Nachgefragt – «Familien haben Angst»

Grossbritannien-Korrespondent Peter Nonnenmacher erklärt, wie sich der Brexit vielleicht noch verhindern liesse. Und weshalb es für EU-Bürger ungemütlich werden könnte.

Demonstranten vor dem britischen Parlament: Gegner des Brexit hoffen, dass es im Falle eines wirtschaftlichen Niedergangs noch einen Stimmungsumschwung gibt.

Demonstranten vor dem britischen Parlament: Gegner des Brexit hoffen, dass es im Falle eines wirtschaftlichen Niedergangs noch einen Stimmungsumschwung gibt. Bild: Andy Rain/Keystone

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Heute reicht Grossbritannien den Antrag ein, die EU zu verlassen. Wenn diese Woche die Brexit-Abstimmung stattfinden würde – glauben Sie, es käme dasselbe Ergebnis zustande?
Die letzten verfügbaren Umfragen haben gegenüber dem Referendums-Ergebnis vom letzten Juni keine wesentliche Veränderung gezeigt. Einige Brexit-Befürworter haben zwar seit damals kalte Füsse bekommen, aber dafür stehen manche Briten, die gegen Brexit stimmten, dem Austritt jetzt etwas gelassener oder sogar positiver gegenüber. Die meisten Wähler halten wohl fürs Erste an ihrer Überzeugung vom vorigen Sommer fest.

Ist es denkbar, dass der Brexit aufgrund eines Meinungsumschwungs in der britischen Öffentlichkeit oder aufgrund rechtlicher oder politischer Hürden noch scheitern könnte?
Unmöglich ist es nicht, dass der Brexit noch gestoppt wird in den nächsten zwei Jahren. Die Liberaldemokraten, die Grünen und manche Labour-Leute arbeiten weiter darauf hin, sich die politischen Optionen bis zuletzt offenzuhalten. Zusätzlich versucht die Schottische Nationalpartei, Einfluss zu nehmen. Prinzipielle Gegner des Brexit hoffen, dass es im Falle eines wirtschaftlichen Niedergangs noch einen Stimmungsumschwung im Lande gibt, und sich im Herbst nächsten Jahres eine Neuentscheidung zum Abbruch der Austrittsgespräche arrangieren liesse. Wahrscheinlich ist so ein Szenarium aber nicht. Das Hauptaugenmerk der Regierungskritiker richtet sich jetzt vor allem darauf, einen harten Brexit zu verhindern. Auch etliche Konservative wollen die Regierung dazu drängen, ihre bisher eingenommene Position zu ändern und Grossbritannien im EU-Binnenmarkt oder zumindest in der Zollunion zu halten.

Sie haben für Tagesanzeiger.ch/Newsnet eine Zwischenbilanz gezogen, wie sich Grossbritannien seit dem Brexit-Entscheid verändert hat. Gibt es neben den vorwiegend negativen Aspekten, die Sie erwähnen, auch positive?
Die meisten Briten haben das Gefühl, komplettes Neuland zu betreten. Für alle, die sich für den Austritt stark gemacht haben, bedeutet der heutige Tag natürlich ein Schritt zu mehr Freiheit und in eine Zukunft mit neuen Möglichkeiten. Das hat Premierministerin May ja wieder und wieder versprochen: dass sie aus dem Brexit einen nationalen Erfolg machen möchte.

Und die Gegner?
Die Gegner können der jetzigen Entwicklung hingegen wenig Gutes abgewinnen. Die Spannungen im ganzen Land und zwischen den einzelnen Landesteilen haben jedenfalls zugenommen. Besonders interessant wird es sein, zu sehen, ob diese Spannungen in den nächsten Monaten abgebaut werden können – oder ob die beginnenden Austrittsverhandlungen sie eher noch verstärken.

Wie ist die Situation der in Grossbritannien lebenden EU-Bürger? Beklagen sie sich, dass die Briten ihnen gegenüber unfreundlicher auftreten?
Viele Bürger und Familien aus anderen EU-Staaten, die oft schon seit Jahren hier leben, haben unangenehme Erfahrungen gemacht seit dem Referendum. Selbst Bürger aus den «alten» EU-Staaten bekommen das bisweilen zu spüren. Osteuropäer, vor allem die grosse polnische Gemeinde in Grossbritannien, haben regelrechte Attacken erlebt und fürchten sich vor neuen Anfeindungen in den nächsten Tagen und Wochen. Das bekommt man überall zu hören. Ausserdem fürchten viele Familien, auch in unserem Bekanntenkreis, dass sie regelrecht auseinandergerissen werden könnten, falls die Verhandlungen schieflaufen. Ich selbst habe in den letzten neun Monaten mehr direkte Anfeindung schwarzer Mitbürger erlebt als je zuvor. Im Bus haben junge Rassisten einmal schwarze Frauen angerempelt oder ihnen Sitzplätze verweigert, bis der Rest des Busses rebellisch wurde. Für die Rassisten ist es egal, ob man Pole ist oder Flüchtling aus Somalia. Denen ist das nationalistische Triumphgeheul eines Teils der Presse seit dem Brexit-Beschluss zu Kopf gestiegen.

Grossbritanniens Premierministerin Theresa May sowie der britische Aussenminister Boris Johnson haben betont, sie würden nach Ablauf der zweijährigen Verhandlungen mit der EU auch ohne ein Abkommen aus der Gemeinschaft austreten. Ist das überhaupt ernst zu nehmen oder ein Bluff?
Johnson redet gern so daher. Und Theresa May, auf die es ankommt, wird sich um eine Vereinbarung bemühen. Die Briten betrachten die Drohung der Premierministerin, sie könnte aus den Verhandlungen aussteigen, überwiegend als Taktik. Das heisst aber nicht, dass es nicht passieren kann. Auch was als Bluff gemeint ist, kann Wirklichkeit werden. Absolut ernst meinen es jedenfalls viele Tory-Rechte und Ukip-Leute, die nur in einem Kollaps der Gespräche eine Garantie für das Kappen aller Beziehungen mit der EU sehen, wie sie es sich wünschen. Für sie kann es mit dem «letzten Farewell» nicht schnell genug gehen.

Erstellt: 29.03.2017, 14:14 Uhr

Peter Nonnenmacher, Grossbritannien-Korrespondent.

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