«Das tägliche Sterben hält an»

Politphilosoph Thomas Pogge glaubt, dass uns die UNO, was die Hungernden betrifft, mit falschen Zahlen beruhigen will.

Kibera, ein Stadtteil Nairobis, ist einer der grössten Slums Afrikas. Wegen Landflucht und Bevölkerungswachstum ist die Zahl der Slumbewohner seit dem Jahr 2000 deutlich angestiegen. Foto: Carl de Souza (AFP)

Kibera, ein Stadtteil Nairobis, ist einer der grössten Slums Afrikas. Wegen Landflucht und Bevölkerungswachstum ist die Zahl der Slumbewohner seit dem Jahr 2000 deutlich angestiegen. Foto: Carl de Souza (AFP)

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An der UNO-Generalversammlung im Jahr 2000 hat man sich auf die sogenannten Millenniumsziele geeinigt, um die Armut und den Hunger auf der Welt zu lindern. Wurden die Ziele erreicht?
Die Formulierung der Ziele hat bewirkt, dass man in der Öffentlichkeit über extreme Armut in Afrika oder die Dringlichkeit von Malarianetzen gesprochen hat. Insofern sind sie ein Erfolg. Sie zwingen uns, über die Ärmsten der Armen nachzudenken, was schön ist und wichtig. Dass wir dann aber alle beruhigt werden mit falschen Zahlen, ist ein Skandal.

Falsche Zahlen? Nehmen wir die Statistiken über hungerleidenden Menschen.
Gutes Beispiel. Die Zahl der Hungernden stieg seit 1996 kontinuierlich an, bis die Milliardengrenze erreicht wurde: 2009 galt eine Milliarde Menschen als chronisch unterernährt. Kurz darauf hat die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO) ihre Methodologie verändert und verkündet, die Zahl habe schon 1990 über der Milliardengrenze gelegen und sei seitdem ständig gesunken, aktuell auf 870 Millionen.

Ist das Elend nur eine Frage der Methode, wie man zählt?
Natürlich gibt es verschiedene Methoden, wie man Hunger messen kann, aber man sollte sie in einem Erhebungszeitraum nicht rückwirkend verändern. Zudem hat man eine neue Definition formuliert. Als hungerleidend galt nur, wer ein Jahr lang nicht über eine gewisse Kalorienmenge kommt, die für den Lebensstil eines sitzenden Menschen berechnet wurde, was Unsinn ist. Viele Menschen haben vielleicht genügend Kalorien, aber nicht genug Vitamine oder Mineralstoffe. Und wieso ein Jahr? Bei Kleinkindern richtet Unterernährung schon nach wenigen Wochen bleibende Hirnschäden an.

Sie unterstellen der FAO, der UNO und der Weltbank, mit den Zahlen zu tricksen.
Ja. Die Messmethoden und Definitionen wurden immer rückwirkend angepasst, und jede neue Anpassung führte zu neuen Erfolgsmeldungen.

«Die Menschheit ist reich. Niemand müsste an Malaria sterben.»

Dann ist die Zahl der Armen nicht gesunken, obwohl das alle behaupten?
Doch. Aber die Frage ist, um wie viel und ob diese Zahl ohne Millenniumsziele nicht ähnlich gesunken wäre – durch das globale Wirtschaftswachstum, von dem auch die Armen profitieren. Sie würden allerdings noch mehr profitieren, wenn sie an diesem Wachstum proportional beteiligt wären, was nicht der Fall ist. Es gibt also nichts zu feiern, im Gegenteil. Innerhalb von Staaten, aber auch auf der Welt als Ganzes nimmt die ökonomische Ungleichheit zu, das hat Thomas Piketty in seinem Buch nachgewiesen («Das Kapital im 21. Jahrhundert», C.H.Beck, 2015, Anm. d. Red.). Das Einkommen des obersten Zehntausendstels Amerikas entspricht dem der unteren 40 Prozent der Weltbevölkerung. Man muss sich das einmal vorstellen: 30 000 Menschen in den USA verdienen so viel wie die ärmsten 2,8 Milliarden der Welt.

Wie lautet die Definition von Armut?
Laut Weltbank lebt ein Mensch in extremer Armut, wenn er im Monat über weniger als 38 – oder pro Tag 1.25 – Dollar verfügt. Doch diese Festlegung wird dem komplexen Thema nicht gerecht und hat verheerende Folgen.

Nämlich?
Wenn eine Regierung sich damit brüsten möchte, etwas gegen die Armut zu tun, dann konzentriert sie sich auf die Menschen, die knapp unter diesen 1.25 Dollar liegen, weil es weniger braucht, sie aus der Armenstatistik zu tilgen. Die Ärmsten der Armen, die gar nichts haben, lässt sie links liegen. Zweitens: Der Betrag von 1.25 Dollar wird für jedes Land per Kaufkraftparität berechnet, ein Faktor, der ausgleichen soll, dass man in Entwicklungsländern für dasselbe Geld mehr kaufen kann als in den USA. Aber auch da läuft einiges schief, weil bei der Berechnung dieses Faktors die Preise aller möglichen Waren und Dienstleistungen berücksichtigt werden, die für Arme völlig irrelevant sind. Ob Computer oder Flugtickets weniger kosten, spielt keine Rolle, wichtig ist der Preis von Grundnahrungsmitteln, und die sind in Entwicklungsländern zwar billiger als in den USA, aber nicht um so viel, wie die Kaufkraftparitäten unterstellen.

Wie müsste man Armut Ihrer Meinung nach messen?
Ein von mir geleitetes Forschungsteam hat während einer vierjährigen Feldarbeit mit Tausenden sehr armer Menschen darüber diskutiert, was Armut ist, woraus sie besteht und wie man sie erkennt. Daraus haben wir 15 Dimensionen abgeleitet: fehlender Zugang zu Nahrung etwa, zu Gesundheitsvorsorge, Kleidung, Wasser, sanitären Anlagen, aber auch fehlender Schutz vor Gewalt. Der differenziertere Blick ermöglicht effektivere Massnahmen, der Armut beizukommen. Eine Zahl wie diese 1.25 Dollar sagt wenig aus. Dazu kommt: Die Weltbank wirft die Mitglieder jedes Haushalts in einen Topf – entweder gelten sie alle als arm oder keiner. Dabei gibt es innerhalb von Familien Unterschiede. Denken Sie an muslimische Gemeinschaften, in denen die Buben die Schule besuchen und am Abend bekocht werden, während Mädchen zu Hause bleiben und sich von Resten ernähren.

Ein weiteres Millenniumsziel, die Bekämpfung der Kindersterblichkeit, kann man nicht mit neuen Definitionen schönreden. Entweder ein Kind stirbt, bevor es 5 Jahre alt wird, oder nicht. Und die Rate sinkt in vielen Ländern. Von 1000 Neugeborenen starben in Kambodscha 1990 117. 2014 waren es 29. In Malawi sank die Rate von 174 auf 64. Das sind Fortschritte.
Stimmt. Was die Gesundheit betrifft, hat eine gewisse Beschleunigung stattgefunden, vor allem bei HIV/Aids. Die Gates-Stiftung hat 25 Milliarden Dollar investiert, viel davon floss in die Therapie, in Aids-Medikamente für Kranke, wobei zu sagen ist, dass da die Pharmariesen kräftig mitverdient haben, denn sie besitzen die Patente. Auch Malaria konnte bekämpft werden. Aber wissen Sie, das tägliche Sterben hält unverändert an, das ist der moralische Skandal. Wenn Sie sagen, den Sklaven in den USA ging es 1850 besser als 1820, dann macht das die Sklaverei nicht besser. Die Menschheit ist so reich und entwickelt, dass niemand mehr an Malaria oder Hunger sterben müsste, und dennoch passiert das, jede Sekunde.

US-Präsident Barack Obama sprach von einem Boom in Afrika, als er neulich aus Kenia zurückkam. In den letzten Jahren sei es gelungen, Millionen aus der Armut zu befreien. Eine neue Generation von Konsumenten stehe vor der Tür. Wie klingen solche Sätze in Ihren Ohren?
Tatsächlich kann man seit ein paar Jahren in Afrika hohe Wachstumsraten beobachten. Ein Problem, das afrikanische Staaten haben, ist ihre Abhängigkeit von Rohstoffen. Die Rohstoffpreise sind getaucht, allen voran der von Öl, aber auch von Kupfer, Gold, Silber. Für Afrika wiegt das schwer, denn es gibt wenig Industrie, und die Gewinne aus den Rohstoffen in Ländern wie Angola, Südafrika oder Nigeria kommen hauptsächlich einer Elite zugute. Die ökonomische Ungleichheit ist in diesen Ländern enorm – und die Demokratie in Gefahr. Ökonomische Ungleichheit schlägt sich immer auf das politische System nieder. Deshalb ist die Demokratie in Afrika eine Seltenheit, weil wir es mit korrupten Regimes zu tun haben, die wir im Westen unterstützen, indem wir ihr Öl kaufen oder ihre Gelder verstecken – gerade in der Schweiz. Rohstoffreiche Länder sind besonders korruptionsgefährdet. Der Anreiz, sich gewaltsam an die Macht zu setzen, ist gross.

Wir leben in Zeiten ökonomischer Ungleichheit. Wir leben aber auch in Zeiten grosser Empathie mit Menschen in Not. Zumindest scheint das so. Wir spenden Geld, verzichten auf T-Shirts aus Bangladesh, kaufen Fair-Trade- Kaffee. Wie gross ist der Einfluss des einzelnen Konsumenten?
Kaufen Sie Fair-Trade-Kaffee und ebensolche Schokolade, weil sie damit ein Zeichen setzen, sich für andere einzusetzen. Machen Sie sich aber nichts vor! Wenn Sie glauben, Sie wüssten, welche Konsequenzen Ihre Kaufentscheidungen in der Welt haben, ist das eine Illusion. Tatsächlich spürt man ein emotionales Mitleiden, vor allem auch jetzt mit den Flüchtlingen in Europa. Die Gefahr ist, dass sich das in wirkungslosen Handlungen erschöpft oder sich sogar ins Gegenteil verkehrt, wenn die Flüchtlinge erst einmal da sind und soziale Kosten verursachen.

Was also ist die beste Art von Hilfe?
Man kann als Einzelner einer syrischen Familie helfen, warum denn nicht? Ich bin auch nicht gegen Entwicklungshilfe, sofern man sich gut informiert. Effizienter wäre allerdings der Weg über die Politik: was also eine Regierung in meinem Namen am Verhandlungstisch fordert oder wofür sie sich einsetzt. Da kann man als Einzelner Druck ausüben. Unsere reichen Länder setzen sich in Verhandlungen meist für diejenigen Dinge ein, die für unsere Firmen und Banken am günstigsten sind. Sie sollten sich aber auch für mehr Gerechtigkeit einsetzen.

Konkret?
Nehmen wir wieder die globale Armut. Etwas bewirken könnte man, wenn man diejenigen Institutionen reformieren würde, die auf globaler Ebene am meisten zur Perpetuierung von Armut beitragen, wie die WTO oder den IWF. Da geht es um Handelsregeln, die von reichen Ländern gemacht worden sind und einzig den Interessen ihrer Banken und Multis dienen. Da wird über Exportkredite entschieden, über Zölle und Subventionen – und damit auch über Leben und Tod. Unsere Politiker müssen bei der Ausformulierung internationaler Wirtschaftsverträge nicht nur im Interesse des eigenen Staates handeln, sondern mit Blick auf das Gemeinwohl der Menschheit. Und wir als Bürger sind dazu verpflichtet, sie immer wieder darauf aufmerksam zu machen.

Erstellt: 24.09.2015, 23:51 Uhr

Thomas Pogge

Praxisorientierter Kant-Kenner

Thomas Pogge, 62, in Deutschland geboren, ist Professor für Politische Theorie in Yale und gilt inter­national als einer der bekanntesten Philosophen, wenn es um Themen wie Armut und Hunger geht. Pogge, von den Philosophen Immanuel Kant und John Rawls stark geprägt, lässt es aber nicht bei der Theorie bewenden. Er ist Mitbegründer des Health Impact Fund, eines Projekts, mit dem die Entwicklung von Medikamenten gefördert werden soll, die sich für Pharmafirmen nicht rechnen, da die Betroffenen zu arm sind. Durch seinen Gesundheitsfonds sollen Medikamente zum Produktionspreis verkauft werden. (sba)

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