«Plötzlich fühlt sich der irische Pass unermesslich wertvoll an»

Die junge, in London lebende nordirische Autorin Lucy Caldwell wurde von der Brexit-Abstimmung regelrecht geschockt. Für die Zukunft Nordirlands befürchtet sie das Schlimmste.

«Was hier kaltschnäuzig, beiläufig und zynisch verschachert wurde aus parteipolitischen, opportunistischen Gründen»: Lucy Caldwell über den Brexit. Foto: PD

«Was hier kaltschnäuzig, beiläufig und zynisch verschachert wurde aus parteipolitischen, opportunistischen Gründen»: Lucy Caldwell über den Brexit. Foto: PD

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Nordirland hat sich mit 56 Prozent für den Verbleib in der EU entschieden. Verlief die Spaltung entlang der gleichen Linien wie in England? Jung gegen Alt, Stadt gegen Land?
Grundsätzlich ja. Allerdings ist Nordirland ohnehin schon gespalten, was sich auch widergespiegelt hat: Die nationalistische Partei Sinn Fein hatte die «Remain»-Parole ausgegeben, die unio­nistische Democratic Unionist Party «Leave». Aber: Die Unionisten der Ulster Unionist Party waren auch fürs Bleiben! Insgesamt lagen also mein heutiges Zuhause, London, und meine alte Heimat auf einer Linie. So habe ich mich am Morgen nach dem Referendum zum ersten Mal seit den knapp 13 Jahren, die ich hier lebe, als Londonerin gefühlt.

Und wie fühlt man sich zurzeit in Englands Hauptstadt?
Mein erstes und bis heute anhaltendes Gefühl ist eine tiefe Traurigkeit über den grossen Verlust. Was hier kaltschnäuzig, beiläufig und zynisch verschachert wurde aus parteipolitischen, opportunistischen Gründen! Und mit welchen Methoden! Mit widerwärtigen Lügen und manipulativer Panikmache, die einen zwar sehr realen, aber bis dahin unfokussierten Groll kanalisierten. Die Post-Referendum-Welt fühlt sich an, als sei sie ein Stück kleiner und gemeiner und weniger tolerant geworden. Zudem bin ich, wie viele andere, extrem besorgt, was «Leave» für die unmittelbare Zukunft Nordirlands bedeutet.

Wie sehen Sie diese Zukunft?
Die «Leave»-Kämpfer logen, als sie behaupteten, dass es nie mehr eine neue Grenze zwischen Nord- und Südirland geben würde. Im Gegenteil, es wird wohl nicht nur eine Zoll- oder Sicherheitsgrenze werden, sondern eine regelrechte EU-Grenze: die westlichste der ganzen weitläufigen EU, samt Aufrüstung gegen die Einwanderung. Eine derartige, remilitarisierte Grenze muss sich auf die fragile Psyche des Landes desaströs auswirken. Ich befürchte Schlimmstes: dass das Land um Jahrzehnte zurückversetzt wird – hinein in die Geisteshaltung des Bürgerkriegs.

Sie kamen im Jahr 1981 zur Welt und wuchsen während der sogenannten «Troubles» auf. Was hiess für Sie «britisch», was «irisch»?
In jener unruhigen Ära im östlichen ­Belfast aufzuwachsen, bedeutete, dass man sich nicht als irisch ansah. Ich habe den Bristol-Dialekt meiner Mutter, und die Leute in Belfast fragten mich oft: «Woher kommst du wirklich?» So ent­wickelte ich jenes Aussenseitergefühl, das wohl zu jeder Schriftstellerlaufbahn gehört. Man hielt mich häufig für englisch, und ich versuchte, mir damit alles Anderssein zu erklären. Andererseits aber war ich Sprössling einer sogenannten Mischehe – katholisch und pro­testantisch – in einer überwiegend protestantischen Gegend und gehörte also auch da nicht recht dazu. Wir hatten ­britische Pässe und lernten in der Schule keine irischen Traditionen, sondern englische. «Irische Tänze? – Nicht auf dieser Seite der Stadt», gab die Schuldirektorin meiner Mutter zwischen den Zeilen zu verstehen, als sie danach fragte. Irisch zu sein, war keine ­Option.

«Jedes Buch führt mich zurück nach Belfast. Manchmal frage ich mich, ob ich mit meiner Familie dorthin ziehen sollte.»

Wie entdeckten Sie das Irische?
Ich hatte irische Freunde, vor allem durchs Musizieren. Aber erst, als ich in England studierte und selbst zu schreiben begann, erkannte ich meine eigene irische Identität, und mir wurde klar, dass Belfast, Nordirland und Irland mich ausmachten – meinen Blick, mein Ohr geformt hatten, mein literarisches Thema waren. Ich realisierte, dass Identität nicht von der Stadtseite abhing, auf der man lebte, oder davon, welches ­Vaterunser man sprach. Sondern es sind irische Autoren, irische Stimmen, die mich geprägt haben. Eben damals, als ich zu schreiben anfing, beantragte ich meinen irischen Pass – den ich 2017 erstmals verlängern werde.

Sie haben nun zwei Pässe?
Ja. Als ich den irischen beantragte, dachte ich trotzig: Wieso soll ich nicht beides sein können? So sicher, wie ich Schriftstellerin bin, bin ich eine irische Schriftstellerin. Das sind zwei unauflöslich verschränkte Stränge meiner DNA. Wenn ich für irgendetwas mit Feuereifer einstehe, dann für ein «Beides» wider das «Entweder-oder» – für den Reichtum der Vielfalt. Louis MacNeice besingt im Gedicht «Snow» in einer meiner Lieblingszeilen «die Trunkenheit durch die Mannigfaltigkeit der Dinge». Darum geht es! Ich habe die Geburt meines Sohnes vor zwei Jahren bei der irischen Botschaft registrieren lassen, damit er das Recht auf einen irischen Pass hat; den britischen besitzt er bereits. Und ich werde mich jetzt rasch um diesen irischen Pass kümmern; viele Nordiren machen das gerade. Plötzlich fühlt sich der irische Pass unermesslich wertvoll an: ein Mittel, mit dem man in 27 anderen Staaten frei reisen, leben und lieben, studieren und arbeiten kann. Und man hält sich die Tür ­zwischen Nord- und Südirland offen.

Was bedeutet Belfast für Sie?
Die irische Autorin Edna O’Brien sagt, dass die Orte, wo du aufgewachsen bist, dich nie loslassen. Für mein Belfast stimmt das, jedes Buch führt mich dahin zurück. Mein neuer Erzählband «Multitudes» spielt im Belfast meiner Kindheit und ­Jugend und auch zwischen Belfast und London. Doch wo alle an die «Troubles» denken, an Bomben und Gewehre, an Schlagzeilen voller Gewalt und Politikertiraden voller Hass, sind meine Erzählstimmen weiblich und sprechen von Liebe, gleichgeschlechtlicher oder zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe. «Multitudes» feiert die Vielfalt. Manchmal frage ich mich, ob ich mit meiner Familie nach Belfast ziehen sollte. Aber ob wir da Fuss fassen könnten? Nordirland hat durch den Finanzcrash 2008 stark gelitten; was für wirtschaftliche Folgen erst das Referendum haben wird, ist gar nicht abzusehen.

War in Nordirland die Angst vor Einwanderern ein Brexit-Argument? Man konnte von einer nordirischen Willkommenskultur lesen.
Gern würde ich daran glauben. Aber leider bin ich nicht sicher, dass diese wirklich existiert. Ich erinnere an Anna Lo, eine Belfaster Politikerin: Sie ist die erste in Ostasien geborene Politikerin, die je in eine Legislative des Vereinigten Königreichs gewählt wurde. Aber eine brutale rassistische Kampagne hat ihr das Amt in Belfast zur Hölle gemacht. Auch die «Leave»-Kampagne gab vielen das Gefühl, hier nicht willkommen, nicht in Sicherheit zu sein. Sie schien den hässlichen, untergründigen Rassismus und Fremdenhass zu legitimieren. An düsteren Tagen spekuliere ich ja, ob die «Troubles»-Zeit vielleicht eine Gewalt gesät hat, die sich nun nach innen wendet und die Psyche angreift.

Sie befürchten neue «Troubles»?
Man muss hoffen, dass neue Generationen nicht auf die Intoleranz, Gewalt und Angst von früher zurückgreifen; dass es möglich ist, eine tolerantere Gesellschaft aufzubauen. Darum war die «­Leave»-Entscheidung so ein Schlag. Ich wünsche mir verzweifelt, dass der neue Premier – wer immer das sein wird – den Artikel 50 nicht auslöst und neu verhandelt. Sollte man aber den Brexit durchziehen, wird das Selbstbild einer ganzen Generation, werden alle ihre Horizonte und Perspektiven abrupt beschnitten.

Erstellt: 08.07.2016, 16:29 Uhr

Lucy Caldwell

Nordirische Autorin

Lucy Caldwell wurde 1981 in Belfast geboren und lebt jetzt in London. Ausgezeichnet mit dem Dylan Thomas Prize und dem Rooney Prize for Irish ­Literature, schreibt sie Romane ­ («Where They Were Missed», 2005), Dramen und Hörspiele. 2016 erschien ihr Erzählband «Multitudes». Ins Deutsche wurde ihr Werk bisher nicht übersetzt. Ihr jüngstes Hörspiel «Dear Baby Mine» ist derzeit in der BBC-Mediathek zu hören: www.bbc.co.uk/programmes/b07hns9n.(ked)

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