Das tödliche Experiment

Vor zehn Jahren erschienen in der dänischen «Jyllands-Posten» die Mohammed-Karikaturen. Redaktor Flemming Rose und Karikaturist Lars Refn erinnern sich an die Tragödie.

Die dänische Flagge mit Füssen getreten: Ein Pakistaner demonstriert 2008 gegen die Karikaturen. Foto: A. Zaidi (Bloomberg)

Die dänische Flagge mit Füssen getreten: Ein Pakistaner demonstriert 2008 gegen die Karikaturen. Foto: A. Zaidi (Bloomberg)

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Man ahnt schon, wo der Karikaturist sitzt in diesem Kopenhagener Hinterhof-Loft. Es ist ein grosser, heller Raum, den sich mehrere Kreative teilen. Am Schreibtisch von Lars Refn hängt eine Kinderzeichnung, bunte Buchstaben vor Regenbogenstreifen: Je suis Charlie. Solidarität mit dem französischen Satiremagazin «Charlie Hebdo».

Der Spruch ist für ihn mehr als eine Geste. Der Däne hat als Kind mehrere Jahre in Frankreich gelebt, er spricht fliessend Französisch, ist ein begeisterter Pétanque-Spieler. Der Cartoonist Bernard Verlhac war ein Freund von ihm und einer der zwölf Menschen, die im Januar beim Anschlag auf das Magazin ermordet wurden. Lars Refn war bei der Beerdigung in Paris. Viele in Frankreich sagten nun, erzählt er, der Anfang von allem seien die dänischen Karikaturen gewesen. «Es war erschreckend, das zu hören.» Auch deswegen, weil ja eigentlich niemand die Karikaturen richtig verstanden habe, die schliesslich weltweit zu Protesten, Unruhen und Toten geführt haben.

Er fühlt sich bis heute missverstanden. Nazi, Rassist, ­xenophob haben sie ihn genannt. All das sei er nie gewesen.

Lars Refn holt ein schweres Buch mit Werken dänischer Karikaturisten hervor, darin ist die Doppelseite, die am 30. September 2005 in der Zeitung «Jyllands-Posten» erschienen ist: Um einen kleinen Text sind zwölf Zeichnungen drapiert, von zwölf verschiedenen Zeichnern. Eine der Karikaturen stammt von ihm. Dass Lars Refn den Propheten gar nicht abgebildet, das Tabu der Muslime gar nicht gebrochen hat, ist eines der Details, die im Sturm, der folgte, untergegangen sind. Geblieben ist eigentlich nur das Bild ganz oben auf der Seite: Mohammed mit der Bombe im Turban, gezeichnet von Kurt Westergaard. Der lebt seitdem unter Polizeischutz, entging vor fünf Jahren nur knapp einem Attentat. Auch Refn musste um sein Leben fürchten. Dabei sei es ihm nur um einen Scherz gegangen, sagt er. Er streicht über seine Zeichnung ganz unten auf der Seite.

Flemming Rose, ehemaliger Kulturchef der «Jyllands-Posten».

In einem Café, nicht weit von Lars Refns Büro, sitzt der Mann, der diese Seite verantwortet hat. Flemming Rose war damals Kulturchef bei «Jyllands-Posten». Genau wie Refn fühlt er sich bis heute missverstanden, wenn auch aus anderen Gründen. Nazi, Rassist, ­xenophob haben sie ihn genannt. All das sei er nie gewesen. Er habe nicht die Absicht gehabt zu provozieren. Es sei ihm nicht mal um Meinungsfreiheit gegangen, sagt er heute. Im Brief, den er damals an Lars Refn und die anderen Karikaturisten schrieb, stand: «‹Jyllands-Posten› ist auf der Seite der Meinungsfreiheit.»

Ja, es gibt diese Selbstzensur

Heute gleicht «Jyllands-Posten» einer Festung. Das Hauptstadtbüro in Kopenhagen liegt schräg gegenüber dem Rathaus. Kameras, Sicherheitsschleusen – je weniger Menschen hier hineinkommen, desto besser. Deswegen trifft sich Rose, der inzwischen das aussenpolitische Ressort der Zeitung leitet, auch ­lieber in einem Café. Über seine Sicherheit möchte er nicht sprechen. Doch die beiden Männer, die an zwei Tischen hinter Rose sitzen und gelangweilt in den Raum starren, sprechen für sich. Flemming Rose wird ein Sicherheitsproblem haben, für den Rest seines Lebens. Das weiss er.

Dabei begann die Geschichte harmlos – mit einem Kinderbuch, das ein dänischer Autor über den Islam geschrieben hatte. Bunte Bilder wollte er dafür noch haben, auch vom Propheten Mohammed. Der Kinderbuchautor erzählte damals, er habe Schwierigkeiten, jemanden für diese Aufgabe zu finden. Mehrere Illustratoren hätten aus Angst vor Reaktionen von Muslimen abgesagt. «Jyllands-Posten» entschied sich deshalb zu einem Experiment. Zwei Fragen, erzählt Flemming Rose, diskutierten sie damals in der Redaktion: Herrscht tatsächlich Selbstzensur, wenn es um den Islam geht? Und wenn ja, basiert diese auf einem Hirngespinst oder auf der Realität?

Die Geschichte begann harmlos – mit einem Kinderbuch, das ein dänischer Autor über den Islam geschrieben hatte. Bunte Bilder wollte er dafür noch haben.

Rose schrieb einen Brief an die Mitglieder des Verbands dänischer Karikaturisten und bat sie, den Propheten so zu zeichnen, wie sie ihn sehen. Zwölf ­kamen seiner Aufforderung nach. Heute, zehn Jahre später, steht für ihn fest: Ja, es gebe diese Selbstzensur, und ja, die Angst dahinter habe reale Gründe, denn Menschen wurden umgebracht, in Paris, in Kopenhagen.

Als die Karikaturen am 30. September 2005 erschienen waren, passierte zunächst nicht viel. Nur die dänischen Muslime waren empört, verlangten eine Erklärung von der Regierung. Nicht nur wegen der Karikaturen, sondern wegen des allgemein fremdenfeindlichen Klimas im Land. Damals unterstützte die Dänische Volkspartei die bürgerliche Regierung. Die Antieinwanderungspartei hatte sich besonders auf die Muslime eingeschossen, auf der Website einer Parlamentarierin wurden sie mit «Krebszellen» verglichen, der Kulturminister sprach von einer mittelalterlichen Kultur, mit der sich die Dänen herumschlagen müssten.

Der Redaktor Flemming Rose kennt natürlich den harschen Ton aus Kopenhagen, der sich seither kaum gebessert hat, wenn es um Muslime geht. «Es gibt einen Unterschied zwischen Worten und Taten», sagt er dann. Man solle Dänemark lieber nach seinen Taten beurteilen. Die Mohammed-Karikaturen zählen für ihn in die Kategorie Worte.

 Warum Dänemark über seine Muslime lache, sie entmenschliche, das habe man damals von der Regierung wissen wollen.

Auf fünf Worte wartet der Sprecher der Islamischen Gemeinschaft Dänemarks, Imran Shah, bisher vergeblich: «Der Islam gehört zu Dänemark.» Doch Imran Shah ist in Dänemark geboren und seine Regierung von einem solchen Bekenntnis weit entfernt. Vor zehn Jahren, als die Karikaturen erschienen, sei die Rhetorik gegen Muslime in seiner Heimat «sehr hart, sehr hasserfüllt» gewesen. Er erinnert sich gut an den Tag, als die Karikaturen publiziert wurden. Damals ging er noch zur Uni, entdeckte die Zeichnungen in einem Frei-Exemplar. Seinen ersten Gedanken formuliert er heute diplomatisch. «Wie ignorant, eine Diskussion über Meinungsfreiheit auf diese Weise zu starten.» Warum Dänemark über seine Muslime lache, sie entmenschliche, ihre Motive infrage stelle, all das habe man damals von der Regierung wissen wollen.

Deren Schweigen ist heute eine von mehreren Erklärungen dafür, dass der Konflikt eskalierte. Der damalige Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen ignorierte die Bitte der Botschafter mehrerer islamischer Länder, sich mit ihnen zu treffen. Der Verband, für den Imran Shah heute arbeitet, schickte dänische Imame unter anderem nach Ägypten und in den Libanon. Sie hatten Karikaturen dabei, nicht nur die aus «Jyllands-Posten», sondern auch viel derbere, die Islamhasser dem Verband zugesandt hätten, sagt Imran Shah, der Prophet mit Schweinekopf zum Beispiel. Anfang 2006 brannten westliche Botschaften in Damaskus, in Beirut, in Teheran. Shah betrachtet die Muslime in Dänemark trotzdem als Opfer. «Wir bereuen unsere Strategie von damals nicht», sagt er. Er bedauere zwar den Schaden, die Toten, die es bei den Protesten gab. Aber Schuld daran sei die dänische Regierung.

Kein multikulturelles Land

Worte und Taten. Flemming Rose sitzt im Café und spricht zwischendurch so leise, dass die Espressomaschine ihn übertönt. Seine Entscheidung von damals hat er oft erklärt, sich oft gerechtfertigt, auch vor sich selbst. Es sei ihm nie darum gegangen, Stimmung gegen Muslime zu machen. Doch wenn man Muslime nicht beleidigen dürfe, dürfe man auch Christen, Buddhisten, Juden und alle nicht religiösen Gefühle von ­Kapitalisten, Liberalen, Marxisten und Kommunisten nicht beleidigen. Dann dürfe man am Ende gar nichts mehr sagen. «The Tyranny of Silence», sagt er dazu. So heisst sein Buch, das 2010 zur Karikaturenkrise erschienen ist.

Rose hat 2005 auch den Begleittext zu den Karikaturen geschrieben. In einer säkularen Demokratie müsse jeder Hohn, Spott und Lächerlichkeit ertragen können, stand darin. Heute sagt Rose aber auch, er habe damals nicht gewusst, wie beleidigend die Karikaturen für Muslime tatsächlich waren.

Lars Refn beschreibt die ­Dänen als kleinen Stamm, der einträchtig um ein Feuer sitzt. Wer mit ans Feuer will, muss sich anpassen.

Integration ist keine einfache Sache in Dänemark. Die Dänen sind ein kleines Volk, das in seiner Geschichte viele Kämpfe verloren hat, zusammenrücken musste und nun misstrauisch nach draussen blickt. Dänemark hat fünfeinhalb Millionen Einwohner; die Gesellschaft ist mit ihren geringen sozialen ­Unterschieden durchlässiger als andere, aber nach aussen hin verschlossener. Karikaturist Lars Refn beschreibt die ­Dänen als kleinen Stamm, der einträchtig um ein Feuer sitzt, wo alle dieselbe Sprache sprechen und sich grundsätzlich einig sind. Darauf baut der dänische Sozialstaat auf, in den jeder viel einzahlt und dafür viel zurückbekommt. Wer mit ans Feuer will, muss sich anpassen.

Eine Herausforderung für etwa 250'000 Muslime in Dänemark. Viele wohnen im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro. Die Speisekarte an der Wand über dem Döner-Grill, die Friseur-Anzeige im Bus zur Moschee, überall gibt es arabische Schriftzüge. Im Juni war Wahlkampf, während eines TV-Duells wurden die beiden Spitzenkandidaten gefragt, ob Dänemark ein multikulturelles Land sei. «Nein, ich denke nicht», sagte die damalige Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt, eine Sozialdemokratin. «Nein, aber wir laufen Gefahr, eines zu werden», sagte ihr Herausforderer Lars Løkke Rasmussen, der kurz darauf Ministerpräsident wurde.

«Die Redaktion von ‹Jyllands-Posten› ist eine Bande reaktionärer Provokateure.», schrieb Refn. Doch das kann nur lesen, wer Arabisch versteht.

Die dänische Regierung setzt sich heute wieder fast genauso zusammen wie vor zehn Jahren. Die Liberalen regieren erneut, gestützt von den Rechtspopulisten. Nur die Dänische Volkspartei ist heute noch einflussreicher als damals. Angetrieben von dem Erfolg der Rechten, haben fast alle Parteien ihre Ausländerpolitik verschärft. Lars Løkke Rasmussen wurde mit dem Versprechen Premier, den Flüchtlingszustrom zu stoppen, und hat als Erstes die relativ grosszügigen Hilfen für Asylbewerber gekürzt. An der europäischen Flüchtlingspolitik nimmt Dänemark nicht teil. Rasmussens Kompromiss: 1000 Menschen will Dänemark angesichts des grossen Andrangs in den Nachbarländern zusätzlich freiwillig aufnehmen.

Lars Refn, Karikaturist beim Magazin «Ingeniøren».

Lars Refn zeichnet für das Magazin «Ingeniøren», da dreht sich alles um Technik und Wissenschaft. Mit religiösen Themen hat er gewöhnlich nichts zu tun. Als vor zehn Jahren die Einladung von Flemming Rose kam, Mohammed zu zeichnen, da dachte Lars Refn: «Das ist nicht okay.» Er wollte sich nicht über eine religiöse Minderheit lustig machen, die es ohnehin schon schwer hatte in Dänemark. Er wollte stattdessen «Jyllands-Posten» einen Denkzettel verpassen, Flemming Rose einen Streich spielen – und schickte ihm eine Karikatur. Sein Mohammed war kein Prophet, sondern der Schuljunge Mohammed aus der Valbyskole 7A. So steht es auf der Zeichnung, die einen kleinen Jungen vor einer Schultafel zeigt. Auf der steht mit Kreide ein Spruch auf Arabisch. Der stammt auch von Lars Refn, ein Freund hat ihm dabei geholfen: «Die Redaktion von ‹Jyllands-Posten› ist eine Bande reaktionärer Provokateure.» Doch das kann eben nur lesen, wer Arabisch versteht.

Der gelungene Streich

Flemming Rose sagt, er kann sich nicht erinnern, ob ihm das vor oder nach der Veröffentlichung aufgefallen sei. Refn ist sich sicher: Es war danach. Seine Freude über den gelungenen Streich hielt aber nicht lange an. Viele Muslime haben sich die Zeichnungen nicht so genau angesehen und zunächst keinen Unterschied zwischen seiner Karikatur und der von Kurt Westergaard erkannt. Am Freitag vor den Herbstferien 2005 mussten sich Lars Refn, seine Frau und seine Tochter verstecken. Ein junger Mann aus Århus hatte gedroht, dem Zeichner den Kopf abzuschneiden.

Im Februar, wenige Wochen nach den Anschlägen in Paris, hat ein junger Mann in Kopenhagen um sich geschossen, hat zuerst eine Diskussionsveranstaltung angegriffen, bei der es um Karikaturen und Meinungsfreiheit ging, und danach die Synagoge. Er tötete zwei Menschen, bevor die Polizei ihn erschoss. Der erste Angriff galt vermutlich Lars Vilks, einem schwedischen Künstler, der Mohammed als Hund gezeichnet hatte und in Dänemark mehr Respekt geniesst als in seiner Heimat.

Flemming Rose muss gleich los, zum Flughafen. Er bekommt in Oslo einen Preis für Meinungsfreiheit.

Nach dem Anschlag auf «Charlie Hebdo» haben andere Zeitungen in Europa Karikaturen des Magazins aus Solidarität gedruckt. «Jyllands-Posten» hat das nicht getan, die Zeitung wollte ihre Mitarbeiter schützen. «Gewalt wirkt», war die Überschrift des Leitartikels an jenem Tag. Rose sagt, er habe mit dieser Entscheidung kein Problem, er habe nur eines mit Leuten, die ihre Angst nicht zugeben.

Zum Schluss sagt er noch, Umfragen zeigten, dass es heute noch mehr Dänen richtig finden, dass die Mohammed-Karikaturen 2005 veröffentlicht wurden. Würde er sie also noch mal drucken? «Da müsste ein sehr breites Spektrum der Gesellschaft dahinterstehen.» Im Moment stehen hinter Flemming Rose nur zwei Männer. Sie erheben sich, als er aufsteht. Zu dritt verlassen sie das Café.

Erstellt: 30.09.2015, 23:57 Uhr

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