Letzter Brexit-Ausweg: Ab in die Besenkammer

Tränen, Wutausbrüche, ohnmächtiger Zorn. Viele britische Parlamentarier sind erschöpft und suchen Hilfe.

Frustriert, überlastet, hilflos: Speaker John Bercow und die britischen Abgeordneten stehen unter Dauerbeobachtung. Foto: Jessica Taylor (Reuters)

Frustriert, überlastet, hilflos: Speaker John Bercow und die britischen Abgeordneten stehen unter Dauerbeobachtung. Foto: Jessica Taylor (Reuters)

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Noch immer haben sich Premierministerin Theresa May und Oppositionsführer Jeremy Corbyn nicht auf einen Weg aus dem Brexit-Chaos geeinigt. Doch bis zum Sondergipfel am Mittwoch wollen die EU-Staaten einen klaren Plan, sonst könnten sie einen weiteren Brexit-Aufschub für Grossbritannien ablehnen – und das Land könnte zwei Tage später die EU ohne Abkommen verlassen. Es zeichnet sich für die britischen Parlamentarier also eine weitere Extremwoche ab.

Einige halten den Druck schlicht nicht mehr aus. Der konservative Hinterbänkler Andrew Percy gestand der BBC, dass er sich im Palast von Westminster in eine kleine Kammer flüchtet, wenn er nicht mehr kann. «Ich habe ein Versteck gefunden», erklärte Percy. «Gar nicht weit vom Ratssaal. Ich mache die Tür zu, schalte das Licht aus und ziehe mir die Jacke über den Kopf. Es ist ganz dunkel dort.»

In den letzten Wochen, sagt Percy, habe er im Unterhaus «zweimal für No Deal gestimmt, dreimal für den Deal der Premierministerin und ein paarmal für das Norwegen-Modell». Draussen vor dem Parlament sei er von Brexit-Fans und von Brexit-Gegnern gleichermassen als Verräter beschimpft worden: «Ganz egal, was man macht – jemand schreit einen immer an.»

Andrang bei Therapeuten

Percy ist nicht allein. Viele Parlamentarier klagen über eine totale Erschöpfung, über ständige Nachtsitzungen, über gestrichene Ferien. Darüber, dass sie ihre Familien wochenlang nicht sehen. «Ich habe noch nie so viele Abgeordnete erlebt, die physisch und psychisch völlig fertig sind», sagte der Abgeordnete Tim Loughton. «Ich mache mir echt Sorgen um einige Kollegen.»

Überall stosse man «auf Tränen, Wutausbrüche und Streit», berichtet ein anderer konservativer Abgeordneter, der Arzt Phillip Lee: «Die meisten von uns sind einfach vollkommen ausgelaugt.» Manche seiner Kollegen kämpften mit regelrechten Angstzuständen. Daran sei eine gefährliche «Hochdruckatmosphäre» in Westminster schuld.

Nun sind die Abgeordneten nicht die Einzigen, denen der Brexit derart zusetzt. Neuen Umfragen zufolge halten fast zwei Drittel aller Briten die gegenwärtige Austrittsschlacht oder die Angst vor den Folgen eines Austritts für «ganz schlecht», was die psychische Verfassung der Nation betrifft. Anhaltende Ungewissheit, Niedergeschlagenheit und ohnmächtiger Zorn weiter Bevölkerungsteile haben offenbar auch zu einem stärkeren Andrang bei Ärzten und Therapeuten geführt.

Entspannungskurse boomen

Im Parlament ist die Zahl derer, die sich für neuartige Kurse zum Erhalt des inneren Gleichgewichts einschreiben wollen, stark gestiegen. Viele Parlamentarier klagen über Schlaflosigkeit. Manche räumen ein, dass sie sich «mit ein paar zusätzlichen Drinks» durch die Brexit-Torturen zu retten suchen.

Norman Lamb, der sich jüngst wegen einer Abstimmung mit dem Rest seiner kleinen liberaldemokratischen Fraktion gestritten hat, sagt, er sei danach «die ganze Nacht gestresst» gewesen. «Die Verantwortung lastet äusserst schwer auf uns allen», sagte Lamb zur «Financial Times». In der Ära der sozialen Medien «tun wir alles im grellen Licht der Öffentlichkeit».

Für die neue Brexit-Woche ist das kein gutes Zeichen: «Dass man von Leuten erwartet, in einem Zustand körperlicher und seelischer Erschöpfung einen derart komplexen Albtraum zu bewältigen, ist nicht besonders klug», sagt Lamb. Phillip Lee kann dem nur zustimmen: «Dass diese 650 Leute gegenwärtig psychisch in der Lage sind, besonnene, sachkundige Beschlüsse zu fassen – das kann glauben, wer will.»

Erstellt: 08.04.2019, 06:23 Uhr

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