Trump hatte den Briten gerade noch gefehlt

Nach dem Brexit-Entscheid ist Grossbritannien eine Nation mit tiefsten Gräben. Stimmen und Stimmungen von der Insel.

Dudelsackklänge für den Gast aus den USA: Donald Trump bei seinem Besuch in Schottland.

Dudelsackklänge für den Gast aus den USA: Donald Trump bei seinem Besuch in Schottland. Bild: AFP

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Am selben Morgen, an dem Ukip-Führer Nigel Farage ein «Unabhängiges Vereinigtes Königreich» proklamierte, Premier David Cameron seinen Rücktritt ankündigte und Zentralbank-Gouverneur Mark Carney das internationale Kapital zum Verbleib beschwor, flog Donald Trump in Grossbritannien ein. Ausgerechnet an diesem Schicksalstag der Insel. Er finde es, sagte der Besucher vergnügt, «eine tolle Sache», dass die Bevölkerung der Britischen Inseln sich «ihr Land zurückgeholt» habe.

Das war gerade eine Stunde, nachdem der britische Regierungschef vor der Tür von No. 10 Downing Street der Nation erklärt hatte, dass er nicht länger «als Kapitän» auf der Brücke des Schiffes stehen könne, das nun Kurs auf seine «nächste Bestimmung», in ganz unbekannten Gewässern, nehme. Ob er dieses Schiff für die Titanic der britischen Politik hält oder für ein seetüchtiges Gefährt: Darüber wollte der Premier lieber nichts mehr sagen. Schliesslich hatte er die Briten wochenlang mit Warnungen vor den Folgen eines Brexit traktiert. Seine Landsleute ignorierten ihn einfach, bei ihrer Referendums-Entscheidung. Mit 52 zu 48 Prozent sagten sie sich von der EU los – und lösten in ihrer Heimat Chaos und auf dem Kontinent komplette Bestürzung aus.

Milliarden verspekuliert

Etliche Briten, darunter viele Jugendliche, die am Vortag für Brexit gestimmt hatten, räumten rundum erstaunt ein, dass sie dieses Ergebnis ihrer Stimmabgabe nie erwartet hätten. Für viele war das Ganze eher so etwas wie eine Protestwahl, mit der Erwartung eines Siegs der anderen Seite, gewesen. Andere jubelten darüber, dass ihr Land nun endlich «frei» sei vom Joch der EU und sie «wieder die Kontrolle über unsere eigenen Geschicke übernehmen» könnten.

Recht bleich waren auch viele der Banker und Finanzleute, die noch am Abend zuvor fest an einen Verbleib in der EU geglaubt und entsprechend spekuliert hatten. Wegen ihrer entsetzten Reaktionen sackte das Pfund gegenüber dem Dollar auf den tiefsten Stand seit 1985 ab, und es gingen Milliarden den Finanzmarkt-Bach hinab. Die mächtige Barclays Bank hatte gegen Mittag fast ein Drittel ihres gesamten Wertes verloren. Nach den Verlusten der Wettbüros, die sich ihrerseits vergaloppiert hatten, fragte am Freitag schon niemand mehr.

Ungläubige EU-Befürworter

Politiker aller Parteien, die sich monatelang leidenschaftlich für ein Ja zur EU eingesetzt und mit einem solchen Ja am Ende auch gerechnet hatten, waren den Tränen nah oder schüttelten nur verzweifelt die Köpfe. Ebenso unbegreiflich fanden, was auf der Insel vorging, die europäischen Partner und die Repräsentanten der EU. Wie von fern her – von ferner denn je zuvor – erreichte Jean-Claude Junckers Stimme die Briten. Ihn persönlich stimme deren Entscheidung wahrhaft traurig, sagte der Präsident der EU-Kommission. Aber auf die Frage, ob dies der Anfang vom Ende der EU sei, antwortete Juncker mit einem Wort: «Nein.»

Auch EU-Ratspräsident Donald Tusk beeilte sich, der Welt zu versichern: «Seitens der 27 Staats- und Regierungschefs kann ich erklären, dass wir entschlossen sind, unsere Einheit als 27 zu wahren.» Manch einem in Grossbritannien wurde bei der Nennung dieser Zahl statt der vertrauten 28 erstmals die Endgültigkeit der getroffenen Entscheidung bewusst.

Als mitten in der Nacht, während der Wahlsendung von Donnerstag auf Freitag, ein vor den Kommissionsgebäuden in Brüssel postierter BBC-Korrespondent zugeschaltet wurde, schwang schon eine zweite Bedeutung mit, als der Mann erklärte: «Ich stehe hier in der Kälte.» Der Abgesandte der «Beeb» deutete auf ein Fenster, in dem in dieser Nacht noch Licht war. Das Bild sprach Bände. So würden die Briten künftig draussen vor der Tür stehen und zu den Fenstern der 27 hinaufschauen.

Ukip-Chef Farage triumphiert

Keine Trauergefühle irgend welcher Art verspürte andererseits Nigel Farage, der Chef der Unabhängigkeitspartei Ukip. Mit dem Brexit hatte Farage an diesem Freitag sein politisches Lebensziel erreicht. Ein Vierteljahrhundert lang hatte er, häufig verlacht und verspottet, für den Austritt aus der EU plädiert, um England vor dem «Superstaat Europa» zu «retten». Diesmal konnte Farage stolz erklären: «Jetzt bricht die Morgenröte für ein unabhängiges Vereinigtes Königreich an.»

Endlich, rief Farage seinen Anhängern zu, sei «ein Europa souveräner Nationalstaaten» von den britischen Wählern gutgeheissen worden. «Sorgen wir dafür, dass die europäische Flagge, die europäische Hymne und alles andere Fehlgelaufene jetzt wegkommt.» Den 23. Juni aber solle man zum «Unabhängigkeitstag» ausrufen und zum Nationalfeiertag erklären. 183 andere Länder besässen schliesslich so einen Tag, sagte Farage. Da könne das nun befreite Britannien das 184. Land sein.

Witzigerweise hatte Farage am Abend zuvor noch ganz anders, nämlich sehr kleinlaut, geklungen. Wahrscheinlich hätten am Ende der Nacht die Pro-Europäer die Nase leicht vorn, hatte er just nach Schliessung der Wahllokale geklagt. Die geplante Ukip-Siegesfeier war zu diesem Zeitpunkt abgesagt worden.

Nur Schottland, Nordirland und London für EU

Umgekehrt begann man, nach günstigen letzten Umfragen, am Donnerstagabend gegen 23 Uhr Ortszeit im Pro-EU-Lager Flaschen zu entkorken. Die Pro-Europäer glaubten zu diesem Zeitpunkt, dass ihnen der Referendumsstreich glücklich gelungen war. Genau um Mitternacht aber schreckte sie ein verstörendes Resultat und ein ungutes Gefühl aus ihren elysischen Träumen hoch. Die nordostenglische Stadt Newcastle nämlich hatte weit weniger Stimmen für den Verbleib erhalten als erwartet. Und bei der ebenfalls in der Region liegenden Stadt Sunderland fiel die Sache noch schlechter aus.

Von da an ging es bergab für die EU-Befürworter. Um zwei Uhr nachts lag «Vote Leave» vorne und hatte schon über eine Million Stimmen. Wales, auf das man gehofft hatte, ging verloren. Und Pfund und Aktien rasselten in den Keller. Die ersten Labour-Politiker räumten ein, dass ihre Stammwähler zwar zur Wahl gegangen seien – dass sie aber «das Falsche» gewählt hatten.

Noch einmal zwei Stunden dauerte es, bis kein Zweifel mehr herrschte, wohin der EU-Hase lief an diesem Morgen. Nur Schottland, Nordirland und London hielten der EU die Treue. Um vier Uhr dann kam Farage mit seiner «Morgenröte». Jetzt, verkündete der Ukip-Führer, würden seine wackeren Briten den ersten Stein aus dem EU-Gebäude brechen, um es zum Einsturz zu bringen. «Die EU stirbt», sagte Farage. Schon sei in den Niederlanden und Dänemark von «Nexit» und «Dexit» die Rede. Auch Schweden, Österreich «und vielleicht sogar Italien» stünden bereit.

Misstrauen gegen Labour-Chef Corbyn

Von hier zur Bekanntgabe des Endergebnisses (17,4 gegen 16,1 Millionen Stimmen) war es nur eine Frage der Zeit und des Wartens. London, auf das die bedrängten EU-Anhänger wie auf die Kavallerie warteten, konnte deren Manko in der englischen und walisischen Provinz nicht wettmachen. Auch Schottland wog es nicht auf – obwohl dort in jedem einzelnen Auszählungsbezirk die EU-Seite siegte. «Mir bricht das Herz», sagte die einzige grüne Unterhausabgeordnete Caroline Lucas. «Das ist ein absolut niederschmetterndes Resultat.» Ihre Landsleute hätten sich ohne Not der Gemeinsamkeit mit ihren besten Freunden und Nachbarn beraubt.

Der Schock, den Lucas empfand, schien in Wellen durchs Land zu gehen am Freitag. Den Eindruck des Unwirklichen verstärkte noch, dass so rasend schnell eins aufs andere folgte an diesem Tag. Erst musste Cameron zum Buckingham-Palast, um sich bei der Queen für das Ende der EU-Zugehörigkeit ihres Königreichs zu entschuldigen und gleichzeitig seinen Rücktritt zu erklären. Dann wurde Jeremy Corbyn, dem Oppositionsführer, von seiner Partei eröffnet, dass ihm das Misstrauen ausgesprochen werden soll.

Kämpferische Töne aus Schottland

Camerons Nemesis und wahrscheinlichster Nachfolger, Boris Johnson, versicherte unterdessen der Nation, dass er gekommen sei, um Einheit zu stiften. Natürlich werde Grossbritannien «Teil Europas» bleiben – nur eben nicht «Teil einer Bundesregierung in Brüssel», die längst nicht mehr passe in die neue Zeit. Sein Land werde «weiter eine europäische Grossmacht bleiben», gelobte Johnson, ganz ernst und staatsmännisch und ohne Jux. Im Oktober will er der neue Premierminister Grossbritanniens sein.

Aus Schottland dagegen kamen kämpferische Töne. Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgoen enthüllte, dass seit Freitagmorgen in Edinburgh Vorbereitungen laufen für ein zweites schottisches Unabhängigkeitsreferendum. Schottland, das so klar für die EU stimmte, will sich nicht von England «aus der EU zerren» lassen. Unter anderem will Sturgeon direkten Kontakt mit Brüssel und den EU-Partnern aufnehmen, um herauszufinden, ob ein unabhängiges Schottland anstelle von Grossbritannien in der EU bleiben könne – und die 28 wenigstens zahlenmässig wieder vollständig machen dürfte.

Unbekümmert von all dem trieb sich Donald Trump derweil im Trump Turnberry Golf Resort, droben an der schottischen Ostküste, herum. Ihn überraschte die Anti-EU-Rebellion der Briten kein bisschen. «Es wird nicht die letzte sein», sagte der Präsidentschaftskandidat aus den USA. «Überall staut sich der Zorn.»

Erstellt: 24.06.2016, 21:35 Uhr

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