Nun will Farage beim Brexit mitreden

Rund ein Drittel der Briten hat für die gerade mal sechs Wochen alte Brexit-Partei von Nigel Farage gestimmt. Doch auch die Brexit-Gegner spüren Aufwind.

Will nach eigenen Angaben Verantwortung übernehmen: Nigel Farage.

Will nach eigenen Angaben Verantwortung übernehmen: Nigel Farage. Bild: Keystone

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Der Sieg ist triumphal: Laut ersten Ergebnissen erzielte die Brexit-Partei um die 32 Prozent der Stimmen, die konservativen Tories landeten mit weniger als zehn Prozent auf Platz 5; das schlechteste Ergebnis seit 1830. Nigel Farages Partei, gerade erst sechs Woche alt, gewann in England jeden einzelnen Wahlkreis ausser der Hauptstadt London, hinzu kommen grosse Teile von Wales. Die Wahlbeteiligung von 37 Prozent war die zweithöchste, die Grossbritannien je verzeichnete.

Entsprechend selbstbewusst erklärte Farage heute Morgen, seine Partei müsse nun an den Brexit-Verhandlungen beteiligt werden. «Wir wollen Teil sein von diesem Verhandlungsteam, wir wollen Verantwortung übernehmen, und wir sind bereit, das zu tun. Ich hoffe, die Regierung hört auf uns», erklärte er vor Anhängern. Viel zu verhandeln gibt es aber in seinen Augen nicht: «Das Wahlresultat macht klar: Bringt den Brexit ohne Deal zurück auf den Tisch.»

Das Austrittsdatum am 31. Oktober betrachtet Farage als in Stein gemeisselt und droht den angeschlagenen Regierungsparteien. «Wenn wir nicht gehen am 31. Oktober, dann werden diese Wahlergebnisse für die Brexit-Partei in einer nationalen Wahl wiederholt werden. Wir sind bereit.» Das Ergebnis der Europawahl sei eine «massive Botschaft» an die alten Parteien. «Doch ich denke nicht, dass sie sie hören.»

Seit 20 Jahren im EU-Parlament

Farage inszenierte sich nach dem Wahlsieg einmal mehr als der Mann, der die alteingesessenen Politfunktionäre das Fürchten lehrt, sein eigentliches Grundrezept, mit dem er jene Wähler für sich gewinnt, die frustriert und wütend sind. Und nach dem Brexit-Debakel der Regierung von Premier Theresa May gibt es viele von ihnen. Dass Farage selber mit zum alten System gehört und seit 20 Jahren im EU-Parlament sitzt, verschweigt er da lieber. Er hat auch bereits mehrmals versucht, ins britische Parlament zu kommen, bisher ohne Erfolg. Noch in der Wahlnacht hat er nun das alte Zweiparteiensystem für tot erklärt und verlangte einen völligen Umbau der britischen Politik. «Das Zweiparteiensystem dient jetzt niemanden mehr ausser sich selber.» Die alten Parteien seien ein Hindernis auf dem Weg zur Modernisierung der Politik. «Wir werden sie herausfordern.»

Britische Politologen haben aus dem Ergebnis der Europawahl bereits eine Art Brexit-Barometer abgeleitet. Sie sehen die harten Brexiteers, die die EU ohne Deal verlassen wollen, nach dem glänzenden Wahlsieg für Farages Partei bei rund 35 Prozent. Die Parteien, die ein neues Referendum wollen, gehören jedoch auch zu den Siegern und können insgesamt um die 40 Prozent für sich gewinnen.

Liberaldemokraten geben sich kämpferisch

Vor allem die Liberaldemokraten und die Grünen haben gut abgeschnitten. Die Liberaldemokraten schafften es mit rund 20 Prozent auf Platz zwei, gefolgt von der abgestraften Labour-Partei mit 14 und den Grünen mit 12 Prozent. Deshalb sind sich die britischen Experten nicht einig, ob das Ergebnis der Europawahl ein so klares Votum für einen kompromisslosen Brexit ist, wie Farage das glauben machen will. Es sei in erster Linie ein neuer Beleg dafür, wie polarisiert das Land heute sei, sagen die Kommentatoren.

Die Liberaldemokraten wollen nach ihrem Wahlerfolg auf jeden Fall nicht klein beigeben. Vize-Parteichefin Jo Swinson erklärte, das Wahlresultat «gibt all jenen Leuten Hoffnung da draussen, die den Brexit stoppen wollen». Man dürfe nicht einfach kampflos aufgeben. In dem ganzen politischen Desaster sei ein neues Referendum über den EU-Austritt auf jeden Fall der beste Weg aus der Sackgasse, erklärte Swinson.

Erstellt: 27.05.2019, 12:50 Uhr

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