­legende, die Brüssel gefürchtet hatte: Sie sind jetzt in der Welt.

Downing Street hat am Dienstag die Botschaft in die Welt geschickt, dass Brüssel nicht nur keinen Deal will, sondern auch nie einen wollte. Dass die Bombe nach einem Telefonat mit Merkel platzte, ist kein Zufall, sondern entspricht dem Kalkül von Johnsons Chefberater Dominic Cummings. Die Aversion gegen den ehemaligen Kriegsgegner und dessen Wiederaufstieg zur Macht via Brüssel waren für viele Briten ein Grund gewesen, 2016 für den Brexit zu stimmen.

Auch drei Jahre später hört man immer noch, die EU sei das trojanische Pferd, durch das Berlin in London erneut einmarschiert sei. Bis zuletzt war im Königreich zudem die Hoffnung geschürt worden, Berlin werde die EU-27 zu Kompromissen überreden. Dass die Kanzlerin die Einheit der 27 nie aufgeben würde, wurde in London nicht gern erwähnt. Stattdessen wurden Erwartungen geschürt, nun ist die Empörung gross.

Der Premier setzt darauf, dass das Unterhaus eine Verschiebung des Brexit erzwingt – und dass wütende Briten Johnson mit grosser Mehrheit wieder ins Amt wählen. Die, die gegen den Brexit argumentieren, sind schon stigmatisiert, als «Verräter».

Erstellt: 08.10.2019, 21:28 Uhr

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