«Al-Qaida hat in Libyen ein grosses Problem»

Libyen präsentiert sich zurzeit eigentlich genau so, wie es sich die Terrororganisation erträumt: Chaotisch, aufgewühlt, instabil. Wie sich al-Qaida dort nun entfalten will, weiss Terrorismus-Experte Philipp Holtmann.

«Kommunikativ ist al-Qaida unheimlich präsent»: Videobotschaft von Ayman al-Zawahri, der Nummer 2 des Terrornetzwerkes, ans ägyptische Volk vom 3. März 2011.

«Kommunikativ ist al-Qaida unheimlich präsent»: Videobotschaft von Ayman al-Zawahri, der Nummer 2 des Terrornetzwerkes, ans ägyptische Volk vom 3. März 2011. Bild: AFP

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Ghadhafi sagte wiederholt, das Terrornetzwerk al-Qaida sei verantwortlich für die Unruhen in Libyen. Was steckt hinter dieser Behauptung?
Ich glaube nicht, dass das stimmt. Die Strategen der al-Qaida waren genauso überrascht von den Umwälzungen wie die arabischen Herrscher.

Was will Ghadhafi mit solchen Anschuldigungen erreichen?
Es sieht aus wie ein verzweifelter Versuch, westliche Unterstützung zu erhalten. Ghadhafi geht davon aus, dass der Westen sich gegen die Aufständischen wendet, wenn er befürchtet, al-Qaida sei in die Aufstände involviert.

Al-Qaida ist aber gerade im Osten des Landes, der von den Oppositionellen dominiert wird, stark und hat ein grosses Interesse an Ghadhafis Sturz. Ausserdem benötigen die Aufständischen jegliche militärische Hilfe.
Tatsächlich präsentiert sich die Situation in Libyen, aber auch in den restlichen arabischen Ländern, genau so, wie es sich al-Qaida immer erträumt hat: Volksaufstände, besetzte Infrastrukturen, instabile Verhältnisse. Nur gibt es ein grosses Problem, denn es handelt sich nicht um jihadistische Bewegungen, es sind säkulare Revolutionen. Die Leute verlangen Demokratie, Freiheit und Menschenrechte. Diese Werte liegen entgegengesetzt zu denjenigen der Jihadisten.

Um al-Qaida ist es bereits vor den Aufständen ruhiger geworden. Hinzu kommen die säkularen Revolutionen. Könnte dies das Ende der Terrororganisation einläuten?
Darin einen Rückzug zu sehen, wäre verfrüht. Man muss auch unterscheiden zwischen der operativen Spitze um Osama Bin Laden und Ayman al-Zawahri einerseits und dem Gesamtkonzept des Jihadismus andererseits. Terrorismus ist eine Form der Kommunikation. Und kommunikativ ist al-Qaida als Konzept unheimlich präsent. Im Internet finden sich hunderttausende von Beiträgen auf Diskussionsforen, in denen das jihadistische Weltbild unterstützt wird. Viele junge Männer, verstreut über die ganze Welt, radikalisieren sich alleine, zuhause vor dem Computer.

Ayman al-Zawahri, die Nummer zwei von al-Qaida, liess kürzlich in einer Botschaft verlauten, Zivilisten sollten bei Terroranschlägen geschont und nur strategische Ziele angegriffen werden. Zeichnet sich denn zumindest ein Paradigmenwechsel ab?
Al-Qaida ist äusserst durchorganisiert und unglaublich professionell in ihrer Medienarbeit. Die Strategen wissen genau, dass sich unzählige Experten und Journalisten mit ihnen beschäftigen. Es ist daher ein schlauer Schachzug, sich als gute, integre Kämpfer darzustellen. Schlussendlich dient dies jedoch nur der Steigerung ihrer Popularität und entspricht nicht den realen Handlungen.

Terrororganisationen profitieren generell von instabilen und chaotischen Verhältnissen. Was ist zu erwarten?
Al-Qaida hat zwar den Zug nicht ins Rollen gebracht, möchte aber sicher aufsteigen. Die Jihadisten warten momentan eher ab und überlegen sich ganz genau, wie sie reagieren wollen. Sie halten sich medial zurück und behindern den Aufstand in keiner Weise, denn die Leute sollen die Regime stürzen. Al-Qaida versucht, ihnen strategisches Wissen und Ratschläge zu vermitteln. Die Jihadisten glauben durchaus, dass es sich hierbei um eine gesamt-muslimische Revolution handle, auch wenn das arabische Volk noch nichts von dem weiss. Al-Qaida will die revolutionäre Energie des Volkes anzapfen.

Wie wollen sie die Araber auf islamistischen Kurs bringen?
Wo Chaos und Unsicherheit herrscht, wie jetzt in Libyen, können sich militante Gruppen jeglicher Couleur leichter etablieren. Und al-Qaida hat immer wieder grosses Talent darin bewiesen, sich anzupassen und neu zu erfinden. Tunesien und Ägypten sind wirtschaftlich und politisch noch nicht stabil, hier besteht Potenzial, Leute zu manipulieren und zu rekrutieren. Die islamischen Extremisten gebrauchen gern den Begriff der Intifada, der stark in der arabischen Widerstandskultur verwurzelt ist. Auch die palästinensische Intifada war zu Beginn säkular, heute ist die palästinensische Gesellschaft jedoch religiös geprägt.

Die gestürzten Diktatoren waren enge Verbündete des Westens im Kampf gegen den Terrorismus. Wie sollte der Westen nun agieren?
Der Westen soll die Bildung demokratischer Institutionen unterstützen, sich aber gleichzeitig nicht zu stark einmischen, denn zu viel Einfluss birgt die Gefahr anti-westlicher Ressentiments, die den Terroristen in die Hände spielen. Die Demokratien die jetzt aufgebaut werden müssen, dürfen keine reinen Kopien des Westens sein, sondern müssen auf traditionellen und kulturellen Gegebenheiten der arabischen Länder basieren um längerfristige Stabilität zu garantieren. Der Westen sollte sich nicht militärisch betätigen, ansonsten könnte sich die Situation ähnlich desaströs wie im Irak oder in Afghanistan entwickeln.

Erstellt: 11.03.2011, 13:52 Uhr

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